Auftakt des Projekts „Vereinsbegleitung“ in den Regionen

Anlässlich der Auftaktveranstaltungen des Projekts an den beiden Standorten am 05.10.2020 in Heidelberg und 12.10.2020 in Friedrichshafen führte Regina Steinkemper, Bereichsleitung Bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe und Gesundheit, ein Interview mit Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg zum Projektstart vor Ort.Bild entfernt.

Regina Steinkemper: Bei dem Projekt geht es um die Unterstützung von Vereinen. Unser Landesverband ist ein Dachverband von rund 870 rechtlich selbständigen Mitgliedsorganisationen in Baden-Württemberg - darunter ist ein großer Teil als Verein organisiert. Was sind das für Vereine? Aus welchen Motiven haben sich diese und von wem gegründet? Sehen Sie hier Unterschiede zu anderen Vereinen?
 

Ursel Wolfgramm: In der Tat sind im PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen wie Vereine, Stiftungen, gemeinnützige GmbHs u.a. Mitglied – aktuell 874 an der Zahl. Die allermeisten haben die Rechtsform des eingetragenen Vereins (e.V.). Gewissermaßen selbstredend für einen Wohlfahrtsverband sind diese Organisationen dem Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich zuzuordnen.

Viele kommen aus der Tradition der Selbsthilfeorganisationen, beispielsweise die Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung, die nach dem 2. Weltkrieg als zuerst reiner Elternselbsthilfeverein gestartet war und sich mittlerweile zu einer großen gemeinnützigen Organisation mit dem Ziel der Eingliederung und der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung weiterentwickelt hat und zum Wohle nicht nur der Menschen mit Behinderung inklusiv tätig ist. Viele Mitgliedsvereine entstammen sozialen Bewegungen, beispielsweise die gesundheitsbezogene Selbsthilfe als eigenständige Kraft im Gesundheitswesen oder die Trägervereine von Schutzeinrichtungen für von Gewalt bedrohte Frauen und Kinder, die auf die autonome Frauenbewegung zurückgehen. Insgesamt haben wir im PARITÄTISCHEN eine sehr heterogene und plurale Mitgliederschaft. Damit sind wir mit unserer Vielfalt mehr oder weniger ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Man kann vielleicht unterm Strich sagen, dass bei den Paritätischen Mitgliedsorganisationen die sozialen Motive von Fremd- und gegenseitiger Hilfe für zumeist benachteiligte, hilfebedürftige Menschen und die Selbstorganisation im Vordergrund stehen und weniger Aspekte wie Sport, Bewegung und Geselligkeit. Es kommen Menschen, die helfen wollen, aber auch lernen wollen, sinnstiftende Tätigkeiten suchen, auch Spaß und Anerkennung haben und (im überschaubaren Rahmen) auch Verantwortung übernehmen wollen. Da ist dann letztlich mehr Gemeinsames als Trennendes mit Vereinen aus anderen Bereichen vorhanden.

Regina Steinkemper: Welche Entwicklungen sehen Sie bei den Mitgliedsvereinen im Hinblick auf die Entwicklung von Mitgliederzahlen, die Gewinnung von Freiwilligen/Ehrenamtlichen und insbesondere die Besetzung von Vorstandsämtern?


Ursel Wolfgramm: Die Mitgliederzahlen in den Mitgliedsorganisationen entwickeln sich ganz unterschiedlich. Einige Trends: Die MO mit der höchsten Mitgliederzahl, der VdK, mit mittlerweile 224.000 Mitgliedern in Baden-Württemberg verzeichnet Jahr für Jahr einen weiteren Mitgliederzuwachs. Bei vielen Mitgliedsorganisationen stagnieren die Mitgliederzahlen, bei einer Reihe von Organisationen mit älterer Mitgliederzusammensetzung – etwa in gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppen – gehen die Mitgliederzahlen zurück bzw. es fehlt an genügend Nachwuchs aus jüngeren Altersgruppen.

Die Entwicklung der Freiwilligen ist nicht einheitlich. Wir beobachten bzw. bekommen aus Mitgliedsorganisationen einerseits immer wieder berichtet, dass in vielen Organisationen die Zahl der Freiwilligen rückläufig ist und noch mehr, dass es Schwierigkeiten gibt, geeignete Nachfolger*innen für Vorstandsämter zu finden bzw. dass die Bereitschaft gesunken ist, im Ehrenamt längerfristig eine Aufgabe zu übernehmen. Im Gegenzug gibt es eine Reihe von Organisationen wie Trägervereine von Kindertagesstätten, Migrantenorganisationen, Asylhelferkreise und oder die selbstorganisierte Nachbarschaftshilfe während der Corona-Pandemie, die einen stärkeren Zulauf zu verzeichnen haben.

 

Regina Steinkemper: Wie reagiert der Verband auf die Veränderungsprozesse in den Vereinen? Welche Angebote können wir als Dachverband den Mitgliedern bei der Organisationsentwicklung machen bzw. welche werden besonders nachgefragt?

Ursel Wolfgramm: Viele Mitgliedsorganisationen – vor allem die größeren – reagieren von sich aus auf die veränderten Motivlagen und Bereitschaften zum freiwilligen Engagement in der Bevölkerung und haben eigene Gewinnungsprogramme und Organisationsveränderungen auf die Beine gestellt -  teils selbständig, teils in Zusammenarbeit mit unseren Fachbereichen.

Die gewachsenen Aufgaben und Anforderungen in Vereinen, ihren Einrichtungen und Diensten vor allem in wirtschaftlicher, rechtlicher und personeller Hinsicht bringen die Ehrenamtlichkeit (v. a. wiederum in den Vorständen) an ihre Grenzen und machen Weiterentwicklungen ganz im Sinne von Corporate Governance – also guter und verantwortlicher Organisationsführung und -kontrolle – sowie Unterstützungsangebote verschiedenster Art zwingend notwendig. Das bedeutet zum einen die Einrichtung hauptamtlicher Vorstände und ehrenamtlicher Aufsichtsorgane bei mittleren und großen Vereinen und die Modernisierung auch kleinerer Vereine durch Enthierarchisierung, Vorstandsteams, Aufgabenteilung, Qualifizierung und aktive Beteiligung der Mitgliederschaft. Hier gibt zum einen die Rechtsberatung des Verbands Hilfestellungen für Mitglieder. Wir versuchen zudem, die bei unseren Mitgliedsorganisationen vorhandene Expertise miteinzubeziehen. Etwa, indem wir gemeinsam in Projekten Leitfäden als Orientierungshilfen zu Themenfeldern wie „Freiwilligenmanagement“ und „Wechsel im Vorstand“ erarbeitet haben, das Know-how über unsere verbandlichen Medien und über bei der Paritätischen Akademie angesiedelte Fortbildungsangebote transportieren.

Intensiv nachgefragt wird zum einen Rechtsberatung hinsichtlich notwendiger satzungsrechtlicher Veränderungen im Kontext von Vereinsentwicklungen. Vor allem kleinere Mitgliedsorganisationen haben Bedarf an möglichst ortsnaher Begleitung. Hier knüpfen unsere Überlegungen an, geeignete „Kümmerer-Strukturen“ zu entwickeln, Vereinen niederschwellig und vor Ort und längerfristig bzw. auf Dauer angelegt, Unterstützungs- und Begleitangebote an die Seite zu stellen bzw. sie zu einer Selbstorganisation ihrer Belange anleiten zu können. Genau dies ist der Ausgangspunkt des Projekts „Vereinsbegleitung“.


Regina Steinkemper: Was hat Sie als Verbandsleitung zum Start des Projekts "Vereinsbegleitung" besonders motiviert? Was ist Ihre Erwartung, was sollte in knapp einem Jahr - beim Projektende - erreicht sein?

Ursel Wolfgramm: Der PARITÄTISCHE will regional präsenter werden. Vereinsleben und freiwilliges Engagement geschehen allermeist vor Ort, in der Gemeinde, in der Stadt und im Kreis. Unterstützungsangebote eines zivilgesellschaftlichen Dachverbandes müssen hier regional und kooperativ ausgerichtet sein, verbunden mit der Neugier, die Potenziale des bürgerschaftlichen Engagements über Verbandsgrenzen hinweg gemeinsam mit möglichst vielen Kooperationspartnern auszuschöpfen und in das örtliche Gemeinwesen einzubringen.

Meine Erwartung bzw. Hoffnung dabei ist, dass sich erst einmal an den beiden Standorten genügend interessierte und motivierte Menschen finden, die an der Qualifizierungsreihe zur Vereinsbegleitung teilnehmen, die ihre Interesse und ihre Bereitschaft  zur Übernahme von Vereinsbegleiter-Aufgaben vertiefen und die sich zu einem Team zusammenfinden.

Als zweites ist zu wünschen, dass es in diesem Erprobungsjahr gelingt, über die Vereinsbegleiter*innen vor Ort Schritt für Schritt Vereinsforen aufzubauen, in die hoffentlich viele ortsansässige Vereine einbezogen sind und in ihren Alltagsanliegen wie Zukunftssorgen besser miteinander vernetzt und unterstützt werden können. Einen besonders aktiven Part haben dabei zweifelsohne die freiwilligen Vereinsbegleiter*innen.

Wenn wir in einem Jahr in den beiden Modellregionen soweit gekommen sind, dass ausgebildete Vereinsbegleiter*innen in ersten Runden Vereinsforen initiiert haben und aktiv und weitgehend selbständig weiter tragen und wir Anhaltspunkte gewonnen haben, wie wir dies auch in anderen Regionen anpacken können, dann haben wir viel erreicht und wissen, wo wir weiter machen können und sollten. Da würde ich auch gerne weiterhin auf die Unterstützung des Landes zählen wollen, welches das jetzige Projekt dankenswerterweise fördert.

Auf die Vereine kommen in und nach Corona schwere Zeiten zu, da sollten wir sie nicht auf sich alleine gestellt lassen!

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