„Wie viel Armut muss noch sein?“

Pressemitteilung - geschrieben am 20.09.2022 - 07:48

Der PARITÄTISCHE Regionalverbund Nordschwarzwald veröffentlicht ersten Armutsbericht für die Region

Pforzheim/Nordschwarzwald 20.09.2022
DER PARITÄTISCHE Regionalverbund Nordschwarzwald veröffentlichte heute den ersten Armutsbericht für die Region Nordschwarzwald mit dem Stadtkreis Pforzheim und den Landkreisen Calw, Freudenstadt und Enzkreis. Danach sind über 100.000 Menschen in der Region von Armut betroffen. Das ist  jede sechste Person. Am stärksten sind ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Kinder und Jugendliche betroffen.

Der PARITÄTISCHE Regionalverbund Nordschwarzwald appelliert an die Kommunen, die Ursachen für Armut gezielt zu bekämpfen. Die Kinderbetreuung müsste für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf flexibler und der Ausbau von Ganztagesschulen weiter vorangetrieben sowie eine Armutsberichterstattung im Rahmen des Sozialmonitorings fortgeschrieben werden.

„Wir verstehen es als unsere Aufgabe, Handlungsbedarf bei der Politik und der Verwaltung anzuzeigen und sind der Meinung, dass wir vor Ort einen Gestaltungsrahmen haben, den wir  auch nutzen sollten“, erklärt Ute Hötzer, Regionalverbundsprecherin beim Paritätischen Nordschwarzwald die Beweggründe für die Veröffentlichung des vorliegenden Berichts. „Zudem glauben wir, dass diese immer größer werdende Ungleichheit unsere Demokratie und den sozialen Frieden bedrohen und wir offensichtlich nicht müde werden dürfen immer wieder den gesellschaftlichen Kompass neu zu justieren und mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land, in unserer Region zu streiten. Denn - ein gutes soziales Klima wird maßgeblich sein, um die sogenannte Zeitenwende erfolgreich zu meistern“, ergänzt Hötzer.

Die Regionalverbundsprecherin appelliert an die Kommunen die Armutsberichterstattung im Rahmen des Sozialmonitorings zu berücksichtigen und fortzuschreiben. Eine regelmäßige Erhebung von Strukturdaten sei zudem für die Planung der sozialen Arbeit erforderlich. Konkret fordert Hötzer den Einsatz flexibler Kinderbetreuungsformen, um mehr Betreuungsmöglichkeiten zu schaffen und damit Eltern zu ermöglichen, arbeiten zu können. Zudem sei es wichtig, den Ausbau von Ganztagesschulen weiter voranzutreiben und mehr Anstrengungen zu unternehmen, um Personal und Fachkräfte für die Bildungsberufe zu gewinnen, so Hötzer weiter. „Wir brauchen Entbürokratisierung, Hilfen aus einer Hand und zur Unterstützung der Bildungsgerechtigkeit ein niederschwelliges Angebot mittels Sprach- und Kulturmittler, die über das deutsche Bildungssystem informieren“, nennt Hötzer weitere Forderungen.

Im Stadtkreis Pforzheim beziehen mit 10,7 Prozent nahezu doppelt so viele Menschen Sozialhilfeleistungen* wie in Baden-Württemberg (5,6 Prozent). Die Landkreise liegen deutlich darunter in Calw (3,6 Prozent), in Freudenstadt (3,7 Prozent) und im Enzkreis (3,2 Prozent).

In Freudenstadt liegt mit 22 Prozent der Anteil armutsbetroffener älterer Menschen, die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung beziehen, gegenüber Pforzheim (13 Prozent), Calw (18 Prozent) und Enzkreis (14 Prozent) extrem hoch. Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund ist hingegen mit 10 Prozent im Enzkreis am größten im Vergleich zu den benachbarten Stadt- und Landkreisen in Pforzheim (4 Prozent), Calw (9 Prozent) und Freudenstadt (8 Prozent). Dramatisch ist der Anteil an Kindern und Jugendlichen, die in Familien mit SGB II-Bezug leben, in Pforzheim 18,1 Prozent demgegenüber in Calw und im Enzkreis mit 5,2 Prozent und in Freudenstadt mit 4,7 Prozent.

Den PARITÄTISCHEN Armutsbericht Nordschwarzwald finden Sie unter dem unten stehenden Link!

 

Hintergrundinformation

Die Berichterstattung des PARITÄTISCHEN zählt einer EU-Konvention entsprechend Haushalte als arm, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegen. Diese Armutsschwelle lag 2021 bei einer alleinstehenden Person bei einem monatlichen Einkommen von 1148 Euro, bei einem Paar ohne Kinder bei 1721 Euro. Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren gelten nach dieser Definition als armutsgefährdet, wenn sie weniger als 1492 Euro monatlich zur Verfügung haben. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren sind es 2.410 Euro.

*Sozialhilfeleistungen bzw. Mindestsicherungsleistungen sind finanzielle Hilfen des Staates (Bund, Land, Kommunen), die zur Sicherung des grundlegenden Lebensunterhalts an leistungsberechtigte Personen ausgezahlt werden. Zu den sozialen Mindestsicherungsleistungen zählt die Grundsicherung für Arbeitssuchende (Arbeitslosgengeld II/Sozialgeld) auch als Hartz IV bekannt, Sozialhilfe/ Hilfe zum Lebensunterhalt für vorrübergehend oder längerfristig Erkrankte sowie Kinder unter 15 Jahren, die nicht bei ihren Eltern wohnen als auch Vorruhestandsrentner*innen mit geringer Rente, Sozialhilfe/Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung sowie Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

DER PARITÄTISCHE
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg ist einer der sechs anerkannten Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Er ist weder konfessionell, weltanschaulich noch parteipolitisch gebunden. Der Verband steht für Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe und wendet sich gegen jegliche Form sozialer Ausgrenzung. Ihm gehören 11 Regionalverbünde an, darunter der Regionalverbund Nordschwarzwald mit den Kreisverbänden Calw, Freudenstadt und Pforzheim/Enzkreis. Rund 120 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen der Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendschutz, Familie und Bildung, Straffälligen- und Opferhilfe, Suchtberatung und –hilfen, Teilhabe und berufliche Wiedereingliederung, Altenhilfe, Selbsthilfe sowie Mädchen- und Frauenarbeit, fachspezifische Beratungsangebote, Gesundheit und Prävention gehören dem Regionalverbund an.

 

Armutsbericht PARITAET NSW_2022

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