Wie wir junge Menschen am Übergang Schule–Beruf nicht verlieren

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junger Mensch steht auf einem Waldweg der in der Ferne von Licht angestrahlt wird
Was brauchen junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Arbeit?

Junge Menschen gehen beim Übergang Schule–Beruf vor allem dann verloren, wenn Hilfesysteme nicht zusammenarbeiten und Angebote nur befristet finanziert sind. Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit (aJusa) schließt diese Lücken durch verlässliche Beziehungen, niedrigschwellige und freiwillige Begleitung. Der Paritätische Baden-Württemberg fordert dafür verlässliche Finanzierung, Kooperation auf Augenhöhe und eine verbindliche rechtliche Grundlage.

Alex ist 16 Jahre alt. Hinter ihr liegt eine Schulzeit mit mehr Brüchen als Erfolgen, vor ihr eine offene Zukunft. Ob aus dieser Situation ein Abbruch wird oder ein Neuanfang, hängt oft an einer einzigen Frage: Ist jemand für sie da?

Mit diesem Gedankenexperiment eröffnete Ulf Hartmann, Vorstand des Paritätischen Baden-Württemberg, den Fachtag „Junge Menschen stärken – arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit am Übergang Schule-Beruf“ am 8. Oktober 2026 in Stuttgart. Rund 130 Fachleute aus Jugendhilfe, Jobcentern, Agenturen für Arbeit, Kammern, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik waren zusammen gekommen um Antworten zu finden auf die Frage: Was brauchen junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen, damit sie ihren Weg in Ausbildung, Arbeit und Gesellschaft finden, und was leistet die aJusa dafür?

Warum gehen junge Menschen im Übergang Schule–Beruf verloren?

Junge Menschen "verschwinden" selten einfach. Sie gehen dort verloren, wo Hilfesysteme nicht zusammenpassen. Wer zwischen Schule, Jobcenter, Agentur für Arbeit und Jugendhilfe hin- und hergeschickt wird, bricht den Kontakt ab. Der Fachtag machte deutlich: Nicht die jungen Menschen sind schwer erreichbar, sondern die Hilfesysteme für sie.

Was wirkt: Beziehungen, Zeit und Verlässlichkeit

junge Frau spricht mit Beraterin

Über alle Praxisbeispiele hinweg zeigten sich vier Faktoren, die den Unterschied machen:

  • Beziehung: Verlässliche Bezugspersonen, Zutrauen und eine wertschätzende Haltung entscheiden oft darüber, ob ein junger Mensch den nächsten Schritt wagt.
  • Niedrigschwelligkeit: Kein wochenlanges Warten auf einen Termin, keine Formalien als Hürde.
  • Freiwilligkeit ohne Sanktionen: Wer ohne Druck kommen kann, kommt auch wieder, wenn es mal nicht klappt.
  • Zeit: Wirkung braucht Kontinuität. Begleitung darf nicht enden, sobald der Ausbildungsbeginn erreicht ist.

Der Keynote-Referent Prof. Dr. Benno Hafeneger (Philipps-Universität Marburg) betonte, dass Erwachsenwerden heute oft bis etwa Mitte 20 dauert. Begleitete Übergänge brauchen daher deutlich längere Zeitrahmen als bisher üblich.

Praxis zeigt, was möglich ist

junge Auszubildende beim Schweißen
  • Schule: In den AV-dual-Bildungsgängen in Karlsruhe schaffen fast 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler den Abschluss, knapp 30 Prozent gehen direkt in eine Ausbildung. Von 152 Jugendlichen blieb im letzten Schuljahr nur bei fünf der Verbleib unbekannt. Für jeden Abbruch wird ein Anschluss gesucht.
  • Entkoppelte junge Menschen: Das Landesmodellprojekt „SLAY! Your career“ erreichte von 2024 bis Juni 2026 156 junge Menschen, die weder in Schule, Ausbildung noch Arbeit waren. Von den 95 bisher abgeschlossenen Teilnahmen führten 48 direkt in Schule, Ausbildung, Arbeit oder einen Freiwilligendienst, 20 in Angebote anderer Rechtskreise und 18 in stabilisierende Angebote. Die Teilnehmenden berichten übereinstimmend von mehr Tagesstruktur, besserer psychischer Verfassung und klareren beruflichen Zielen. 
  • Zweite Chancen: Das „Haus der Lebenschance“ in Stuttgart holt Jugendliche und junge Erwachsene in 13 Monaten zum Hauptschulabschluss. Bislang haben dort über 115 junge Menschen ihren Abschluss geschafft.

Das Problem ist nicht das Wissen, sondern die Umsetzung

Moderator Jürgen Ripplinger: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“ Die Fachwelt weiß, was junge Menschen im Übergang brauchen. Was fehlt, sind stabile Rahmenbedingungen.

Viele gute Angebote hängen an befristeten Projekten und wechselnden Ko-Finanzierungen. Endet die Förderung, reißen Beziehungen genau dann ab, wenn sie am wichtigsten sind. Hinzu kommt: Ob ein junger Mensch Unterstützung erhält, hängt heute zu oft vom Wohnort oder von der kommunalen Kassenlage ab.

Weg von der Maßnahmenlogik, hin zu Vertrauen 

Heute wird Unterstützung in immer kleinere Maßnahmen zerlegt, mit eigenen Zielgruppen, Laufzeiten und Zuständigkeiten. Junge Menschen müssen in diese Raster passen, statt dass sich die Hilfe nach ihnen richtet. Wirksamer wäre es, den Fachkräften und sozialen Organisationen vor Ort mehr zu vertrauen: Sie wissen, was ein junger Mensch braucht. Dafür braucht es eine Finanzierung, die sich am Bedarf vor Ort orientiert und nicht daran, welcher Rechtskreis gerade zuständig ist.  

Was muss getan werden, damit junge Menschen nicht verloren gehen?

Ulf Hartmann leitete aus dem Fachtag drei gemeinsame Aufgaben ab:

  1. Verlässliche Finanzierung statt befristeter Projekte. Vertrauen lässt sich nicht in Ein-Jahres-Zyklen planen.
  2. Gemeinsame Zuständigkeit statt Zuständigkeitsgrenzen. Schule, Jugendhilfe, Arbeitsförderung, Betriebe und Kommunen müssen Unterstützung aus einer Hand ermöglichen.
  3. Eine verbindliche rechtliche Grundlage. Damit aus Unterstützung ein verlässlicher Anspruch wird, überall im Land.

Für Ulf Hartmann ist das vor allem eine Frage der Haltung: „Aus einem ‚Kann‘ muss ein ‚Wird‘ werden.“ Junge Menschen zu unterstützen ist keine freiwillige Zusatzleistung, sondern eine Verpflichtung unserer Gesellschaft. 

Dazu gehört auch, den Nutzen fair zu verteilen. Kommunen, Land, Bund, Arbeitsverwaltung, Sozialversicherungen und Wirtschaft profitieren von arbeitsweltbezogener Jugendsozialarbeit. Ein Beispiel dafür, wie Verantwortung gemeinsam getragen werden kann, ist die Jugendberufsagentur GO!ES im Landkreis Esslingen.

Warum das alle angeht

Junge Menschen, die erleben, dass Institutionen sie sehen und unterstützen, gewinnen Vertrauen zurück, in die Gesellschaft und in die Demokratie. Wer dagegen im System verloren geht, verliert auch den Glauben, dass sich Anstrengung lohnt.

Der Fachtag hat gezeigt: Es gibt keine „verlorene Generation“, aber es gibt Hilfesysteme, die in ihrer Feingliedrigkeit die jungen Menschen zu oft allein lassen. Der Paritätische Baden-Württemberg setzt sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern, der LAG Jugendsozialarbeit und allen Partnerinnen und Partnern dafür ein, dass aus guten Ansätzen verlässliche Strukturen werden.

FAQ - Häufige Fragen zum Thema

junge Person auf einem Weg im Wald auf das Licht zugehend

Was bedeutet arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit? Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit (aJusa) ist ein eigenständiges Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe nach § 13 SGB VIII und § 24 LKJHG Baden-Württemberg. Sie überbrückt die Schnittstellen zwischen Schule, Arbeitswelt und Hilfesystemen.

Für wen ist aJusa da? Für junge Menschen an Übergangspunkten: noch in der Schule, aber ohne Perspektive; in Ausbildung oder im Übergangssystem, aber gefährdet; nach Abbrüchen; oder schwer erreichbar von Schule, Jobcenter und Hilfesystemen.

Wie wirkt arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit? Die Wirkung zeigt sich in drei Bereichen: 

  • persönliche Entwicklung (Selbstwert, Zukunftsperspektiven), 
  • soziale Inklusion (tragfähige Beziehungen) und 
  • berufliche Integration. 

Im Landesmodellprojekt „SLAY! Your career“ führten von 95 abgeschlossenen Teilnahmen 86 in Anschlüsse, 48 davon direkt in Schule, Ausbildung, Arbeit oder einen Freiwilligendienst. Grundlagen für die Zahlen sind Verbleibsdaten und eine Teilnehmendenbefragung im Projekt.

Was muss sich politisch ändern? Der Paritätische Baden-Württemberg fordert 

  • verlässliche Finanzierung statt befristeter Projekte, 
  • Kooperation auf Augenhöhe zwischen Schule, Jugendhilfe, Arbeitsförderung, Betrieben und Kommunen sowie 
  • eine verbindliche rechtliche Grundlage, damit Unterstützung nicht vom Wohnort abhängt.