Junge Menschen stärken ➜ Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit am Übergang Schule-Beruf

Teilnehmende

Der Fachtag auf einen Blick

Rund 130 Fachleute aus freier und öffentlicher Jugendhilfe, Jobcentern, Agenturen für Arbeit, Kammern, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kamen am 8. Oktober 2026 im GENO-Haus Stuttgart zusammen. Der Paritätische Baden-Württemberg hatte zum Fachtag „Junge Menschen stärken – arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit am Übergang Schule-Beruf“ eingeladen.

Im Mittelpunkt stand die Frage, was junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen brauchen, damit sie ihren Weg in Ausbildung, Arbeit und Gesellschaft finden – und was die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit (aJusa) dafür leistet. Der Tag spannte den Bogen von der gesellschaftlichen Lage junger Menschen über Praxis und Wirkung arbeitsweltbezogener Jugendsozialarbeit bis zur Frage gemeinsamer Verantwortung von öffentlicher Hand, Unternehmen und Zivilgesellschaft/Sozialunternehmen für gelingende Eintritte ins gesellschaftliche und berufliche Leben. Moderiert hat Jürgen Ripplinger.

 

Programm

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Kernbotschaften

Werkstatt Schule
  • Beziehung macht den Unterschied. Ob ein junger Mensch an der Schwelle zur Arbeitswelt jemanden an seiner Seite hat, entscheidet oft über seinen weiteren Weg. Verlässliche Bezugspersonen, Zutrauen und eine wertschätzende Haltung wurden beitragsübergreifend als entscheidende Faktoren beschrieben.
  • aJusa ist ein eigenständiges Handlungsfeld mit klarem Auftrag. § 13 SGB VIII und § 24 LKJHG Baden-Württemberg begründen sie. Fachstandards und ein klares Wirkungsverständnis beschreiben, was gute Praxis ausmacht. Die SROI-Studie macht einen Teil ihres gesellschaftlichen Werts zusätzlich in Zahlen sichtbar – als Ergänzung, nicht als alleiniger Maßstab, wie Wirkung verstanden und gemessen werden sollte.
  • Nicht die jungen Menschen sind schwer erreichbar, sondern die Hilfesysteme für die jungen Menschen. Wer zwischen Zuständigkeiten hin- und hergeschickt wird, geht verloren. aJusa überbrückt diese Schnittstellen.
  • Wirkung braucht Zeit, Kontinuität und verlässliche Strukturen. Wer nicht begleitet wird, verschwindet. Begleitung muss deshalb so lange möglich sein, wie sie gebraucht wird – auch über den Ausbildungsbeginn hinaus. Befristete Projekte und wechselnde Kofinanzierungen brechen Beziehungen genau dann ab, wenn sie am wichtigsten sind.
  • Der Nutzen verteilt sich auf viele – die Verantwortung muss es auch. Kommunen, Land, Bund, Arbeitsverwaltung, Sozialversicherungen und Wirtschaft profitieren von arbeitsweltbezogener Jugendsozialarbeit. Der Beispiel Landkreis Esslingen mit seiner Jugendberufsagentur GO!ES zeigt, wie es gelingen kann.
  • aJusa stärkt Vertrauen – und damit die Demokratie. Junge Menschen, die erleben, dass Institutionen sie sehen und unterstützen, gewinnen Vertrauen zurück. Gehen sie im System verloren, zeigt sich das auch in ihrem Blick auf Politik und Gesellschaft.

Kernbotschaften

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Werkstatt Schule
  • Beziehung macht den Unterschied. Ob ein junger Mensch an der Schwelle zur Arbeitswelt jemanden an seiner Seite hat, entscheidet oft über seinen weiteren Weg. Verlässliche Bezugspersonen, Zutrauen und eine wertschätzende Haltung wurden beitragsübergreifend als entscheidende Faktoren beschrieben.
  • aJusa ist ein eigenständiges Handlungsfeld mit klarem Auftrag. § 13 SGB VIII und § 24 LKJHG Baden-Württemberg begründen sie. Fachstandards und ein klares Wirkungsverständnis beschreiben, was gute Praxis ausmacht. Die SROI-Studie macht einen Teil ihres gesellschaftlichen Werts zusätzlich in Zahlen sichtbar – als Ergänzung, nicht als alleiniger Maßstab, wie Wirkung verstanden und gemessen werden sollte.
  • Nicht die jungen Menschen sind schwer erreichbar, sondern die Hilfesysteme für die jungen Menschen. Wer zwischen Zuständigkeiten hin- und hergeschickt wird, geht verloren. aJusa überbrückt diese Schnittstellen.
  • Wirkung braucht Zeit, Kontinuität und verlässliche Strukturen. Wer nicht begleitet wird, verschwindet. Begleitung muss deshalb so lange möglich sein, wie sie gebraucht wird – auch über den Ausbildungsbeginn hinaus. Befristete Projekte und wechselnde Kofinanzierungen brechen Beziehungen genau dann ab, wenn sie am wichtigsten sind.
  • Der Nutzen verteilt sich auf viele – die Verantwortung muss es auch. Kommunen, Land, Bund, Arbeitsverwaltung, Sozialversicherungen und Wirtschaft profitieren von arbeitsweltbezogener Jugendsozialarbeit. Der Beispiel Landkreis Esslingen mit seiner Jugendberufsagentur GO!ES zeigt, wie es gelingen kann.
  • aJusa stärkt Vertrauen – und damit die Demokratie. Junge Menschen, die erleben, dass Institutionen sie sehen und unterstützen, gewinnen Vertrauen zurück. Gehen sie im System verloren, zeigt sich das auch in ihrem Blick auf Politik und Gesellschaft.

Grußwort: „Niemand ist da“ oder „Jemand ist da“

Ulf Hartmann

Ulf Hartmann, Vorstand Der Paritätische Baden-Württemberg

Ulf Hartmann eröffnete den Tag mit einem Gedankenexperiment. Alex, 16 Jahre, steht an einer Schwelle: hinter ihr eine Schulzeit mit mehr Brüchen als Erfolgen, vor ihr eine offene Zukunft. Ist an dieser Stelle niemand da, kennen wir die Geschichte aus den Statistiken über Abbrüche und Arbeitslosigkeit. Ist jemand da, der zutraut statt kontrolliert und begleitet statt belehrt, wird aus „Das schaffe ich nie“ Schritt für Schritt „Das habe ich geschafft“.

„Dieser Unterschied – zwischen ‚Niemand ist da‘ und ‚Jemand ist da‘ – ist keine Frage des Zufalls. Er ist eine Frage unserer Entscheidung. Als Gesellschaft. Als Land."

Die Debatte, dass man junge Menschen aufgrund des Fachkräftemangels nicht verlieren dürfe, greife zu kurz, so Hartmann. In junge Menschen sei zu investieren, weil kein Mensch überflüssig ist und Teilhabe, Zusammenhalt und Demokratie dort entstehen, wo junge Menschen erfahren, dass sie dazugehören. Daraus leitete er drei gemeinsame Aufgaben ab:

  1. Verlässliche Finanzierungsstrukturen statt befristeter Projekte. Wirksame Arbeit, die Vertrauen stiftet, lässt sich nicht in Ein-Jahres-Zyklen planen.
  2. Kooperation auf Augenhöhe. Schule, Jugendhilfe, Arbeitsförderung, Betriebe und Kommunen müssen Unterstützung aus einer Hand möglich machen.
  3. Eine verlässliche rechtliche Grundlage. Ob ein junger Mensch Unterstützung bekommt, darf nicht vom Wohnort oder der kommunalen Kassenlage abhängen. Aus einem „Kann“ muss ein verbindliches „Wird“ werden.

Hartmann sagte zu, dass der Paritätische sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern, der LAG Jugendsozialarbeit und allen Partner*innen dafür einsetzt, dass aus guten Ansätzen verlässliche Strukturen werden.

Grußwort: „Niemand ist da“ oder „Jemand ist da“

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Ulf Hartmann

Ulf Hartmann, Vorstand Der Paritätische Baden-Württemberg

Ulf Hartmann eröffnete den Tag mit einem Gedankenexperiment. Alex, 16 Jahre, steht an einer Schwelle: hinter ihr eine Schulzeit mit mehr Brüchen als Erfolgen, vor ihr eine offene Zukunft. Ist an dieser Stelle niemand da, kennen wir die Geschichte aus den Statistiken über Abbrüche und Arbeitslosigkeit. Ist jemand da, der zutraut statt kontrolliert und begleitet statt belehrt, wird aus „Das schaffe ich nie“ Schritt für Schritt „Das habe ich geschafft“.

„Dieser Unterschied – zwischen ‚Niemand ist da‘ und ‚Jemand ist da‘ – ist keine Frage des Zufalls. Er ist eine Frage unserer Entscheidung. Als Gesellschaft. Als Land."

Die Debatte, dass man junge Menschen aufgrund des Fachkräftemangels nicht verlieren dürfe, greife zu kurz, so Hartmann. In junge Menschen sei zu investieren, weil kein Mensch überflüssig ist und Teilhabe, Zusammenhalt und Demokratie dort entstehen, wo junge Menschen erfahren, dass sie dazugehören. Daraus leitete er drei gemeinsame Aufgaben ab:

  1. Verlässliche Finanzierungsstrukturen statt befristeter Projekte. Wirksame Arbeit, die Vertrauen stiftet, lässt sich nicht in Ein-Jahres-Zyklen planen.
  2. Kooperation auf Augenhöhe. Schule, Jugendhilfe, Arbeitsförderung, Betriebe und Kommunen müssen Unterstützung aus einer Hand möglich machen.
  3. Eine verlässliche rechtliche Grundlage. Ob ein junger Mensch Unterstützung bekommt, darf nicht vom Wohnort oder der kommunalen Kassenlage abhängen. Aus einem „Kann“ muss ein verbindliches „Wird“ werden.

Hartmann sagte zu, dass der Paritätische sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern, der LAG Jugendsozialarbeit und allen Partner*innen dafür einsetzt, dass aus guten Ansätzen verlässliche Strukturen werden.

Keynote: Aufwachsen heute

Prof. Dr. Benno Hafeneger

Prof. Dr. Benno Hafeneger, Philipps-Universität Marburg

Junge Menschen wachsen in einer Zeit epochaler Umbrüche auf – und behalten trotzdem einen „gedämpften Optimismus“ für ihr eigenes Leben. Mit diesem Befund zeichnete Benno Hafeneger ein Panorama der jungen Generation und leitete daraus Aufgaben für Kinder- und Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit ab.

Jugend(en) im Plural. Wer über Jugend spricht, muss klären, auf welches Wissen er sich stützt: Selbstäußerungen junger Menschen, Alltagswissen, Medienbilder, pädagogisches Professionswissen oder Forschung. Jugend ist seit jeher Projektionsfläche der Erwachsenengesellschaft – und heute vielfältiger als jede Generation zuvor.

Aufwachsen in der „Polykrise“. Klimawandel, Kriege, Flucht, Digitalisierung, demografischer Wandel, soziale Spaltung und der Druck auf die liberale Demokratie prägen die „neue Normalität“. Das traditionelle Versprechen, dass sich Lernen und Anstrengung durch Arbeit, Einkommen und ein gutes Leben auszahlen, ist für viele brüchig geworden.

Ausgewählte Befunde:

  • Die Corona-Pandemie wirkt nach: als Erfahrung, nicht gefragt worden zu sein, und in der Form von Einsamkeit, mit der viele junge Menschen kämpfen.
  • Laut Shell-Jugendstudie 2024 erleben 27 % Mitbestimmung in der Schule, 23 % in der Gemeinde und nur 10 % in der Politik.
  • Viele Jugendliche empfinden Einflusslosigkeit und haben wenig Vertrauen in Parteien und Regierungshandeln.
  • Rund 15 % der Kinder und Jugendlichen sind von Armut betroffen, bei den 18- bis 25-Jährigen ist es jede*r Vierte.
  • Trotz Zukunftsängsten sind laut Sinus-Studie 84 % der 14- bis 17-Jährigen mit ihrem Alltag zufrieden.

Was junge Menschen brauchen und die Jugendsozialarbeit leisten kann:

  1. Beziehungsarbeit: Junge Menschen brauchen Gleichaltrige und Erwachsene mit verlässlichen Orten, Zeiten und Beziehungen.
  2. Räume, Ressourcen und Vernetzung durch Institutionen und Professionen.
  3. Streitbarkeit in der demokratischen Öffentlichkeit für gute Bedingungen des Aufwachsens und der Jugendhilfe.
  4. Orientierung in unterschiedlichen Lebenslagen, insbesondere vulnerabler Gruppen.
  5. Vertrauen und Zuversicht in eine gestaltbare Zukunft.
  6. Erfahrungen von Partizipation, Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit.

Mit Siegfried Bernfeld erinnerte Hafeneger daran, auf der Eigenzeit und dem Eigensinn der jungen Generation zu bestehen: Jugendarbeit erreicht junge Menschen dann, wenn sie für sie subjektiv, sozial und in der Sache Sinn ergibt.

Aus der Fragerunde:

  • Künstliche Intelligenz: Welche Berufe KI verändert oder verdrängt, ist offen. Hafeneger erwartet, dass das die Unsicherheit junger Menschen über Ausbildung und Zukunft weiter verstärkt.
  • Dauer der Begleitung: Ein Praktiker fragte, warum Begleitung kurz nach Ausbildungs- oder Jobbeginn enden muss. Hafeneger plädierte für deutlich längere Zeitbudgets von begleiteten Übergängen: Erwachsenwerden ziehe sich heute bis etwa Mitte 20.
  • Wahlverhalten junger Menschen: Aus Fokusgruppen mit Erstwähler*innen berichtete er von einer Mischung an Motiven. Im Vordergrund stünden die Sorge um ökonomische und soziale Sicherheit und Enttäuschung über etablierte Parteien. Hinzu kämen das Umfeld in Familie und Gleichaltrigengruppe sowie die Mediensozialisation über soziale Medien. Migration sei nur ein Motiv unter vielen.

Jürgen Ripplinger fasste den Vortrag über die Bedarfe Junger Menschen zusammen mit dem Satz : „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Keynote: Aufwachsen heute

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Prof. Dr. Benno Hafeneger

Prof. Dr. Benno Hafeneger, Philipps-Universität Marburg

Junge Menschen wachsen in einer Zeit epochaler Umbrüche auf – und behalten trotzdem einen „gedämpften Optimismus“ für ihr eigenes Leben. Mit diesem Befund zeichnete Benno Hafeneger ein Panorama der jungen Generation und leitete daraus Aufgaben für Kinder- und Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit ab.

Jugend(en) im Plural. Wer über Jugend spricht, muss klären, auf welches Wissen er sich stützt: Selbstäußerungen junger Menschen, Alltagswissen, Medienbilder, pädagogisches Professionswissen oder Forschung. Jugend ist seit jeher Projektionsfläche der Erwachsenengesellschaft – und heute vielfältiger als jede Generation zuvor.

Aufwachsen in der „Polykrise“. Klimawandel, Kriege, Flucht, Digitalisierung, demografischer Wandel, soziale Spaltung und der Druck auf die liberale Demokratie prägen die „neue Normalität“. Das traditionelle Versprechen, dass sich Lernen und Anstrengung durch Arbeit, Einkommen und ein gutes Leben auszahlen, ist für viele brüchig geworden.

Ausgewählte Befunde:

  • Die Corona-Pandemie wirkt nach: als Erfahrung, nicht gefragt worden zu sein, und in der Form von Einsamkeit, mit der viele junge Menschen kämpfen.
  • Laut Shell-Jugendstudie 2024 erleben 27 % Mitbestimmung in der Schule, 23 % in der Gemeinde und nur 10 % in der Politik.
  • Viele Jugendliche empfinden Einflusslosigkeit und haben wenig Vertrauen in Parteien und Regierungshandeln.
  • Rund 15 % der Kinder und Jugendlichen sind von Armut betroffen, bei den 18- bis 25-Jährigen ist es jede*r Vierte.
  • Trotz Zukunftsängsten sind laut Sinus-Studie 84 % der 14- bis 17-Jährigen mit ihrem Alltag zufrieden.

Was junge Menschen brauchen und die Jugendsozialarbeit leisten kann:

  1. Beziehungsarbeit: Junge Menschen brauchen Gleichaltrige und Erwachsene mit verlässlichen Orten, Zeiten und Beziehungen.
  2. Räume, Ressourcen und Vernetzung durch Institutionen und Professionen.
  3. Streitbarkeit in der demokratischen Öffentlichkeit für gute Bedingungen des Aufwachsens und der Jugendhilfe.
  4. Orientierung in unterschiedlichen Lebenslagen, insbesondere vulnerabler Gruppen.
  5. Vertrauen und Zuversicht in eine gestaltbare Zukunft.
  6. Erfahrungen von Partizipation, Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit.

Mit Siegfried Bernfeld erinnerte Hafeneger daran, auf der Eigenzeit und dem Eigensinn der jungen Generation zu bestehen: Jugendarbeit erreicht junge Menschen dann, wenn sie für sie subjektiv, sozial und in der Sache Sinn ergibt.

Aus der Fragerunde:

  • Künstliche Intelligenz: Welche Berufe KI verändert oder verdrängt, ist offen. Hafeneger erwartet, dass das die Unsicherheit junger Menschen über Ausbildung und Zukunft weiter verstärkt.
  • Dauer der Begleitung: Ein Praktiker fragte, warum Begleitung kurz nach Ausbildungs- oder Jobbeginn enden muss. Hafeneger plädierte für deutlich längere Zeitbudgets von begleiteten Übergängen: Erwachsenwerden ziehe sich heute bis etwa Mitte 20.
  • Wahlverhalten junger Menschen: Aus Fokusgruppen mit Erstwähler*innen berichtete er von einer Mischung an Motiven. Im Vordergrund stünden die Sorge um ökonomische und soziale Sicherheit und Enttäuschung über etablierte Parteien. Hinzu kämen das Umfeld in Familie und Gleichaltrigengruppe sowie die Mediensozialisation über soziale Medien. Migration sei nur ein Motiv unter vielen.

Jürgen Ripplinger fasste den Vortrag über die Bedarfe Junger Menschen zusammen mit dem Satz : „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Praxis und Wirkung der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit

Praktiker*innen berichtenWas aJusa ist und was sie leistet

Alina Beck, Referentin für arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, Der Paritätische Baden-Württemberg

Die aJusa ist ein eigenständiges Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe nach § 13 SGB VIII. Sie begleitet junge Menschen bis 27 Jahre, deren Startbedingungen schwieriger sind als bei anderen – so lange und so individuell, wie sie es brauchen. Ihr Ziel ist, dass junge Menschen ihren eigenen Weg in Ausbildung und Arbeit finden, dort Fuß fassen und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Die Arbeit ist individuell, beziehungsorientiert, niedrigschwellig, freiwillig, ressourcenorientiert und verlässlich. Sie verbindet sozialpädagogische Begleitung mit Lern- und Erfahrungsräumen und stimmt beides mit Schule, Betrieben, Jobcenter, Agenturen für Arbeit, Gesundheitswesen und Jugendhilfe ab.

Wen aJusa erreicht – junge Menschen an möglichen Punkten des Übergangs:Alina Beck

  1. Eingebunden, aber unsicher: noch in der Schule, ohne klare Perspektive. Hier reichen oft Orientierung und eine verlässliche Ansprechperson.
  2. Im Übergang, aber gefährdet: in Ausbildung oder im Übergangssystem, ein Abbruch droht. Entscheidend ist, an den kritischen Punkten da zu sein und zu vermitteln.
  3. Nach Abbrüchen: aus dem Tritt geraten, meist mit mehreren Belastungen. Zuerst braucht es Tagesstruktur, Erfolgserlebnisse und Stabilisierung.
  4. Schwer erreichbar: von Schule, Jobcenter und Hilfesystemen nicht mehr erreicht. Die Arbeit beginnt mit aufsuchender Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau.

Das sind keine festen Gruppen: Junge Menschen wechseln zwischen den Gruppen, in beide Richtungen. Belastungen wie Armut, psychische Probleme, Schulden oder schwierige Wohnverhältnisse kommen in jeder Gruppe vor. Die Stärke der aJusa liegt darin, dort ansetzen zu können, wo der junge Mensch gerade steht, und die Intensität der Begleitung fachlich begründet anzupassen.

Was aJusa tut: Beratung und Clearing, Berufsorientierung und Kompetenzfeststellung, Werkstätten und Arbeitsprojekte mit echten Aufträgen, soziale Kompetenzentwicklung, psychosoziale Unterstützung, Ausbildungsplatzsuche und Bewerbung, Begleitung in Schule und Ausbildung sowie die rechtskreisübergreifende Vernetzung.

Was aJusa bewirkt: Ziel ist die biografische Handlungsfähigkeit – das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Wirkung zeigt sich in drei ineinandergreifenden Bereichen: persönliche Entwicklung (Selbstwert, Ressourcen, Zukunftsperspektiven), soziale Inklusion (tragfähige Beziehungen, Zugang zu Unterstützung) und berufliche Integration. Persönliche Stabilität ist die Voraussetzung für Teilhabe, und beides zusammen macht berufliche Integration nachhaltig.

Praktiker*innen erzählen

In drei Gesprächsrunden gaben sechs Praktiker*innen Einblick in ihre Arbeit.

Kooperation mit Schulen

      Vincenzo Esposito, Fachbereichsleiter arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit und AV dual, Arbeitsförderung Karlsruhe gGmbH

Enzo Esposito

Seit 2014 gibt es in Baden-Württemberg das Ausbildungsvorbereitungsjahr AV dual. Jugendsozialarbeiter*innen gehören dort als AV-dual-Begleiter*innen fest zum Bildungsgang. Die Arbeitsförderung Karlsruhe, ein gemeinnütziges Sozialunternehmen der Stadt, ist seit 2016 an drei großen Übergangsschulen dabei.

Die Schüler*innen sind keine homogene Gruppe: junge Geflüchtete, Schulpflichtige und nicht mehr Schulpflichtige lernen gemeinsam. Sie verbindet, dass ihnen der Hauptschulabschluss fehlt – im letzten Schuljahr waren es 63 %. Die AV-dual-Begleitung nennt Esposito das „Geheimrezept“ des Bildungsgangs. Sie sitzt bei den Zielvereinbarungsgesprächen, die alle drei Monate stattfinden, mit am Tisch und nimmt die Aufgaben direkt mit. Anders als Lehrkräfte, Eltern oder die für alle zuständige Schulsozialarbeit ist sie ausschließlich für den Übergang da – mit Kapazitäten, in Betriebe zu gehen, zu begleiten und Hausbesuche zu machen.

Das zeigt sich in den Zahlen: Fast 90 % schaffen den Abschluss, knapp 30 % gehen direkt in Ausbildung – deutlich mehr als dort, wo es keine Begleitung gibt – und rund 20 % auf eine weiterführende Schule. Besonders wichtig ist ihm, dass niemand verschwindet: Von 152 Schüler*innen blieb im letzten Schuljahr nur bei fünf der Verbleib unbekannt. „Das ist das Schlimmste: Alex ist zu Hause und keiner weiß es.“ Für jeden Abbruch wird ein Anschluss gesucht und ehemalige Schüler*innen dürfen auch ein halbes Jahr später noch einmal kommen.

 

     Barbara Stanger, Leiterin Förderband Mannheim e.V.

Barbara StangerDas Förderband ist seit fast 50 Jahren auf junge Menschen mit Förderbedarf Lernen spezialisiert. Mit dem Fortschreiten der Inklusion fiel auf: Jugendliche in der inklusiven Beschulung sitzen in der 9. Klasse, und niemand weiß, wie es weitergeht. 2018 startete deshalb, gefördert von der Aktion Mensch, das Projekt „Zukunftslotsen“. Im Projekt suchen Sozialarbeiter*innen diese Jugendlichen an den Mannheimer Schulen auf und begleitet sie in Praktika, Berufsvorbereitung und Ausbildung.

Diese jungen Menschen sind meist gut eingebunden: in ihrer Klasse, mit sonderpädagogischer Förderung und oft unterstützenden Eltern. Die Herausforderung ist eine andere: Familien und Jugendlichen ist oft nicht klar, welche Wege realistisch sind. Deshalb gehören Elterngespräche fest dazu – wenn etwas zu scheitern droht, rufen meist Mutter oder Vater an, was das Problembewusstsein verdeutlicht.

Stangers Beispiel: Eine junge Frau, die sich immer als „so kreativ“ beschrieb, fand nach Praktika schnell eine Friseurausbildung. Schon in der Probezeit kam es zum Abbruch, ein zweiter und dritter Salon folgten. Als sie ratlos vor ihr stand, erinnerten sich beide an ein Praktikum in einer Konditorei. Heute macht die junge Frau dort eine Fachpraktiker-Ausbildung im Verkauf und ist sehr glücklich. Ripplingers Fazit: Niemand wird verloren gegeben, manchmal braucht es Schleifen.

 

Entkoppelte junge Menschen – niedrigschwellige Zugänge

     Jutta Goltz, Bereichsleiterin Bildung, Teilhabe und soziale Integration, kit jugendhilfe Tübingen e.V.

Jutta Goltz

Die Anlaufstelle zur beruflichen Orientierung K.I.O.S.K. der kit jugendhilfe ordnete Goltz folgendermaßen ein: "Hier ist jemand da, der zuhört, nachfragt und junge Menschen in ihrem Eigensinn begleitet." Natürlich werden Bewerbungen geschrieben und Praktika und Ausbildungsplätze vermittelt, auch an Jugendliche ohne oder mit Hauptschulabschluss, mit Unterstützung engagierter Betriebe. Den Unterschied mache aber die Haltung: ressourcen- und stärkenorientiert, wertschätzend und, dass Diskriminierungserfahrungen und der Verlust des Aufstiegsversprechens ernst genommen werden.

Junge Menschen zwischen 16 und 25 können ein-, zwei- oder dreimal kommen, zwei Jahre wegbleiben und wiederkommen, eine Ausbildung beginnen und abbrechen – sie werden dafür nicht beschämt. Weil die Anlaufstelle mit dem Fokus „Jobsuchen“ verbunden ist (und nicht mit "Problemen"), ist der Zugang für die jungen Menschen niedrigschwellig. Erst im Kontakt „entblättern“ sich oftmals die Mehrfachbelastungen, und die Fachkräfte übernehmen eine Lotsenfunktion in andere Hilfesysteme. Eine junge Frau sagte einmal über ihre Begleiterin: „Immer wenn es geklemmt hat, hast du mir einen Push gegeben.“

Dafür braucht es eine verlässliche Infrastruktur. Das Angebot hat es von der Projekt- in die Regelfinanzierung geschafft, die angesichts der Haushaltslage nun wieder brüchig wird. Goltz setzt Hoffnung in die SROI-Studie des Paritätischen BW als Argument in den kommunalen Gremien.

      Eckhard Juwig, Fachdienstleiter Arbeit und pädagogischer Leiter Jugendberufshilfe, Caritasverband für Stuttgart e.V.Eckhard Juwig

Die Jugendarbeitsprojekte der Caritas Stuttgart gibt es seit über 45 Jahren. Das zentrale Angebot „400plus Zukunft“ wird vom Jugendamt finanziert und ist für Juwig eine klassische Leistung nach § 13 SGB VIII. Der Name erinnert an die frühere Minijob-Grenze – die jungen Menschen werden für ihre Arbeit entlohnt.

Die Teilnehmenden haben in der Schule meist genug negative Erfahrungen gemacht, deshalb setzt das Angebot auf fachpraktisches Lernen statt Seminarraum. Arbeitsanleiter*innen und Sozialpädagog*innen sind den ganzen Tag dabei. Gearbeitet wird im Bauhandwerk mit kleinen Reparaturen, Streich- und Trockenbauarbeiten, bei der Aufbereitung gebrauchter Spielwaren für den Verkauf im Sozialkaufhaus und in einer Fahrradwerkstatt mit Zweiradmechaniker. Die Werkstatt ist so gefragt, dass die Stadt kaum noch Termine bekommt, inzwischen werden auch E-Bikes gewartet. In Kooperation mit der Volkshochschule können junge Menschen den Hauptschulabschluss nachholen.

Erfolg beginnt im Kleinen: „8 Uhr heißt 8 Uhr“ – und wer zu spät kommt, merkt, dass die Gruppe auf ihn wartet, bevor der Bus zur Baustelle fährt. Messbarer Erfolg sind Übergänge in Ausbildung, weiterführende Schulen oder passende Maßnahmen. Das Angebot ist im städtischen Doppelhaushalt verstetigt, muss aber alle zwei Jahre neu bestätigt werden. Ripplinger hob es als positives Beispiel hervor, wie § 13 SGB VIII trotz Sparzwängen eine verlässliche Grundfinanzierung bekommen kann.

Entkoppelte junge Menschen – zweite Chancen

     Uwe Seitz, Bereichsleiter Jugendberufshilfe und Straffälligenhilfe, Waldhaus Jugendhilfe gGmbH

Uwe SeitzUwe Seitz begann mit einem Fall, der zeigt, wie Rechtskreisgrenzen Wege abschneiden. Ein junger Mann kam mit Reha-Status in eine Maßnahme der Agentur für Arbeit. Weil er zusätzlich erzieherische Probleme hatte, zu spät oder gar nicht kam, war er nach drei Monaten wieder draußen. Eine Begleitung über ein Projekt nach § 16h SGB II lehnte das Jobcenter ab, weil er schon einer Reha-Maßnahme zugewiesen war. Die Jugendhilfe war wegen Kürzungen kaum erreichbar. Am Ende fand sich ein Platz in einem ESF-Projekt.

Seine Forderung: mehr niedrigschwellige, offene Zugänge – die ESF-Projekte seien hier ein gutes Beispiel – und Lots*innen, die junge Menschen von einem Angebot zum nächsten begleiten, statt sie mit „wir sind nicht zuständig“ weiterzuschicken. Schon eine Jugendstudie der LAG Jugendsozialarbeit mit der Universität Tübingen von 2020 habe gezeigt: Wer nicht begleitet wird, verschwindet.

Auch positive Erfahrungen brachte er mit. Straffällige Jugendliche, die über die Jugendgerichtshilfe Arbeitsstunden leisten, arbeiten im Waldhaus in derselben Werkstatt wie Jugendliche in Berufsorientierung und Auszubildende eines Betriebs. Dort entsteht echte Inklusion, und für viele öffnet sich über die Arbeitsstunden ein Weg in Praktikum und Arbeitswelt.

Silke Banning, Abteilungsleiterin Dienste für junge Menschen, Evangelische Gesellschaft Stuttgart e.V

Silke Banning

2010 fragten sich Vertreter*innen des Johanniterordens und der Evangelischen Gesellschaft, was sie für junge Menschen tun können, die schon mehrfach an einem Schulabschluss gescheitert sind und mit vielen Unwägbarkeiten leben. Daraus entstand das „Haus der Lebenschance“. Hier holen junge Menschen von etwa 17 bis 25 Jahren in 13 Monaten ihren Hauptschulabschluss als Schulfremdenprüfung nach.

Der Tag ist voll strukturiert: gemeinsames Frühstück, Fachunterricht, dazu Beziehungsarbeit, Projekte, Talentförderung und Ausflüge. Ziel sind neben dem Abschluss Ausbildungsreife, ein gelingender nächster Schritt, Persönlichkeitsentwicklung und das Erleben von Selbstwirksamkeit. Die jungen Menschen bewerben sich selbst – nicht die Mutter oder eine Sozialarbeiterin. Bei maximal zwölf Plätzen schaffen meist neun bis zehn den Abschluss, bisher über 115. Manche sind heute selbst Meister*in und bilden aus andere erkennen im Haus, dass sie sich zuerst um ihre Gesundheit kümmern müssen, und kommen später wieder. Schon der Weg zum Haus ist eine Hürde: Es liegt am Berg, und jeder, der ihn täglich hochgeht, wird dafür gewürdigt.

Die Finanzierungsgeschichte zeigt, wie aufwändig Verstetigung ist: vier Jahre Eigenmittel aus Spenden, von 2014 bis 2023 ein ESF-Projekt mit jährlichen Anträgen, ab 2017 zusätzlich Bildungsgutscheine und seit 2022 ein städtischer Zuschuss. Der Eigenanteil bleibt hoch. „Das ist es wert, weil die Jugendlichen es wert sind.“ 

Was die Runde zeigt

Die Angebote sind so vielfältig wie die jungen Menschen und reichen von der Begleitung im Schulalltag bis zur aufsuchenden Arbeit mit denen, die niemand mehr erreicht. Gemeinsam sind ihnen eine stärkenorientierte Haltung, die niemanden abschreibt, und Erfolge, die sich in Abschlüssen ebenso zeigen wie in kleinen Schritten. Gemeinsam ist ihnen aber auch die Abhängigkeit von befristeten und unsicheren Finanzierungen. 

 

Ergebnisse der Wirkungsanalyse von „SLAY! Your career“

Dr.in Katrin Hunsicker, Regionale Jugendagentur Job Central Weinheim

Dr.in Katrin HunsickerDie Zahl der sogenannten entkoppelten jungen Menschen – nicht mehr in Schule, Ausbildung, Arbeit oder einer Maßnahme – wächst von Jahr zu Jahr. Genau für sie ist das Landesmodellprojekt „SLAY! Your career“ entstanden. Es wird von der LAG Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg getragen, vom Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit aus Mitteln des Landtags gefördert und vom Paritätischen Baden-Württemberg koordiniert. Das Projekt sollte erproben, ob und wie sich diese jungen Menschen wieder an Unterstützungssysteme heranführen lassen, und die Erfolgsfaktoren dokumentieren. Dr.in Katrin Hunsicker stellte die Wirkungsanalyse für den gesamten Projektverbund vor, die sie gemeinsam mit Jutta Goltz (kit jugendhilfe), Alina Beck sowie Mitarbeitenden und Teilnehmenden aller Standorte erarbeitet hat.

Projekt und Zielgruppe

Aktuell läuft das Projekt an vier Standorten: bei der AWO Schwäbisch Hall, bei der kit jugendhilfe Tübingen, bei der Arbeitsförderung Karlsruhe gemeinsam mit dem Verein für Jugendhilfe Karlsruhe sowie bei der Jugendagentur Heidelberg gemeinsam mit der Regionalen Jugendagentur Job Central Weinheim. Wie die Arbeit konkret aussieht, variiert: von intensivem Case Management und aufsuchender Arbeit über Gruppenaktivitäten bis zu Projekten, in denen die jungen Menschen etwas für die Gemeinschaft tun, etwa ein Nachbarschaftscafé.

Die Zielgruppe sind junge Menschen, die keine Schule mehr besuchen, keiner Ausbildung oder Arbeit nachgehen und oft auch von keinem anderen Hilfesystem mehr erreicht werden. Sie sind mehrfach belastet: außergewöhnlich häufig psychisch, bis hin zu schweren Erkrankungen, dazu Armut, Verschuldung, Wohnungs- oder Obdachlosigkeit, schwere familiäre Probleme und Gewalterfahrungen. Rund ein Drittel hat keinen Schulabschluss, kaum jemand eine abgeschlossene Ausbildung. Besonders auffällig ist die Vereinsamung: Viele leben sehr zurückgezogen, ohne tragfähige Kontakte zu Familie oder Freund*innen. Von ersten Schritten in den Beruf sind sie zu Beginn meist weit entfernt.

Wie die Wirkung untersucht wurde

Befragt wurden zwölf Teilnehmende und acht Mitarbeitende verschiedener Standorte. Die Stichprobe ist klein, die Ergebnisse sind daher keine umfassende Evaluation. Weil sich die Antworten beider Gruppen aber weitgehend decken, gelten die beobachteten Wirkungen als plausibel und aussagekräftig. Grundlage ist das Wirkungsmodell der International Group of Controlling mit vier Ebenen: Output, Impact, Effect und Outcome. Es erlaubt, die Selbsteinschätzung der jungen Menschen und die Einschätzung der Fachkräfte getrennt zu erfassen.

Output: Was das Projekt erreicht hat

Von Anfang 2024 bis Juni 2026 nahmen 156 junge Menschen teil. An allen Standorten übersteigt die Nachfrage die verfügbaren Plätze. 95 Teilnehmende haben das Projekt bisher abgeschlossen. Bei 48 von ihnen – mehr als der Hälfte – gelang der direkte Übergang in Schule, Ausbildung, Arbeit oder einen Freiwilligendienst. 20 wurden an Angebote anderer Rechtskreise angebunden, etwa Jugendhilfe, Jobcenter, Agentur für Arbeit oder Eingliederungshilfe. 18 wurden in stabilisierende Angebote vermittelt – für sie war das der erste Schritt, um überhaupt eine berufliche Perspektive entwickeln zu können. Nur bei 9 Personen ist der Verbleib unbekannt, etwa nach einem Umzug. Gemessen an der Ausgangslage ist das eine sehr gute Vermittlungsquote.

Impact: Wie die jungen Menschen die Wirkung erleben

Die Rückmeldungen der jungen Menschen fielen sehr positiv aus. Jeweils 11 von 12 stimmten voll oder eher zu, dass es ihnen psychisch besser geht, dass sie eine bessere Tagesstruktur und mehr Motivation haben und dass sie wissen, was sie als Nächstes tun wollen. Auch Aussagen wie „Ich habe ein berufliches Ziel entwickelt“, „Meine Lebenssituation hat sich verbessert“ oder „Ich habe neue Stärken und Interessen entdeckt“ fanden hohe Zustimmung.

Gefragt, was ihnen ohne das Projekt fehlen würde, sagten die jungen Menschen: Sie wären stärker auf sich allein gestellt und hätten in Phasen der Orientierungslosigkeit weniger Unterstützung. Ohne das Projekt hätten sie keine Tagesstruktur und weniger Kontakte zu anderen Menschen aufgebaut. Beides ist für diese Zielgruppe zentral: Viele haben ihren Tag-Nacht-Rhythmus verloren, viele haben Mobbing und Ausgrenzung erlebt und daraus soziale Ängste entwickelt. Korrigierende Erfahrungen mit Erwachsenen und Gleichaltrigen sind deshalb zentrale Voraussetzungen für jeden weiteren Schritt. Die Ergebnisse zeigen: Erfolg in der aJusa mit dieser Zielgruppe lässt sich nicht nur an Vermittlungen messen, sondern an vielen persönlichen Entwicklungsschritten, auf denen ein Berufswegeplan erst aufbauen kann.

Effect: Was die Fachkräfte beobachten

Die Mitarbeitenden wurden zu denselben Punkten befragt. Ihre Einschätzungen sind überwiegend positiv und decken sich weitgehend mit denen der jungen Menschen. Als weitere Wirkung nannten sie an erster Stelle positive zwischenmenschliche Erfahrungen und den Abbau sozialer Ängste – der Schlüssel, um die Spirale aus Vereinsamung und Rückzug zu durchbrechen und soziale Kompetenzen für das Berufsleben einzuüben. Außerdem beobachten sie:

  • Selbstwirksamkeit durch echte Beteiligung: Die jungen Menschen gestalten die Angebote mit und erleben, dass sie gehört werden.
  • mehr Mut, Offenheit für Neues und Lebensfreude – wichtig für junge Menschen, deren Alltag von existenzieller Not geprägt ist
  • zurückgewonnenes Vertrauen in unterstützende Systeme
  • klarere Ziele und selbstständige Entwicklungsschritte

Ohne das Projekt, so die große Mehrheit der Fachkräfte, würde für diese Zielgruppe ein niedrigschwelliges, freiwilliges und passendes Angebot fehlen – trotz aller bestehenden Angebote von Arbeitsagenturen, Jobcentern und Trägern. Und es gäbe weniger erfolgreiche Übergänge, weil bei dieser Zielgruppe ein paar Beratungstermine nicht reichen: Die Begleitung ist ein längerer Prozess, in dem die anderen Belastungen gleichzeitig bearbeitet werden müssen.

Outcome: Die gesellschaftliche Wirkung

Langfristig trägt das Projekt dazu bei, dem Arbeits- und Fachkräftemangel zu begegnen. Wichtiger noch: Auch bei jungen Menschen, für die eine berufliche Perspektive noch nicht in Reichweite ist, entfaltet es Wirkung. Sie nehmen wieder am sozialen Leben teil und erfahren, dass Institutionen ihnen Unterstützung anbieten. Das gibt ihnen Vertrauen zurück und stärkt ihre demokratische Resilienz. Ob mit oder ohne schnelle Vermittlung – die aJusa leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration junger Menschen, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen hatten, und zu einer inklusiven Gesellschaft, in der alle ihren Platz finden.

Fazit und Wirkfaktoren

Die Analyse zeigt: Es ist möglich, entkoppelte junge Menschen mit multiplen Problemlagen zu erreichen und bei der Entwicklung einer beruflichen Perspektive zu unterstützen – auch wenn sie andere Stellen teils schon aufgegeben haben. Dafür braucht es innovative, flexible Ansätze, die sich an die Bedarfe vor Ort anpassen. Über alle Standorte hinweg wirken dieselben Faktoren:

  1. Niedrigschwelligkeit: kein wochenlanges Warten auf einen Termin, keine Formalien als Hürde.
  2. Freiwilligkeit ohne Sanktionen – und damit ohne Angst, Beschämung oder Druck.
  3. Eine wertschätzende Haltung, die auf Stärken und Interessen schaut statt auf Defizite – ein Blick, den diese jungen Menschen oft lange nicht erfahren haben.
  4. Eine verlässliche Vertrauensbeziehung, die nicht plötzlich abbricht.
  5. Intensive Begleitung der Berufswegeplanung über längere Zeit, mit mehreren Anläufen und der Möglichkeit, wiederzukommen.

All das erfordert qualifiziertes und engagiertes Personal, ausreichend Zeit und eine solide, verlässliche Finanzierung.

Die Wirkungsanalyse ist Teil des Papiers „Handlungsanforderungen für die strukturelle Verankerung der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit in Baden-Württemberg“. Mitarbeitende des Projekts haben außerdem die „Fachstandards für die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit“ erarbeitet. Beide Papiere stehen auf der Projektseite zum Download bereit.

Praxis und Wirkung der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit

Akkordeonelement
Bild über dem Text ausrichten

Praktiker*innen berichtenWas aJusa ist und was sie leistet

Alina Beck, Referentin für arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, Der Paritätische Baden-Württemberg

Die aJusa ist ein eigenständiges Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe nach § 13 SGB VIII. Sie begleitet junge Menschen bis 27 Jahre, deren Startbedingungen schwieriger sind als bei anderen – so lange und so individuell, wie sie es brauchen. Ihr Ziel ist, dass junge Menschen ihren eigenen Weg in Ausbildung und Arbeit finden, dort Fuß fassen und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Die Arbeit ist individuell, beziehungsorientiert, niedrigschwellig, freiwillig, ressourcenorientiert und verlässlich. Sie verbindet sozialpädagogische Begleitung mit Lern- und Erfahrungsräumen und stimmt beides mit Schule, Betrieben, Jobcenter, Agenturen für Arbeit, Gesundheitswesen und Jugendhilfe ab.

Wen aJusa erreicht – junge Menschen an möglichen Punkten des Übergangs:Alina Beck

  1. Eingebunden, aber unsicher: noch in der Schule, ohne klare Perspektive. Hier reichen oft Orientierung und eine verlässliche Ansprechperson.
  2. Im Übergang, aber gefährdet: in Ausbildung oder im Übergangssystem, ein Abbruch droht. Entscheidend ist, an den kritischen Punkten da zu sein und zu vermitteln.
  3. Nach Abbrüchen: aus dem Tritt geraten, meist mit mehreren Belastungen. Zuerst braucht es Tagesstruktur, Erfolgserlebnisse und Stabilisierung.
  4. Schwer erreichbar: von Schule, Jobcenter und Hilfesystemen nicht mehr erreicht. Die Arbeit beginnt mit aufsuchender Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau.

Das sind keine festen Gruppen: Junge Menschen wechseln zwischen den Gruppen, in beide Richtungen. Belastungen wie Armut, psychische Probleme, Schulden oder schwierige Wohnverhältnisse kommen in jeder Gruppe vor. Die Stärke der aJusa liegt darin, dort ansetzen zu können, wo der junge Mensch gerade steht, und die Intensität der Begleitung fachlich begründet anzupassen.

Was aJusa tut: Beratung und Clearing, Berufsorientierung und Kompetenzfeststellung, Werkstätten und Arbeitsprojekte mit echten Aufträgen, soziale Kompetenzentwicklung, psychosoziale Unterstützung, Ausbildungsplatzsuche und Bewerbung, Begleitung in Schule und Ausbildung sowie die rechtskreisübergreifende Vernetzung.

Was aJusa bewirkt: Ziel ist die biografische Handlungsfähigkeit – das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Wirkung zeigt sich in drei ineinandergreifenden Bereichen: persönliche Entwicklung (Selbstwert, Ressourcen, Zukunftsperspektiven), soziale Inklusion (tragfähige Beziehungen, Zugang zu Unterstützung) und berufliche Integration. Persönliche Stabilität ist die Voraussetzung für Teilhabe, und beides zusammen macht berufliche Integration nachhaltig.

Praktiker*innen erzählen

In drei Gesprächsrunden gaben sechs Praktiker*innen Einblick in ihre Arbeit.

Kooperation mit Schulen

      Vincenzo Esposito, Fachbereichsleiter arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit und AV dual, Arbeitsförderung Karlsruhe gGmbH

Enzo Esposito

Seit 2014 gibt es in Baden-Württemberg das Ausbildungsvorbereitungsjahr AV dual. Jugendsozialarbeiter*innen gehören dort als AV-dual-Begleiter*innen fest zum Bildungsgang. Die Arbeitsförderung Karlsruhe, ein gemeinnütziges Sozialunternehmen der Stadt, ist seit 2016 an drei großen Übergangsschulen dabei.

Die Schüler*innen sind keine homogene Gruppe: junge Geflüchtete, Schulpflichtige und nicht mehr Schulpflichtige lernen gemeinsam. Sie verbindet, dass ihnen der Hauptschulabschluss fehlt – im letzten Schuljahr waren es 63 %. Die AV-dual-Begleitung nennt Esposito das „Geheimrezept“ des Bildungsgangs. Sie sitzt bei den Zielvereinbarungsgesprächen, die alle drei Monate stattfinden, mit am Tisch und nimmt die Aufgaben direkt mit. Anders als Lehrkräfte, Eltern oder die für alle zuständige Schulsozialarbeit ist sie ausschließlich für den Übergang da – mit Kapazitäten, in Betriebe zu gehen, zu begleiten und Hausbesuche zu machen.

Das zeigt sich in den Zahlen: Fast 90 % schaffen den Abschluss, knapp 30 % gehen direkt in Ausbildung – deutlich mehr als dort, wo es keine Begleitung gibt – und rund 20 % auf eine weiterführende Schule. Besonders wichtig ist ihm, dass niemand verschwindet: Von 152 Schüler*innen blieb im letzten Schuljahr nur bei fünf der Verbleib unbekannt. „Das ist das Schlimmste: Alex ist zu Hause und keiner weiß es.“ Für jeden Abbruch wird ein Anschluss gesucht und ehemalige Schüler*innen dürfen auch ein halbes Jahr später noch einmal kommen.

 

     Barbara Stanger, Leiterin Förderband Mannheim e.V.

Barbara StangerDas Förderband ist seit fast 50 Jahren auf junge Menschen mit Förderbedarf Lernen spezialisiert. Mit dem Fortschreiten der Inklusion fiel auf: Jugendliche in der inklusiven Beschulung sitzen in der 9. Klasse, und niemand weiß, wie es weitergeht. 2018 startete deshalb, gefördert von der Aktion Mensch, das Projekt „Zukunftslotsen“. Im Projekt suchen Sozialarbeiter*innen diese Jugendlichen an den Mannheimer Schulen auf und begleitet sie in Praktika, Berufsvorbereitung und Ausbildung.

Diese jungen Menschen sind meist gut eingebunden: in ihrer Klasse, mit sonderpädagogischer Förderung und oft unterstützenden Eltern. Die Herausforderung ist eine andere: Familien und Jugendlichen ist oft nicht klar, welche Wege realistisch sind. Deshalb gehören Elterngespräche fest dazu – wenn etwas zu scheitern droht, rufen meist Mutter oder Vater an, was das Problembewusstsein verdeutlicht.

Stangers Beispiel: Eine junge Frau, die sich immer als „so kreativ“ beschrieb, fand nach Praktika schnell eine Friseurausbildung. Schon in der Probezeit kam es zum Abbruch, ein zweiter und dritter Salon folgten. Als sie ratlos vor ihr stand, erinnerten sich beide an ein Praktikum in einer Konditorei. Heute macht die junge Frau dort eine Fachpraktiker-Ausbildung im Verkauf und ist sehr glücklich. Ripplingers Fazit: Niemand wird verloren gegeben, manchmal braucht es Schleifen.

 

Entkoppelte junge Menschen – niedrigschwellige Zugänge

     Jutta Goltz, Bereichsleiterin Bildung, Teilhabe und soziale Integration, kit jugendhilfe Tübingen e.V.

Jutta Goltz

Die Anlaufstelle zur beruflichen Orientierung K.I.O.S.K. der kit jugendhilfe ordnete Goltz folgendermaßen ein: "Hier ist jemand da, der zuhört, nachfragt und junge Menschen in ihrem Eigensinn begleitet." Natürlich werden Bewerbungen geschrieben und Praktika und Ausbildungsplätze vermittelt, auch an Jugendliche ohne oder mit Hauptschulabschluss, mit Unterstützung engagierter Betriebe. Den Unterschied mache aber die Haltung: ressourcen- und stärkenorientiert, wertschätzend und, dass Diskriminierungserfahrungen und der Verlust des Aufstiegsversprechens ernst genommen werden.

Junge Menschen zwischen 16 und 25 können ein-, zwei- oder dreimal kommen, zwei Jahre wegbleiben und wiederkommen, eine Ausbildung beginnen und abbrechen – sie werden dafür nicht beschämt. Weil die Anlaufstelle mit dem Fokus „Jobsuchen“ verbunden ist (und nicht mit "Problemen"), ist der Zugang für die jungen Menschen niedrigschwellig. Erst im Kontakt „entblättern“ sich oftmals die Mehrfachbelastungen, und die Fachkräfte übernehmen eine Lotsenfunktion in andere Hilfesysteme. Eine junge Frau sagte einmal über ihre Begleiterin: „Immer wenn es geklemmt hat, hast du mir einen Push gegeben.“

Dafür braucht es eine verlässliche Infrastruktur. Das Angebot hat es von der Projekt- in die Regelfinanzierung geschafft, die angesichts der Haushaltslage nun wieder brüchig wird. Goltz setzt Hoffnung in die SROI-Studie des Paritätischen BW als Argument in den kommunalen Gremien.

      Eckhard Juwig, Fachdienstleiter Arbeit und pädagogischer Leiter Jugendberufshilfe, Caritasverband für Stuttgart e.V.Eckhard Juwig

Die Jugendarbeitsprojekte der Caritas Stuttgart gibt es seit über 45 Jahren. Das zentrale Angebot „400plus Zukunft“ wird vom Jugendamt finanziert und ist für Juwig eine klassische Leistung nach § 13 SGB VIII. Der Name erinnert an die frühere Minijob-Grenze – die jungen Menschen werden für ihre Arbeit entlohnt.

Die Teilnehmenden haben in der Schule meist genug negative Erfahrungen gemacht, deshalb setzt das Angebot auf fachpraktisches Lernen statt Seminarraum. Arbeitsanleiter*innen und Sozialpädagog*innen sind den ganzen Tag dabei. Gearbeitet wird im Bauhandwerk mit kleinen Reparaturen, Streich- und Trockenbauarbeiten, bei der Aufbereitung gebrauchter Spielwaren für den Verkauf im Sozialkaufhaus und in einer Fahrradwerkstatt mit Zweiradmechaniker. Die Werkstatt ist so gefragt, dass die Stadt kaum noch Termine bekommt, inzwischen werden auch E-Bikes gewartet. In Kooperation mit der Volkshochschule können junge Menschen den Hauptschulabschluss nachholen.

Erfolg beginnt im Kleinen: „8 Uhr heißt 8 Uhr“ – und wer zu spät kommt, merkt, dass die Gruppe auf ihn wartet, bevor der Bus zur Baustelle fährt. Messbarer Erfolg sind Übergänge in Ausbildung, weiterführende Schulen oder passende Maßnahmen. Das Angebot ist im städtischen Doppelhaushalt verstetigt, muss aber alle zwei Jahre neu bestätigt werden. Ripplinger hob es als positives Beispiel hervor, wie § 13 SGB VIII trotz Sparzwängen eine verlässliche Grundfinanzierung bekommen kann.

Entkoppelte junge Menschen – zweite Chancen

     Uwe Seitz, Bereichsleiter Jugendberufshilfe und Straffälligenhilfe, Waldhaus Jugendhilfe gGmbH

Uwe SeitzUwe Seitz begann mit einem Fall, der zeigt, wie Rechtskreisgrenzen Wege abschneiden. Ein junger Mann kam mit Reha-Status in eine Maßnahme der Agentur für Arbeit. Weil er zusätzlich erzieherische Probleme hatte, zu spät oder gar nicht kam, war er nach drei Monaten wieder draußen. Eine Begleitung über ein Projekt nach § 16h SGB II lehnte das Jobcenter ab, weil er schon einer Reha-Maßnahme zugewiesen war. Die Jugendhilfe war wegen Kürzungen kaum erreichbar. Am Ende fand sich ein Platz in einem ESF-Projekt.

Seine Forderung: mehr niedrigschwellige, offene Zugänge – die ESF-Projekte seien hier ein gutes Beispiel – und Lots*innen, die junge Menschen von einem Angebot zum nächsten begleiten, statt sie mit „wir sind nicht zuständig“ weiterzuschicken. Schon eine Jugendstudie der LAG Jugendsozialarbeit mit der Universität Tübingen von 2020 habe gezeigt: Wer nicht begleitet wird, verschwindet.

Auch positive Erfahrungen brachte er mit. Straffällige Jugendliche, die über die Jugendgerichtshilfe Arbeitsstunden leisten, arbeiten im Waldhaus in derselben Werkstatt wie Jugendliche in Berufsorientierung und Auszubildende eines Betriebs. Dort entsteht echte Inklusion, und für viele öffnet sich über die Arbeitsstunden ein Weg in Praktikum und Arbeitswelt.

Silke Banning, Abteilungsleiterin Dienste für junge Menschen, Evangelische Gesellschaft Stuttgart e.V

Silke Banning

2010 fragten sich Vertreter*innen des Johanniterordens und der Evangelischen Gesellschaft, was sie für junge Menschen tun können, die schon mehrfach an einem Schulabschluss gescheitert sind und mit vielen Unwägbarkeiten leben. Daraus entstand das „Haus der Lebenschance“. Hier holen junge Menschen von etwa 17 bis 25 Jahren in 13 Monaten ihren Hauptschulabschluss als Schulfremdenprüfung nach.

Der Tag ist voll strukturiert: gemeinsames Frühstück, Fachunterricht, dazu Beziehungsarbeit, Projekte, Talentförderung und Ausflüge. Ziel sind neben dem Abschluss Ausbildungsreife, ein gelingender nächster Schritt, Persönlichkeitsentwicklung und das Erleben von Selbstwirksamkeit. Die jungen Menschen bewerben sich selbst – nicht die Mutter oder eine Sozialarbeiterin. Bei maximal zwölf Plätzen schaffen meist neun bis zehn den Abschluss, bisher über 115. Manche sind heute selbst Meister*in und bilden aus andere erkennen im Haus, dass sie sich zuerst um ihre Gesundheit kümmern müssen, und kommen später wieder. Schon der Weg zum Haus ist eine Hürde: Es liegt am Berg, und jeder, der ihn täglich hochgeht, wird dafür gewürdigt.

Die Finanzierungsgeschichte zeigt, wie aufwändig Verstetigung ist: vier Jahre Eigenmittel aus Spenden, von 2014 bis 2023 ein ESF-Projekt mit jährlichen Anträgen, ab 2017 zusätzlich Bildungsgutscheine und seit 2022 ein städtischer Zuschuss. Der Eigenanteil bleibt hoch. „Das ist es wert, weil die Jugendlichen es wert sind.“ 

Was die Runde zeigt

Die Angebote sind so vielfältig wie die jungen Menschen und reichen von der Begleitung im Schulalltag bis zur aufsuchenden Arbeit mit denen, die niemand mehr erreicht. Gemeinsam sind ihnen eine stärkenorientierte Haltung, die niemanden abschreibt, und Erfolge, die sich in Abschlüssen ebenso zeigen wie in kleinen Schritten. Gemeinsam ist ihnen aber auch die Abhängigkeit von befristeten und unsicheren Finanzierungen. 

 

Ergebnisse der Wirkungsanalyse von „SLAY! Your career“

Dr.in Katrin Hunsicker, Regionale Jugendagentur Job Central Weinheim

Dr.in Katrin HunsickerDie Zahl der sogenannten entkoppelten jungen Menschen – nicht mehr in Schule, Ausbildung, Arbeit oder einer Maßnahme – wächst von Jahr zu Jahr. Genau für sie ist das Landesmodellprojekt „SLAY! Your career“ entstanden. Es wird von der LAG Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg getragen, vom Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit aus Mitteln des Landtags gefördert und vom Paritätischen Baden-Württemberg koordiniert. Das Projekt sollte erproben, ob und wie sich diese jungen Menschen wieder an Unterstützungssysteme heranführen lassen, und die Erfolgsfaktoren dokumentieren. Dr.in Katrin Hunsicker stellte die Wirkungsanalyse für den gesamten Projektverbund vor, die sie gemeinsam mit Jutta Goltz (kit jugendhilfe), Alina Beck sowie Mitarbeitenden und Teilnehmenden aller Standorte erarbeitet hat.

Projekt und Zielgruppe

Aktuell läuft das Projekt an vier Standorten: bei der AWO Schwäbisch Hall, bei der kit jugendhilfe Tübingen, bei der Arbeitsförderung Karlsruhe gemeinsam mit dem Verein für Jugendhilfe Karlsruhe sowie bei der Jugendagentur Heidelberg gemeinsam mit der Regionalen Jugendagentur Job Central Weinheim. Wie die Arbeit konkret aussieht, variiert: von intensivem Case Management und aufsuchender Arbeit über Gruppenaktivitäten bis zu Projekten, in denen die jungen Menschen etwas für die Gemeinschaft tun, etwa ein Nachbarschaftscafé.

Die Zielgruppe sind junge Menschen, die keine Schule mehr besuchen, keiner Ausbildung oder Arbeit nachgehen und oft auch von keinem anderen Hilfesystem mehr erreicht werden. Sie sind mehrfach belastet: außergewöhnlich häufig psychisch, bis hin zu schweren Erkrankungen, dazu Armut, Verschuldung, Wohnungs- oder Obdachlosigkeit, schwere familiäre Probleme und Gewalterfahrungen. Rund ein Drittel hat keinen Schulabschluss, kaum jemand eine abgeschlossene Ausbildung. Besonders auffällig ist die Vereinsamung: Viele leben sehr zurückgezogen, ohne tragfähige Kontakte zu Familie oder Freund*innen. Von ersten Schritten in den Beruf sind sie zu Beginn meist weit entfernt.

Wie die Wirkung untersucht wurde

Befragt wurden zwölf Teilnehmende und acht Mitarbeitende verschiedener Standorte. Die Stichprobe ist klein, die Ergebnisse sind daher keine umfassende Evaluation. Weil sich die Antworten beider Gruppen aber weitgehend decken, gelten die beobachteten Wirkungen als plausibel und aussagekräftig. Grundlage ist das Wirkungsmodell der International Group of Controlling mit vier Ebenen: Output, Impact, Effect und Outcome. Es erlaubt, die Selbsteinschätzung der jungen Menschen und die Einschätzung der Fachkräfte getrennt zu erfassen.

Output: Was das Projekt erreicht hat

Von Anfang 2024 bis Juni 2026 nahmen 156 junge Menschen teil. An allen Standorten übersteigt die Nachfrage die verfügbaren Plätze. 95 Teilnehmende haben das Projekt bisher abgeschlossen. Bei 48 von ihnen – mehr als der Hälfte – gelang der direkte Übergang in Schule, Ausbildung, Arbeit oder einen Freiwilligendienst. 20 wurden an Angebote anderer Rechtskreise angebunden, etwa Jugendhilfe, Jobcenter, Agentur für Arbeit oder Eingliederungshilfe. 18 wurden in stabilisierende Angebote vermittelt – für sie war das der erste Schritt, um überhaupt eine berufliche Perspektive entwickeln zu können. Nur bei 9 Personen ist der Verbleib unbekannt, etwa nach einem Umzug. Gemessen an der Ausgangslage ist das eine sehr gute Vermittlungsquote.

Impact: Wie die jungen Menschen die Wirkung erleben

Die Rückmeldungen der jungen Menschen fielen sehr positiv aus. Jeweils 11 von 12 stimmten voll oder eher zu, dass es ihnen psychisch besser geht, dass sie eine bessere Tagesstruktur und mehr Motivation haben und dass sie wissen, was sie als Nächstes tun wollen. Auch Aussagen wie „Ich habe ein berufliches Ziel entwickelt“, „Meine Lebenssituation hat sich verbessert“ oder „Ich habe neue Stärken und Interessen entdeckt“ fanden hohe Zustimmung.

Gefragt, was ihnen ohne das Projekt fehlen würde, sagten die jungen Menschen: Sie wären stärker auf sich allein gestellt und hätten in Phasen der Orientierungslosigkeit weniger Unterstützung. Ohne das Projekt hätten sie keine Tagesstruktur und weniger Kontakte zu anderen Menschen aufgebaut. Beides ist für diese Zielgruppe zentral: Viele haben ihren Tag-Nacht-Rhythmus verloren, viele haben Mobbing und Ausgrenzung erlebt und daraus soziale Ängste entwickelt. Korrigierende Erfahrungen mit Erwachsenen und Gleichaltrigen sind deshalb zentrale Voraussetzungen für jeden weiteren Schritt. Die Ergebnisse zeigen: Erfolg in der aJusa mit dieser Zielgruppe lässt sich nicht nur an Vermittlungen messen, sondern an vielen persönlichen Entwicklungsschritten, auf denen ein Berufswegeplan erst aufbauen kann.

Effect: Was die Fachkräfte beobachten

Die Mitarbeitenden wurden zu denselben Punkten befragt. Ihre Einschätzungen sind überwiegend positiv und decken sich weitgehend mit denen der jungen Menschen. Als weitere Wirkung nannten sie an erster Stelle positive zwischenmenschliche Erfahrungen und den Abbau sozialer Ängste – der Schlüssel, um die Spirale aus Vereinsamung und Rückzug zu durchbrechen und soziale Kompetenzen für das Berufsleben einzuüben. Außerdem beobachten sie:

  • Selbstwirksamkeit durch echte Beteiligung: Die jungen Menschen gestalten die Angebote mit und erleben, dass sie gehört werden.
  • mehr Mut, Offenheit für Neues und Lebensfreude – wichtig für junge Menschen, deren Alltag von existenzieller Not geprägt ist
  • zurückgewonnenes Vertrauen in unterstützende Systeme
  • klarere Ziele und selbstständige Entwicklungsschritte

Ohne das Projekt, so die große Mehrheit der Fachkräfte, würde für diese Zielgruppe ein niedrigschwelliges, freiwilliges und passendes Angebot fehlen – trotz aller bestehenden Angebote von Arbeitsagenturen, Jobcentern und Trägern. Und es gäbe weniger erfolgreiche Übergänge, weil bei dieser Zielgruppe ein paar Beratungstermine nicht reichen: Die Begleitung ist ein längerer Prozess, in dem die anderen Belastungen gleichzeitig bearbeitet werden müssen.

Outcome: Die gesellschaftliche Wirkung

Langfristig trägt das Projekt dazu bei, dem Arbeits- und Fachkräftemangel zu begegnen. Wichtiger noch: Auch bei jungen Menschen, für die eine berufliche Perspektive noch nicht in Reichweite ist, entfaltet es Wirkung. Sie nehmen wieder am sozialen Leben teil und erfahren, dass Institutionen ihnen Unterstützung anbieten. Das gibt ihnen Vertrauen zurück und stärkt ihre demokratische Resilienz. Ob mit oder ohne schnelle Vermittlung – die aJusa leistet einen wichtigen Beitrag zur Integration junger Menschen, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen hatten, und zu einer inklusiven Gesellschaft, in der alle ihren Platz finden.

Fazit und Wirkfaktoren

Die Analyse zeigt: Es ist möglich, entkoppelte junge Menschen mit multiplen Problemlagen zu erreichen und bei der Entwicklung einer beruflichen Perspektive zu unterstützen – auch wenn sie andere Stellen teils schon aufgegeben haben. Dafür braucht es innovative, flexible Ansätze, die sich an die Bedarfe vor Ort anpassen. Über alle Standorte hinweg wirken dieselben Faktoren:

  1. Niedrigschwelligkeit: kein wochenlanges Warten auf einen Termin, keine Formalien als Hürde.
  2. Freiwilligkeit ohne Sanktionen – und damit ohne Angst, Beschämung oder Druck.
  3. Eine wertschätzende Haltung, die auf Stärken und Interessen schaut statt auf Defizite – ein Blick, den diese jungen Menschen oft lange nicht erfahren haben.
  4. Eine verlässliche Vertrauensbeziehung, die nicht plötzlich abbricht.
  5. Intensive Begleitung der Berufswegeplanung über längere Zeit, mit mehreren Anläufen und der Möglichkeit, wiederzukommen.

All das erfordert qualifiziertes und engagiertes Personal, ausreichend Zeit und eine solide, verlässliche Finanzierung.

Die Wirkungsanalyse ist Teil des Papiers „Handlungsanforderungen für die strukturelle Verankerung der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit in Baden-Württemberg“. Mitarbeitende des Projekts haben außerdem die „Fachstandards für die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit“ erarbeitet. Beide Papiere stehen auf der Projektseite zum Download bereit.

aJusa aus unterschiedlichen Perspektiven

Werkstatt Schule in Aktion

Partnerschaften für gelingende Übergänge – die Perspektive von SCHULEWIRTSCHAFT

Christiane Huber, stv. Geschäftsführerin SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg, Bildungswerk der Baden-Württembergischen WirtschaftChristiane Huber

Christiane Huber, selbst lange in der Jugend- und Heimerziehung tätig, beschrieb ihre Rolle als Brückenbauerin zwischen verschiedenen Welten. Betriebe suchen dringend Nachwuchs, gleichzeitig bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt und junge Menschen finden keinen Platz – ein Passungsproblem. Bei rund 324 Ausbildungsberufen sind Jugendliche wie Eltern mit der Orientierung oft überfordert. Gerade junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen brauchen Praxiserfahrung und Menschen, die sie an die Hand nehmen.

SCHULEWIRTSCHAFT verbindet in rund 40 lokalen Netzwerken Schulen, Unternehmen, Arbeitsagenturen und weitere Akteure – auf Augenhöhe. Beispiele aus der Praxis:

  • LEGO® Serious Play®: Schüler*innen bauen Modelle zu ihren Stärken. Ein junger Mann zeigte in der Mitte seines chaotischen Modells einen Diamanten – und seine Lehrerin sah ihn plötzlich mit anderen Augen.
  • KooBO-Z: Kooperative Berufsorientierung für Zugewanderte, etwa ein Gartenhaus, das eine Klasse ein Schuljahr lang mit einer Zimmerei baute.
  • Berufseinstiegsbegleitung, M+E-Lotsen und AsA flex: Begleitung bis in und durch die Ausbildung. Die flächendeckende Berufseinstiegsbegleitung ist Huber ein Herzensanliegen.
  • Praktikumswochen Baden-Württemberg: Ein digitales Matching, das auf Talente statt auf die Person schaut, vermittelt Schnupperpraktika, in diesem Jahr vom 12. Oktober bis 6. November 2026.

Ihr Fazit: Potenziale statt Defizite sehen, früh begleiten und Allianzen schmieden. „Wir können es uns nicht leisten, 7.500 Abgänger*innen ohne Abschluss zu haben.“

aJusa im Blick – die jugendpolitische Perspektive der LAG Jugendsozialarbeit

Sophia Bruck, Bildungsreferentin LAG Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg, im Gespräch mit Jürgen RipplingerSophia Bruck

Das geplante Gespräch mit Carina Steinmetz (KVJS – Landesjugendamt) musste krankheitsbedingt entfallen; Sophia Bruck übernahm kurzfristig allein. 

Die Jugendphase sei für alle eine Zeit der Suche, erklärte sie. Kommen Benachteiligungen hinzu, kann eine Abwärtsspirale beginnen, in der junge Menschen das Vertrauen ins System verlieren. Dann braucht es stabile Strukturen, die Perspektiven zeigen.

Die LAG – ein Zusammenschluss von AWO, Diakonie, Paritätischem, IB und katholischer Jugendsozialarbeit – versteht sich als Brücke zwischen Praxis und Politik. Mit dem KVJS organisiert die LAG den Landesarbeitskreis Jugendberufshilfe, den Fachtag Übergang Schule-Beruf und ein Forum für Fachkräfte. Wie ein Orchester brauche das Arbeitsfeld verschiedene, aufeinander abgestimmte Instrumente.

Zu den Jugendberufsagenturen sagte Sophia Bruck: Wenn schon Fachkräfte den Überblick verlieren, wie soll es dann jungen Menschen gehen, die nicht in SGB II, III oder VIII denken? Zuständigkeiten dürfen keine weiteren Hürden schaffen.

„Die Frage darf nicht sein, wie wir einen jungen Menschen so schnell wie möglich in Ausbildung bringen, sondern was er jetzt braucht, um seinen Weg stabil und langfristig zu gehen.“

Termine der LAG JSA und des KVJS: 

  • Fachtag Übergang Schule-Beruf zu rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit und Jugendberufsagenturen am 15. April 2027 
  • Forum Übergang Schule-Beruf für Fachkräfte am 1. und 2. Juli 2027

Gesellschaftlicher Mehrwert der aJusa – erste Ergebnisse der SROI-Studie

Alina Beck, Referentin für arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, Der Paritätische Baden-Württemberg

Der Paritätische Baden-Württemberg hat die xit GmbH beauftragt, den gesellschaftlichen Wert von vier Angeboten mit einer Social-Return-on-Investment-Analyse (SROI) zu berechnen – darunter die aJusa. Beim Fachtag gab es erste Einblicke, die vollständige Veröffentlichung der Studie folgt im November 2026.

Warum über Wert sprechen? Rund 7.500 junge Menschen verlassen in Baden-Württemberg jedes Jahr die Schule ohne Hauptschulabschluss, seit 2020 rund ein Drittel mehr. § 13 SGB VIII und § 24 LKJHG begründen einen klaren gesetzlichen Auftrag. Die Praxis hängt dennoch an befristeten Förderungen und wechselnden Zuständigkeiten. Die Folgen tragen die jungen Menschen: Bezugspersonen wechseln, Beziehungen brechen ab.

Die Wirkungslogik: Fachkräfte begleiten → beim jungen Menschen verändert sich etwas → eine Eskalation wie Langzeitarbeitslosigkeit bleibt aus → Folgekosten entfallen → gesellschaftlicher Wert entsteht.

Die Studie: Leitfrage war, was mit den jungen Menschen ohne die Hilfe passiert wäre. Grundlage sind 135 reale Begleitverläufe von fünf Trägern aus dem Jahr 2025. Fachkräfte haben das Erhebungsinstrument mitentwickelt und wurden auf realistische, zurückhaltende Einschätzungen geschult. Doppelzählungen sind ausgeschlossen, xit hat jede Fallakte auf Plausibilität geprüft.

Wen die aJusa erreicht:

  • 27 % waren zu Beginn weder an Schule, Ausbildung noch Arbeit angebunden.
  • 71 % hatten nie eine Ausbildung begonnen, weitere 18 % eine abgebrochen – fast neun von zehn standen ohne Berufsausbildung da.
  • 16 % hatten keinen Schulabschluss, 35 % einen Hauptschulabschluss.

Die aJusa erreicht die jungen Menschen, die sonst niemand mehr erreicht.

Welche Verläufe ohne aJusa drohen: Für jeden Fall haben die Fachkräfte eingeschätzt, was ohne die Begleitung wahrscheinlich passiert wäre. Das ist eine fachliche Einschätzung auf Grundlage der Akten, keine beobachtete Vergleichsgruppe. Schon in den ersten zwölf Monaten hätte mehr als die Hälfte der jungen Menschen (52 %) nach der Schule keine Ausbildung begonnen. Fast jede*r Zweite hätte keinen Zugang zum Hilfesystem gefunden (48 %) oder wäre von Sozialleistungen abhängig geworden (47 %).

Längerfristig wachsen die Risiken: Bei 65 % sahen die Fachkräfte eine drohende dauerhafte Abhängigkeit von Sozialleistungen, bei 59 % Langzeitarbeitslosigkeit. 43 % drohte ein Verbleib in prekären Arbeitsverhältnissen und 28 % soziale Isolation. 30 % hätten auch nach zwölf Monaten noch keine Ausbildung begonnen.

In mehr als einem Drittel der Fälle wäre eine Maßnahme von Arbeitsagentur oder Jobcenter zu diesem Zeitpunkt voraussichtlich nicht passend gewesen. Die aJusa beugt damit auch Fehlsteuerung zwischen den Systemen vor.

Wie sich Wirkung aufbaut: Im ersten Jahr dokumentieren die Fachkräfte vor allem Selbstwirksamkeit (84 %), Problemlösekompetenz und Resilienz (74 %), Sozialkompetenz (59 %), Kommunikationsfähigkeit (58 %) und Tagesstruktur (53 %). Nach zwölf Monaten bleiben diese Fortschritte sichtbar, hinzu kommen berufliche Anschlüsse wie die Vermittlung in Ausbildung (24 %) und finanzielle Stabilisierung (24 %). Stabilisierung und berufliche Orientierung laufen nicht nacheinander, sondern greifen ineinander – eine Besonderheit der aJusa.

Frühe Hilfe wirkt am stärksten. Bei unter 18-Jährigen steht die Schule im Fokus, bei den 18- bis 25-Jährigen – im Übergang in die Arbeitswelt – ist die Gesamtwirkung am größten. Über 25 wirkt die Hilfe noch, aber deutlich schwächer.

Woraus sich der Wert zusammensetzt: vermiedene Folgekosten (etwa Grundsicherung), ermöglichte Erträge (Steuern und Sozialversicherungsbeiträge) und wieder wirksame Ausgaben (etwa Schulausgaben, die bei Schulabsentismus ihren Zweck verfehlen). Gerechnet wird nur, was sich aus den Akten belegen lässt.

Wer profitiert: Kommunen, Land, Bund und Arbeitsverwaltung, Sozialversicherungen, Betriebe und die Gesellschaft als Ganzes. Der Nutzen verteilt sich auf viele Schultern – die Verantwortung muss es auch.

Das sozialpolitische Zeichen: Die aJusa ist keine Kostenstelle, sondern eine Investition. Wirkung braucht Zeit und Beziehung, also verlässliche Strukturen statt Projektlaufzeiten. Und weil der Nutzen über Rechtskreise und Ebenen hinweg entsteht, gilt: Es geht nur gemeinsam.

Die konkreten Ergebnisse in Euro werden nach der Vorstellung bei der Mitgliederversammlung des Paritätischen im November 2026 veröffentlicht.

Aus der Diskussion: Auf Nachfrage zur Methode erläuterte Alina Beck, dass eine Vergleichsgruppe ohne Begleitung fachlich nicht vertretbar wäre. Die Verläufe ohne Hilfe beruhen daher auf der fachlichen Einschätzung je Fall. Aus dem Plenum kam der Hinweis, dass die Rechnung konservativ ist: Kosten bei Polizei und Justiz sowie die privaten Lasten der Familien sind nicht eingerechnet, die tatsächlichen Effekte dürften also größer sein. Jürgen Ripplinger würdigte die Studie als wertvolle Ergänzung zur fachpolitischen Argumentation – gerade gegenüber Kämmerern, weil sie zeigt, dass alle Ebenen profitieren.

aJusa aus unterschiedlichen Perspektiven

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Werkstatt Schule in Aktion

Partnerschaften für gelingende Übergänge – die Perspektive von SCHULEWIRTSCHAFT

Christiane Huber, stv. Geschäftsführerin SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg, Bildungswerk der Baden-Württembergischen WirtschaftChristiane Huber

Christiane Huber, selbst lange in der Jugend- und Heimerziehung tätig, beschrieb ihre Rolle als Brückenbauerin zwischen verschiedenen Welten. Betriebe suchen dringend Nachwuchs, gleichzeitig bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt und junge Menschen finden keinen Platz – ein Passungsproblem. Bei rund 324 Ausbildungsberufen sind Jugendliche wie Eltern mit der Orientierung oft überfordert. Gerade junge Menschen mit schwierigen Startbedingungen brauchen Praxiserfahrung und Menschen, die sie an die Hand nehmen.

SCHULEWIRTSCHAFT verbindet in rund 40 lokalen Netzwerken Schulen, Unternehmen, Arbeitsagenturen und weitere Akteure – auf Augenhöhe. Beispiele aus der Praxis:

  • LEGO® Serious Play®: Schüler*innen bauen Modelle zu ihren Stärken. Ein junger Mann zeigte in der Mitte seines chaotischen Modells einen Diamanten – und seine Lehrerin sah ihn plötzlich mit anderen Augen.
  • KooBO-Z: Kooperative Berufsorientierung für Zugewanderte, etwa ein Gartenhaus, das eine Klasse ein Schuljahr lang mit einer Zimmerei baute.
  • Berufseinstiegsbegleitung, M+E-Lotsen und AsA flex: Begleitung bis in und durch die Ausbildung. Die flächendeckende Berufseinstiegsbegleitung ist Huber ein Herzensanliegen.
  • Praktikumswochen Baden-Württemberg: Ein digitales Matching, das auf Talente statt auf die Person schaut, vermittelt Schnupperpraktika, in diesem Jahr vom 12. Oktober bis 6. November 2026.

Ihr Fazit: Potenziale statt Defizite sehen, früh begleiten und Allianzen schmieden. „Wir können es uns nicht leisten, 7.500 Abgänger*innen ohne Abschluss zu haben.“

aJusa im Blick – die jugendpolitische Perspektive der LAG Jugendsozialarbeit

Sophia Bruck, Bildungsreferentin LAG Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg, im Gespräch mit Jürgen RipplingerSophia Bruck

Das geplante Gespräch mit Carina Steinmetz (KVJS – Landesjugendamt) musste krankheitsbedingt entfallen; Sophia Bruck übernahm kurzfristig allein. 

Die Jugendphase sei für alle eine Zeit der Suche, erklärte sie. Kommen Benachteiligungen hinzu, kann eine Abwärtsspirale beginnen, in der junge Menschen das Vertrauen ins System verlieren. Dann braucht es stabile Strukturen, die Perspektiven zeigen.

Die LAG – ein Zusammenschluss von AWO, Diakonie, Paritätischem, IB und katholischer Jugendsozialarbeit – versteht sich als Brücke zwischen Praxis und Politik. Mit dem KVJS organisiert die LAG den Landesarbeitskreis Jugendberufshilfe, den Fachtag Übergang Schule-Beruf und ein Forum für Fachkräfte. Wie ein Orchester brauche das Arbeitsfeld verschiedene, aufeinander abgestimmte Instrumente.

Zu den Jugendberufsagenturen sagte Sophia Bruck: Wenn schon Fachkräfte den Überblick verlieren, wie soll es dann jungen Menschen gehen, die nicht in SGB II, III oder VIII denken? Zuständigkeiten dürfen keine weiteren Hürden schaffen.

„Die Frage darf nicht sein, wie wir einen jungen Menschen so schnell wie möglich in Ausbildung bringen, sondern was er jetzt braucht, um seinen Weg stabil und langfristig zu gehen.“

Termine der LAG JSA und des KVJS: 

  • Fachtag Übergang Schule-Beruf zu rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit und Jugendberufsagenturen am 15. April 2027 
  • Forum Übergang Schule-Beruf für Fachkräfte am 1. und 2. Juli 2027

Gesellschaftlicher Mehrwert der aJusa – erste Ergebnisse der SROI-Studie

Alina Beck, Referentin für arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, Der Paritätische Baden-Württemberg

Der Paritätische Baden-Württemberg hat die xit GmbH beauftragt, den gesellschaftlichen Wert von vier Angeboten mit einer Social-Return-on-Investment-Analyse (SROI) zu berechnen – darunter die aJusa. Beim Fachtag gab es erste Einblicke, die vollständige Veröffentlichung der Studie folgt im November 2026.

Warum über Wert sprechen? Rund 7.500 junge Menschen verlassen in Baden-Württemberg jedes Jahr die Schule ohne Hauptschulabschluss, seit 2020 rund ein Drittel mehr. § 13 SGB VIII und § 24 LKJHG begründen einen klaren gesetzlichen Auftrag. Die Praxis hängt dennoch an befristeten Förderungen und wechselnden Zuständigkeiten. Die Folgen tragen die jungen Menschen: Bezugspersonen wechseln, Beziehungen brechen ab.

Die Wirkungslogik: Fachkräfte begleiten → beim jungen Menschen verändert sich etwas → eine Eskalation wie Langzeitarbeitslosigkeit bleibt aus → Folgekosten entfallen → gesellschaftlicher Wert entsteht.

Die Studie: Leitfrage war, was mit den jungen Menschen ohne die Hilfe passiert wäre. Grundlage sind 135 reale Begleitverläufe von fünf Trägern aus dem Jahr 2025. Fachkräfte haben das Erhebungsinstrument mitentwickelt und wurden auf realistische, zurückhaltende Einschätzungen geschult. Doppelzählungen sind ausgeschlossen, xit hat jede Fallakte auf Plausibilität geprüft.

Wen die aJusa erreicht:

  • 27 % waren zu Beginn weder an Schule, Ausbildung noch Arbeit angebunden.
  • 71 % hatten nie eine Ausbildung begonnen, weitere 18 % eine abgebrochen – fast neun von zehn standen ohne Berufsausbildung da.
  • 16 % hatten keinen Schulabschluss, 35 % einen Hauptschulabschluss.

Die aJusa erreicht die jungen Menschen, die sonst niemand mehr erreicht.

Welche Verläufe ohne aJusa drohen: Für jeden Fall haben die Fachkräfte eingeschätzt, was ohne die Begleitung wahrscheinlich passiert wäre. Das ist eine fachliche Einschätzung auf Grundlage der Akten, keine beobachtete Vergleichsgruppe. Schon in den ersten zwölf Monaten hätte mehr als die Hälfte der jungen Menschen (52 %) nach der Schule keine Ausbildung begonnen. Fast jede*r Zweite hätte keinen Zugang zum Hilfesystem gefunden (48 %) oder wäre von Sozialleistungen abhängig geworden (47 %).

Längerfristig wachsen die Risiken: Bei 65 % sahen die Fachkräfte eine drohende dauerhafte Abhängigkeit von Sozialleistungen, bei 59 % Langzeitarbeitslosigkeit. 43 % drohte ein Verbleib in prekären Arbeitsverhältnissen und 28 % soziale Isolation. 30 % hätten auch nach zwölf Monaten noch keine Ausbildung begonnen.

In mehr als einem Drittel der Fälle wäre eine Maßnahme von Arbeitsagentur oder Jobcenter zu diesem Zeitpunkt voraussichtlich nicht passend gewesen. Die aJusa beugt damit auch Fehlsteuerung zwischen den Systemen vor.

Wie sich Wirkung aufbaut: Im ersten Jahr dokumentieren die Fachkräfte vor allem Selbstwirksamkeit (84 %), Problemlösekompetenz und Resilienz (74 %), Sozialkompetenz (59 %), Kommunikationsfähigkeit (58 %) und Tagesstruktur (53 %). Nach zwölf Monaten bleiben diese Fortschritte sichtbar, hinzu kommen berufliche Anschlüsse wie die Vermittlung in Ausbildung (24 %) und finanzielle Stabilisierung (24 %). Stabilisierung und berufliche Orientierung laufen nicht nacheinander, sondern greifen ineinander – eine Besonderheit der aJusa.

Frühe Hilfe wirkt am stärksten. Bei unter 18-Jährigen steht die Schule im Fokus, bei den 18- bis 25-Jährigen – im Übergang in die Arbeitswelt – ist die Gesamtwirkung am größten. Über 25 wirkt die Hilfe noch, aber deutlich schwächer.

Woraus sich der Wert zusammensetzt: vermiedene Folgekosten (etwa Grundsicherung), ermöglichte Erträge (Steuern und Sozialversicherungsbeiträge) und wieder wirksame Ausgaben (etwa Schulausgaben, die bei Schulabsentismus ihren Zweck verfehlen). Gerechnet wird nur, was sich aus den Akten belegen lässt.

Wer profitiert: Kommunen, Land, Bund und Arbeitsverwaltung, Sozialversicherungen, Betriebe und die Gesellschaft als Ganzes. Der Nutzen verteilt sich auf viele Schultern – die Verantwortung muss es auch.

Das sozialpolitische Zeichen: Die aJusa ist keine Kostenstelle, sondern eine Investition. Wirkung braucht Zeit und Beziehung, also verlässliche Strukturen statt Projektlaufzeiten. Und weil der Nutzen über Rechtskreise und Ebenen hinweg entsteht, gilt: Es geht nur gemeinsam.

Die konkreten Ergebnisse in Euro werden nach der Vorstellung bei der Mitgliederversammlung des Paritätischen im November 2026 veröffentlicht.

Aus der Diskussion: Auf Nachfrage zur Methode erläuterte Alina Beck, dass eine Vergleichsgruppe ohne Begleitung fachlich nicht vertretbar wäre. Die Verläufe ohne Hilfe beruhen daher auf der fachlichen Einschätzung je Fall. Aus dem Plenum kam der Hinweis, dass die Rechnung konservativ ist: Kosten bei Polizei und Justiz sowie die privaten Lasten der Familien sind nicht eingerechnet, die tatsächlichen Effekte dürften also größer sein. Jürgen Ripplinger würdigte die Studie als wertvolle Ergänzung zur fachpolitischen Argumentation – gerade gegenüber Kämmerern, weil sie zeigt, dass alle Ebenen profitieren.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Podiumsdiskussion

Filmpremiere „SLAY! Your career“Filmpremiere

Zum Auftakt der letzten Runde feierte der Film zum Modellprojekt "SLAY! Your career" Premiere. Praktiker*innen aus dem Projekt hatten sich gewünscht, dass in öffentlichen Debatten sichtbar wird, wie es den jungen Menschen geht, mit denen sie arbeiten. Der dreiminütige Film erzählt keine durchgehende Geschichte, sondern macht ein Gefühl sichtbar: Orientierungslosigkeit – und die ausgestreckte Hand eines niedrigschwelligen Angebots. Der Song „Safe Space“ wurde eigens für den Film vom Kvnstwerk geschrieben. Der Film steht seit dem Fachtag in den sozialen Medien zur Verfügung und soll Trägern vor Ort als Argumentationshilfe dienen.

Impulse aus dem Plenum

Den ganzen Tag über sammelten die Teilnehmenden an Stellwänden im Foyer Antworten zu drei offene Fragen. Alina Beck brachte die Ergebnisse in die Podiumsdiskussion ein.

Was brauchen junge Menschen, was in keiner Statistik steht?

  • Beziehung: einen Menschen, der an sie glaubt, Vorbilder mit ähnlichen Biografien, Kontakt auf Augenhöhe, jemanden, der zuhört und Geduld hat.
  • Innere Stärke: Zuversicht, Mut, Selbstwirksamkeit, Raum zum Ausprobieren und Wertschätzung auch für unkonventionelle Ideen.
  • Echte Teilhabe: ernst genommen werden und mitbestimmen – nach dem Prinzip „Dein Weg, unser Ziel“.
  • Ein einbezogenes Umfeld, vor allem Eltern und Familie.

Die Kernbotschaft: ein Perspektivwechsel. Den Fehler im System suchen, nicht bei den jungen Menschen.

Was müsste passieren, damit junge Menschen einen Rechtskreiswechsel gar nicht merken?

  • Die Bezugsperson bleibt, zumindest aber der Träger. Der Rechtskreis wechselt nur als Kostenträger, die Begleitung kommt aus einer Hand.
  • Ein Dach: rechtskreisübergreifend abgestimmte Angebote und eine Anlaufstelle für alle Anliegen, etwa über die Jugendberufsagenturen.
  • Ein zentraler Informationsort in jedem Stadt- und Landkreis, digital und analog.
  • Politische Stabilität statt ständig wechselnder Zuständigkeiten.
  • Rechtskreise aus der Perspektive der jungen Menschen denken, nicht aus der eigenen.

Gemeinsame Verantwortung übernehmen heißt konkret …

  • eine Haltung, in der es „Ich bin nicht zuständig“ nicht gibt, und das eigene "Ego" hintanzustellen.
  • unbequeme Wege gemeinsam zu gehen, auch wenn es zäh wird.
  • die Ziele junger Menschen vor institutionelle Interessen zu stellen.
  • verbindliche Strukturen und Standards zu schaffen, Skeptiker*innen zu überzeugen und die Stärken der anderen zu nutzen.
  • die Wirtschaft als Teil der Gesellschaft in die Verantwortung einzubeziehen.

Podiumsdiskussion

Christine Kenntner (Leiterin Kreisjugendamt Esslingen), Astrid Mast (Geschäftsführerin Jobcenter Landkreis Esslingen), Katrin Stegmaier (Geschäftsführerin LAG Jugendsozialarbeit BW), Christiane Huber (stv. Geschäftsführerin SCHULEWIRTSCHAFT BW), Prof. Dr. Benno Hafeneger (Philipps-Universität Marburg), Berat Gürbüz MdL (Sprecher für Arbeit und Jugend, Fraktion GRÜNE), Jürgen Ripplinger (Moderation).

Jürgen Ripplinger eröffnete das Podium mit einem nüchternen Befund: Trotz aller Zustimmung bleibt die Finanzierung der aJusa prekär – Mischfinanzierungen, ESF-Mittel mit ungewisser Zukunft, schwindende kommunale Haushalte. Modellprojekte seien sinnvoll, um herauszufinden, was funktioniert. Wenn aber klar sei, dass etwas wirkt, müsse der nächste Schritt die Verstetigung sein. Genau an diesem Punkt stehe das Arbeitsfeld jetzt. Die Diskussion verlief in drei Runden zu folgenden Themen: jugendpolitische Einschätzungen, gelingende Kooperationen und ein Ausblick auf den jeweils nächsten Schritt, den man bereit ist, für das Feld zu gehen.

Runde 1: Was braucht es jugendpolitisch?

Prof. Dr. Benno Hafeneger riet zu einer Grundhaltung, die Max Weber als „das Bohren dicker Bretter“ beschrieben hat. Ein Blick in die Geschichte zeige, wie viel erreicht wurde: Früher gab es nur Jugendpflege und Jugendfürsorge, heute eine ausdifferenzierte Landschaft mit Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit, Jugendberufshilfe und offener Jugendarbeit, mit eigenen Ausbildungswegen und Professionen. Diese Errungenschaft sei aber nicht selbstverständlich. Rechtspopulistische Kräfte bezeichneten Wohlfahrt und Jugendhilfe als „Wohlfahrtsindustrie“, die abgeschafft gehöre – ein europaweiter Angriff auf den Sozialstaat, gegen den man sich wappnen müsse. Baden-Württemberg sei vergleichsweise gut aufgestellt. Wenn das Land Entbürokratisierung in der Kinder- und Jugendhilfe klug angehe, könne es Mittel besser einsetzen und bundesweit Vorbild werden.

Christine Kenntner leitet das Kreisjugendamt Esslingen, das über ein festes Budget für Jugendsozialarbeit verfügt. Auf die Frage, wie es gelang, den Kreistag zu überzeugen, nannte sie vier Faktoren. Erstens Menschen, die gemeinsam etwas wollen – in Esslingen Jugendhilfe und Jobcenter von Anfang an zusammen. „Es sind nicht meine Jugendlichen und nicht die des Jobcenters, sondern unsere Jugendlichen im Landkreis.“ Zweitens ein Zeitfenster: Der Planungsprozess begann 2018, fünf oder zehn Jahre früher hätte das Thema im Kreistag keine Chance gehabt. Drittens Entscheidungsträger*innen, die ihre Spielräume nutzen – die gebe es schon heute, man müsse nicht erst auf Entbürokratisierung warten. Viertens eine Jugendhilfeplanung, die den Bedarf mit Daten belegt und amtlich feststellt. Ihr Fazit: „Man muss die Politik überzeugen, nicht den Kämmerer.“

Katrin Stegmaier, Geschäftsführerin der LAG Jugendsozialarbeit, erinnerte daran, dass zur Jugendsozialarbeit mehr gehört als die arbeitsweltbezogene: auch Schulsozialarbeit, Mobile Jugendarbeit, Jugend- und Azubiwohnen und die Jugendmigrationsdienste. Die LAG verstehe sich als Brücke zwischen Fachkräften, Leitungen und den landespolitischen Sprecher*innen und gehe auch in die Öffentlichkeit. Anfang 2026 hat sie mit einer Pressemitteilung und einer Postkartenaktion deutlich gemacht: Kürzungen bei der Jugendsozialarbeit kosten im ersten Moment weniger – im nächsten aber mehr.

Berat Gürbüz MdL, Sprecher für Arbeit und Jugend der Grünen Landtagsfraktion, verwies auf den Koalitionsvertrag: Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit gelten dort als zentrale Bausteine für ein jugendgerechtes Baden-Württemberg und sollen langfristig und krisensicher aufgestellt werden, mit dem Masterplan Jugend als strategischem Rahmen. Die fehlende Planungssicherheit bei Projektfinanzierungen kenne er aus vielen Gesprächen mit Verbänden. Eine strukturelle Finanzierung, die junge Menschen „von Anfang bis Ende“ mitnimmt, müsse perspektivisch das Ziel sein. Versprechen wolle er angesichts der laufenden Haushaltsaufstellung aber bewusst nicht machen, um keine Erwartungen zu wecken, die enttäuscht werden könnten. Zugleich mache er in seiner Fraktion klar: Was jetzt nicht in junge Menschen investiert wird, zahle man später doppelt und dreifach. Ripplinger verwies an dieser Stelle auf die SROI-Studie, die genau das belege und wünschte sich, dass Jugend als Zukunftssicherung des Landes hohe Priorität bekommt.

 

Runde 2: Kooperationen, die gelingen

Im Landkreis Esslingen arbeiten Kreisjugendamt und Jobcenter seit Jahren eng zusammen. Gemeinsam haben sie ein Förderkonzept für benachteiligte und schwer erreichbare junge Menschen entwickelt: die GO!ES-Jugendbüros, je zur Hälfte finanziert über § 13 SGB VIII und § 16h SGB II.

Astrid Mast, Geschäftsführerin des Jobcenters Landkreis Esslingen, beschrieb, wie es dazu kam. Das Jobcenter arbeitet familienzentriert, schaut auf die gesamte Bedarfsgemeinschaft und kennt jedes Jahr rund 1.100 Schulabgänger*innen. An die jungen Menschen außerhalb der Systeme komme es aber nicht heran – die Sozialarbeit der freien Träger habe einen ganz anderen Zugang. Die Kunst sei, die Kompetenzen beider Seiten zu erkennen, zusammenzulegen und zu würdigen. Die Standortkommunen tragen die Mietkosten für Büros, die immer offen sind, ohne Wartelisten.

Sie nannte drei Erfolgsfaktoren. Erstens ein gemeinsam errungenes, ausführliches Konzept – „da war ich froh um die Bürokratie“, denn ohne diesen Plan wäre das Projekt nicht im achten Jahr. Zweitens sich vom Verwaltungsaufwand nicht abschrecken zu lassen. Drittens den Mut, in die großen Runden mit den Jugendhilfeträgern zu gehen und Konflikte offen zu klären. In einem Stadtbezirk mit schwierigen Strukturen habe ein professionell moderierter Workshop die Fronten geklärt. Heute sind die rund 600 arbeitslosen Jugendlichen im Landkreis den Mitarbeitenden namentlich bekannt.

Christine Kenntner ergänzte die Vorgeschichte: Mehrere Standorte hingen zuvor über zehn Jahre an ESF- und anderen Fördermitteln, und die freien Träger signalisierten, dass es so nicht weitergeht. Als Sachgebietsleiterin ging sie zu ihrer Amtsleitung: „Wir müssen hier etwas machen.“ Die wenige Jahre zuvor gegründete Jugendberufsagentur hatte ohnehin den Auftrag, gemeinsame Maßnahmen abzustimmen und ist heute Steuerungskreis für GO!ES. Das Konzept entstand über drei Rechtskreise hinweg, auch die Arbeitsagentur war beteiligt. Allein hätte der Landkreis die Finanzierung nie gestemmt – es sei nicht allein Aufgabe der Jugendhilfe, junge Menschen an Ausbildung heranzuführen. Erfolgsfaktoren seien auch aufsuchende Arbeit und freie Träger, die sich als Partner verstehen.

Christiane Huber unterstrich diese Gelingensfaktoren aus Sicht von SCHULEWIRTSCHAFT. Es brauche Menschen, die etwas verändern wollen und Lösungen statt Hindernisse suchen. Alle Beteiligten müssten auf Augenhöhe stehen – „jeder darf in der Sonne stehen“. Hilfreich sei, die Brille des anderen aufzusetzen: Ausbilder*innen, die einen Tag in der Schule verbringen, sehen ganz andere Herausforderungen. Wer eine Kooperation will, müsse selbst etwas mitbringen, dranbleiben, auch unbequeme Wege gehen und fragen, wer noch fehlt. Unternehmen müssten verstehen, dass sich ihr Engagement – vom Kita-Projekt bis zum Schülerpraktikum – erst langfristig auszahlt. Sie machte ein konkretes Angebot: Die rund 40 regionalen Netzwerke von SCHULEWIRTSCHAFT stehen der Jugendsozialarbeit offen, um gemeinsame Formate zu entwickeln. „Wir haben das gemeinsame Ziel Übergang Schule-Beruf – lassen Sie uns die Kräfte bündeln.“ Auch in der Finanzierung brauche es neue Denkmodelle.

Ripplinger fragte Berat Gürbüz, ob die Landespolitik einen Rahmen schaffen könne, der die Akteur*innen an einen Tisch bringt. Gürbüz kündigte an, dass der Arbeitskreis Soziales, Arbeit und Gesundheit der Grünen Fraktion ab 2027 Fachgespräche dazu führen wird. Er lud alle ein, konkrete Vorschläge zum Bürokratieabbau einzubringen: Die Politik brauche benannte Stellschrauben, nicht das große Schlagwort.

Christine Kenntner ordnete zum Abschluss der Runde die SROI-Studie ein. Es sei wichtig, monetäre Effekte sichtbar zu machen, doch das dürfe nicht handlungsleitend werden: „Wenn da eine Null herausgekommen wäre – hören wir dann auf?“ Der Auftrag, jungen Menschen Entwicklung zu ermöglichen, gelte unabhängig vom Return. Ripplinger fasste zusammen: Die Studie ist ein wertvolles Mosaiksteinchen der Argumentation, darf aber nicht zur Hauptlinie werden.

 

Runde 3: Mein nächster Schritt

Prof. Dr. Benno Hafeneger sah zwei zentrale fachliche Dimensionen: konsequent subjektzentriert bleiben, also an der Lebenssituation der jungen Menschen ansetzen und Vernetzung. Am Beispiel einer preisgekrönten Schule zeigte er, wie viel möglich ist, wenn Leitungen Spielräume mutig nutzen. Als dritte Dimension nannte er die demokratiepädagogische Bedeutung des Arbeitsfelds: Weltbilder entstehen in der frühen Adoleszenz und wohin sich die Demokratie entwickelt, hänge auch von denen ab, die mit jungen Menschen arbeiten. Von der Politik wünscht er sich über Haushaltsberatungen hinaus eine „Utopie mittlerer Reichweite“ – eine Idee, wohin sich die Gesellschaft entwickeln soll. „Wenn uns das nicht gelingt, haben wir andere Anbieter auf dem Markt der Weltdeutung.“

Christine Kenntner will GO!ES angesichts der Haushaltslage weiter absichern. Den § 13 SGB VIII könne ein öffentlicher Träger zwar bespielen, wie gut er ausgestattet ist, hänge aber an der Haushaltslage. Zudem soll die Jugendberufsagentur im kommenden Jahr den inklusiven Übergang stärker in den Blick nehmen.

Astrid Mast will die Digitalisierung im Jobcenter vorantreiben, damit Zugänge für junge Menschen verständlicher werden. Die Regeln der Grundsicherung seien aufwendig, stünden aber für Gerechtigkeit – Digitalisierung könne helfen, beides zu verbinden.

Katrin Stegmaier wünschte sich viele mutige Menschen, die Konzepte wie GO!ES umsetzen. Es dürfe nicht vom Wohnort abhängen, ob junge Menschen ein solches Angebot vorfinden. Das Bild ineinandergreifender Puzzleteile reiche nicht: Zwischen Puzzleteilen könne jemand herausfallen, die Hilfen müssten verzahnt sein. „Die jungen Menschen sind nicht schwer erreichbar – die Zugänge und Systeme sind es, aus der Perspektive der jungen Menschen.“ Junge Menschen müssten scheitern und nach Umwegen zurückkommen dürfen. Das Modellprojekt "SLAY! Your career" sei kein Ergebnis, sondern ein Auftrag für eine Allianz aus Politik, Kommunen, Jugendhilfe und Wirtschaft: „Damit stärken wir nicht nur ein Arbeitsfeld, sondern unsere ganze Gesellschaft.“

Berat Gürbüz betonte, mit jungen Menschen zu sprechen statt über sie – eine Erfahrung aus seiner Zeit als Vorsitzender des Landesschülerbeirats. Wenn junge Menschen im System verloren gehen, zeige sich das auch in Wahlergebnissen. Er dankte den Fachkräften für ihre Arbeit, die große Anerkennung verdiene. Als einer der jüngsten Abgeordneten wolle er sich in Fraktion und Landtag dafür einsetzen, dass das Thema Priorität bekommt. Über Parteigrenzen hinweg gebe es dazu eine Allianz jüngerer Abgeordneter, vom Bund wünscht er sich mehr Unterstützung.

Christiane Huber nahm Dankbarkeit und Mut mit – und den Vorsatz, das Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT für die Jugendsozialarbeit zu erweitern: „Fürchtet euch nicht, ich komme auf euch zu.“

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Podiumsdiskussion

Filmpremiere „SLAY! Your career“Filmpremiere

Zum Auftakt der letzten Runde feierte der Film zum Modellprojekt "SLAY! Your career" Premiere. Praktiker*innen aus dem Projekt hatten sich gewünscht, dass in öffentlichen Debatten sichtbar wird, wie es den jungen Menschen geht, mit denen sie arbeiten. Der dreiminütige Film erzählt keine durchgehende Geschichte, sondern macht ein Gefühl sichtbar: Orientierungslosigkeit – und die ausgestreckte Hand eines niedrigschwelligen Angebots. Der Song „Safe Space“ wurde eigens für den Film vom Kvnstwerk geschrieben. Der Film steht seit dem Fachtag in den sozialen Medien zur Verfügung und soll Trägern vor Ort als Argumentationshilfe dienen.

Impulse aus dem Plenum

Den ganzen Tag über sammelten die Teilnehmenden an Stellwänden im Foyer Antworten zu drei offene Fragen. Alina Beck brachte die Ergebnisse in die Podiumsdiskussion ein.

Was brauchen junge Menschen, was in keiner Statistik steht?

  • Beziehung: einen Menschen, der an sie glaubt, Vorbilder mit ähnlichen Biografien, Kontakt auf Augenhöhe, jemanden, der zuhört und Geduld hat.
  • Innere Stärke: Zuversicht, Mut, Selbstwirksamkeit, Raum zum Ausprobieren und Wertschätzung auch für unkonventionelle Ideen.
  • Echte Teilhabe: ernst genommen werden und mitbestimmen – nach dem Prinzip „Dein Weg, unser Ziel“.
  • Ein einbezogenes Umfeld, vor allem Eltern und Familie.

Die Kernbotschaft: ein Perspektivwechsel. Den Fehler im System suchen, nicht bei den jungen Menschen.

Was müsste passieren, damit junge Menschen einen Rechtskreiswechsel gar nicht merken?

  • Die Bezugsperson bleibt, zumindest aber der Träger. Der Rechtskreis wechselt nur als Kostenträger, die Begleitung kommt aus einer Hand.
  • Ein Dach: rechtskreisübergreifend abgestimmte Angebote und eine Anlaufstelle für alle Anliegen, etwa über die Jugendberufsagenturen.
  • Ein zentraler Informationsort in jedem Stadt- und Landkreis, digital und analog.
  • Politische Stabilität statt ständig wechselnder Zuständigkeiten.
  • Rechtskreise aus der Perspektive der jungen Menschen denken, nicht aus der eigenen.

Gemeinsame Verantwortung übernehmen heißt konkret …

  • eine Haltung, in der es „Ich bin nicht zuständig“ nicht gibt, und das eigene "Ego" hintanzustellen.
  • unbequeme Wege gemeinsam zu gehen, auch wenn es zäh wird.
  • die Ziele junger Menschen vor institutionelle Interessen zu stellen.
  • verbindliche Strukturen und Standards zu schaffen, Skeptiker*innen zu überzeugen und die Stärken der anderen zu nutzen.
  • die Wirtschaft als Teil der Gesellschaft in die Verantwortung einzubeziehen.

Podiumsdiskussion

Christine Kenntner (Leiterin Kreisjugendamt Esslingen), Astrid Mast (Geschäftsführerin Jobcenter Landkreis Esslingen), Katrin Stegmaier (Geschäftsführerin LAG Jugendsozialarbeit BW), Christiane Huber (stv. Geschäftsführerin SCHULEWIRTSCHAFT BW), Prof. Dr. Benno Hafeneger (Philipps-Universität Marburg), Berat Gürbüz MdL (Sprecher für Arbeit und Jugend, Fraktion GRÜNE), Jürgen Ripplinger (Moderation).

Jürgen Ripplinger eröffnete das Podium mit einem nüchternen Befund: Trotz aller Zustimmung bleibt die Finanzierung der aJusa prekär – Mischfinanzierungen, ESF-Mittel mit ungewisser Zukunft, schwindende kommunale Haushalte. Modellprojekte seien sinnvoll, um herauszufinden, was funktioniert. Wenn aber klar sei, dass etwas wirkt, müsse der nächste Schritt die Verstetigung sein. Genau an diesem Punkt stehe das Arbeitsfeld jetzt. Die Diskussion verlief in drei Runden zu folgenden Themen: jugendpolitische Einschätzungen, gelingende Kooperationen und ein Ausblick auf den jeweils nächsten Schritt, den man bereit ist, für das Feld zu gehen.

Runde 1: Was braucht es jugendpolitisch?

Prof. Dr. Benno Hafeneger riet zu einer Grundhaltung, die Max Weber als „das Bohren dicker Bretter“ beschrieben hat. Ein Blick in die Geschichte zeige, wie viel erreicht wurde: Früher gab es nur Jugendpflege und Jugendfürsorge, heute eine ausdifferenzierte Landschaft mit Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit, Jugendberufshilfe und offener Jugendarbeit, mit eigenen Ausbildungswegen und Professionen. Diese Errungenschaft sei aber nicht selbstverständlich. Rechtspopulistische Kräfte bezeichneten Wohlfahrt und Jugendhilfe als „Wohlfahrtsindustrie“, die abgeschafft gehöre – ein europaweiter Angriff auf den Sozialstaat, gegen den man sich wappnen müsse. Baden-Württemberg sei vergleichsweise gut aufgestellt. Wenn das Land Entbürokratisierung in der Kinder- und Jugendhilfe klug angehe, könne es Mittel besser einsetzen und bundesweit Vorbild werden.

Christine Kenntner leitet das Kreisjugendamt Esslingen, das über ein festes Budget für Jugendsozialarbeit verfügt. Auf die Frage, wie es gelang, den Kreistag zu überzeugen, nannte sie vier Faktoren. Erstens Menschen, die gemeinsam etwas wollen – in Esslingen Jugendhilfe und Jobcenter von Anfang an zusammen. „Es sind nicht meine Jugendlichen und nicht die des Jobcenters, sondern unsere Jugendlichen im Landkreis.“ Zweitens ein Zeitfenster: Der Planungsprozess begann 2018, fünf oder zehn Jahre früher hätte das Thema im Kreistag keine Chance gehabt. Drittens Entscheidungsträger*innen, die ihre Spielräume nutzen – die gebe es schon heute, man müsse nicht erst auf Entbürokratisierung warten. Viertens eine Jugendhilfeplanung, die den Bedarf mit Daten belegt und amtlich feststellt. Ihr Fazit: „Man muss die Politik überzeugen, nicht den Kämmerer.“

Katrin Stegmaier, Geschäftsführerin der LAG Jugendsozialarbeit, erinnerte daran, dass zur Jugendsozialarbeit mehr gehört als die arbeitsweltbezogene: auch Schulsozialarbeit, Mobile Jugendarbeit, Jugend- und Azubiwohnen und die Jugendmigrationsdienste. Die LAG verstehe sich als Brücke zwischen Fachkräften, Leitungen und den landespolitischen Sprecher*innen und gehe auch in die Öffentlichkeit. Anfang 2026 hat sie mit einer Pressemitteilung und einer Postkartenaktion deutlich gemacht: Kürzungen bei der Jugendsozialarbeit kosten im ersten Moment weniger – im nächsten aber mehr.

Berat Gürbüz MdL, Sprecher für Arbeit und Jugend der Grünen Landtagsfraktion, verwies auf den Koalitionsvertrag: Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit gelten dort als zentrale Bausteine für ein jugendgerechtes Baden-Württemberg und sollen langfristig und krisensicher aufgestellt werden, mit dem Masterplan Jugend als strategischem Rahmen. Die fehlende Planungssicherheit bei Projektfinanzierungen kenne er aus vielen Gesprächen mit Verbänden. Eine strukturelle Finanzierung, die junge Menschen „von Anfang bis Ende“ mitnimmt, müsse perspektivisch das Ziel sein. Versprechen wolle er angesichts der laufenden Haushaltsaufstellung aber bewusst nicht machen, um keine Erwartungen zu wecken, die enttäuscht werden könnten. Zugleich mache er in seiner Fraktion klar: Was jetzt nicht in junge Menschen investiert wird, zahle man später doppelt und dreifach. Ripplinger verwies an dieser Stelle auf die SROI-Studie, die genau das belege und wünschte sich, dass Jugend als Zukunftssicherung des Landes hohe Priorität bekommt.

 

Runde 2: Kooperationen, die gelingen

Im Landkreis Esslingen arbeiten Kreisjugendamt und Jobcenter seit Jahren eng zusammen. Gemeinsam haben sie ein Förderkonzept für benachteiligte und schwer erreichbare junge Menschen entwickelt: die GO!ES-Jugendbüros, je zur Hälfte finanziert über § 13 SGB VIII und § 16h SGB II.

Astrid Mast, Geschäftsführerin des Jobcenters Landkreis Esslingen, beschrieb, wie es dazu kam. Das Jobcenter arbeitet familienzentriert, schaut auf die gesamte Bedarfsgemeinschaft und kennt jedes Jahr rund 1.100 Schulabgänger*innen. An die jungen Menschen außerhalb der Systeme komme es aber nicht heran – die Sozialarbeit der freien Träger habe einen ganz anderen Zugang. Die Kunst sei, die Kompetenzen beider Seiten zu erkennen, zusammenzulegen und zu würdigen. Die Standortkommunen tragen die Mietkosten für Büros, die immer offen sind, ohne Wartelisten.

Sie nannte drei Erfolgsfaktoren. Erstens ein gemeinsam errungenes, ausführliches Konzept – „da war ich froh um die Bürokratie“, denn ohne diesen Plan wäre das Projekt nicht im achten Jahr. Zweitens sich vom Verwaltungsaufwand nicht abschrecken zu lassen. Drittens den Mut, in die großen Runden mit den Jugendhilfeträgern zu gehen und Konflikte offen zu klären. In einem Stadtbezirk mit schwierigen Strukturen habe ein professionell moderierter Workshop die Fronten geklärt. Heute sind die rund 600 arbeitslosen Jugendlichen im Landkreis den Mitarbeitenden namentlich bekannt.

Christine Kenntner ergänzte die Vorgeschichte: Mehrere Standorte hingen zuvor über zehn Jahre an ESF- und anderen Fördermitteln, und die freien Träger signalisierten, dass es so nicht weitergeht. Als Sachgebietsleiterin ging sie zu ihrer Amtsleitung: „Wir müssen hier etwas machen.“ Die wenige Jahre zuvor gegründete Jugendberufsagentur hatte ohnehin den Auftrag, gemeinsame Maßnahmen abzustimmen und ist heute Steuerungskreis für GO!ES. Das Konzept entstand über drei Rechtskreise hinweg, auch die Arbeitsagentur war beteiligt. Allein hätte der Landkreis die Finanzierung nie gestemmt – es sei nicht allein Aufgabe der Jugendhilfe, junge Menschen an Ausbildung heranzuführen. Erfolgsfaktoren seien auch aufsuchende Arbeit und freie Träger, die sich als Partner verstehen.

Christiane Huber unterstrich diese Gelingensfaktoren aus Sicht von SCHULEWIRTSCHAFT. Es brauche Menschen, die etwas verändern wollen und Lösungen statt Hindernisse suchen. Alle Beteiligten müssten auf Augenhöhe stehen – „jeder darf in der Sonne stehen“. Hilfreich sei, die Brille des anderen aufzusetzen: Ausbilder*innen, die einen Tag in der Schule verbringen, sehen ganz andere Herausforderungen. Wer eine Kooperation will, müsse selbst etwas mitbringen, dranbleiben, auch unbequeme Wege gehen und fragen, wer noch fehlt. Unternehmen müssten verstehen, dass sich ihr Engagement – vom Kita-Projekt bis zum Schülerpraktikum – erst langfristig auszahlt. Sie machte ein konkretes Angebot: Die rund 40 regionalen Netzwerke von SCHULEWIRTSCHAFT stehen der Jugendsozialarbeit offen, um gemeinsame Formate zu entwickeln. „Wir haben das gemeinsame Ziel Übergang Schule-Beruf – lassen Sie uns die Kräfte bündeln.“ Auch in der Finanzierung brauche es neue Denkmodelle.

Ripplinger fragte Berat Gürbüz, ob die Landespolitik einen Rahmen schaffen könne, der die Akteur*innen an einen Tisch bringt. Gürbüz kündigte an, dass der Arbeitskreis Soziales, Arbeit und Gesundheit der Grünen Fraktion ab 2027 Fachgespräche dazu führen wird. Er lud alle ein, konkrete Vorschläge zum Bürokratieabbau einzubringen: Die Politik brauche benannte Stellschrauben, nicht das große Schlagwort.

Christine Kenntner ordnete zum Abschluss der Runde die SROI-Studie ein. Es sei wichtig, monetäre Effekte sichtbar zu machen, doch das dürfe nicht handlungsleitend werden: „Wenn da eine Null herausgekommen wäre – hören wir dann auf?“ Der Auftrag, jungen Menschen Entwicklung zu ermöglichen, gelte unabhängig vom Return. Ripplinger fasste zusammen: Die Studie ist ein wertvolles Mosaiksteinchen der Argumentation, darf aber nicht zur Hauptlinie werden.

 

Runde 3: Mein nächster Schritt

Prof. Dr. Benno Hafeneger sah zwei zentrale fachliche Dimensionen: konsequent subjektzentriert bleiben, also an der Lebenssituation der jungen Menschen ansetzen und Vernetzung. Am Beispiel einer preisgekrönten Schule zeigte er, wie viel möglich ist, wenn Leitungen Spielräume mutig nutzen. Als dritte Dimension nannte er die demokratiepädagogische Bedeutung des Arbeitsfelds: Weltbilder entstehen in der frühen Adoleszenz und wohin sich die Demokratie entwickelt, hänge auch von denen ab, die mit jungen Menschen arbeiten. Von der Politik wünscht er sich über Haushaltsberatungen hinaus eine „Utopie mittlerer Reichweite“ – eine Idee, wohin sich die Gesellschaft entwickeln soll. „Wenn uns das nicht gelingt, haben wir andere Anbieter auf dem Markt der Weltdeutung.“

Christine Kenntner will GO!ES angesichts der Haushaltslage weiter absichern. Den § 13 SGB VIII könne ein öffentlicher Träger zwar bespielen, wie gut er ausgestattet ist, hänge aber an der Haushaltslage. Zudem soll die Jugendberufsagentur im kommenden Jahr den inklusiven Übergang stärker in den Blick nehmen.

Astrid Mast will die Digitalisierung im Jobcenter vorantreiben, damit Zugänge für junge Menschen verständlicher werden. Die Regeln der Grundsicherung seien aufwendig, stünden aber für Gerechtigkeit – Digitalisierung könne helfen, beides zu verbinden.

Katrin Stegmaier wünschte sich viele mutige Menschen, die Konzepte wie GO!ES umsetzen. Es dürfe nicht vom Wohnort abhängen, ob junge Menschen ein solches Angebot vorfinden. Das Bild ineinandergreifender Puzzleteile reiche nicht: Zwischen Puzzleteilen könne jemand herausfallen, die Hilfen müssten verzahnt sein. „Die jungen Menschen sind nicht schwer erreichbar – die Zugänge und Systeme sind es, aus der Perspektive der jungen Menschen.“ Junge Menschen müssten scheitern und nach Umwegen zurückkommen dürfen. Das Modellprojekt "SLAY! Your career" sei kein Ergebnis, sondern ein Auftrag für eine Allianz aus Politik, Kommunen, Jugendhilfe und Wirtschaft: „Damit stärken wir nicht nur ein Arbeitsfeld, sondern unsere ganze Gesellschaft.“

Berat Gürbüz betonte, mit jungen Menschen zu sprechen statt über sie – eine Erfahrung aus seiner Zeit als Vorsitzender des Landesschülerbeirats. Wenn junge Menschen im System verloren gehen, zeige sich das auch in Wahlergebnissen. Er dankte den Fachkräften für ihre Arbeit, die große Anerkennung verdiene. Als einer der jüngsten Abgeordneten wolle er sich in Fraktion und Landtag dafür einsetzen, dass das Thema Priorität bekommt. Über Parteigrenzen hinweg gebe es dazu eine Allianz jüngerer Abgeordneter, vom Bund wünscht er sich mehr Unterstützung.

Christiane Huber nahm Dankbarkeit und Mut mit – und den Vorsatz, das Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT für die Jugendsozialarbeit zu erweitern: „Fürchtet euch nicht, ich komme auf euch zu.“

Abschluss und Perspektiven

Werkstattschule

Alina Beck, Referentin für arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, Der Paritätische Baden-Württemberg

Alina Beck knüpfte an das Bild vom Morgen an: Ist jemand da, der einen jungen Menschen an der Schwelle begleitet? Sie hielt drei Gedanken fest.

  1. Junge Menschen dürfen nicht auf ihren nächsten Abschluss, ihre Vermittlung oder ihre spätere Arbeitskraft reduziert werden. Die aJusa setzt dort an, wo noch keine Perspektive besteht, ein Abbruch droht oder junge Menschen aus allen Angeboten herausgefallen sind. Nachvollziehbare Wirkung und der Blick auf den einzelnen Menschen gehören zusammen.
  2. Lebensläufe halten sich nicht an Zuständigkeitsgrenzen. Gemeinsame Verantwortung darf nicht bedeuten, dass alle zuständig sind und deshalb niemand letztlich zuständig ist. Sie muss konkret werden: Wer hält den Kontakt? Wer sorgt dafür, dass Unterstützung nicht mit dem Projektende abbricht?
  3. Die schwierige Haushaltslage ist kein Gegenargument für gemeinsames Handeln, sondern ein Grund, Kräfte zu bündeln. Bedarf verschwindet nicht, wenn ein Angebot ausläuft – Risiken verlagern sich in andere Systeme und spätere Lebensphasen. Kurzfristige Einsparungen sind kein langfristiger Gewinn.

Was der Paritätische Baden-Württemberg weiter tun will:

  • die Grundlagen aus "SLAY! Your career" – Fachstandards für aJusa und Handlungsanforderungen zur strukturellen Verankerung von aJusa – gemeinsam mit der LAG Jugendsozialarbeit in die Fläche tragen, denn das Projekt ist ein wichtiger, aber noch kleiner Lichtpunkt
  • Gespräche über Rechtskreise und Gremien hinweg führen, etwa zur guten Ausgestaltung der Jugendberufsagenturen als verständlicher, verlässlicher Zugang für junge Menschen
  • mit den SROI-Ergebnissen vor Ort ins Gespräch gehen und Wirkung sichtbar machen, ohne pädagogische Arbeit auf Zahlen zu reduzieren
  • vertrauensvolle Beziehungen auf Landesebene ausbauen, damit über das Wesentliche gesprochen wird, bevor ein Angebot vor dem Aus steht
  • gute Praxis vor Ort sichtbar machen und miteinander verbinden

Ausblick SROI-Studie:

  • November 2026: Vorstellung der vollständigen Studie bei der Mitgliederversammlung des Paritätischen Baden-Württemberg, danach Veröffentlichung aller SROI-Studien
  • Januar 2027: Fachforum auf Landesebene zu den Ergebnissen
  • 2027: Vorstellung in den Kommunen, in Abstimmung mit den Paritätischen Regionalverbänden

„Nehmen Sie aus diesem Fachtag nicht nur die Frage mit, wer für die aJusa "zuständig" ist. Nehmen Sie auch die Frage mit, wen Sie als Nächstes ansprechen können und welchen Beitrag Ihre Organisation oder Ihre Ebene leisten kann.“ (Alina Beck)

Downloads: Fachstandards für die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit und Handlungsanforderungen für die strukturelle Verankerung der aJusa in Baden-Württemberg auf der Projektseite SLAY! Your career.

Publikum

Abschluss und Perspektiven

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Werkstattschule

Alina Beck, Referentin für arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, Der Paritätische Baden-Württemberg

Alina Beck knüpfte an das Bild vom Morgen an: Ist jemand da, der einen jungen Menschen an der Schwelle begleitet? Sie hielt drei Gedanken fest.

  1. Junge Menschen dürfen nicht auf ihren nächsten Abschluss, ihre Vermittlung oder ihre spätere Arbeitskraft reduziert werden. Die aJusa setzt dort an, wo noch keine Perspektive besteht, ein Abbruch droht oder junge Menschen aus allen Angeboten herausgefallen sind. Nachvollziehbare Wirkung und der Blick auf den einzelnen Menschen gehören zusammen.
  2. Lebensläufe halten sich nicht an Zuständigkeitsgrenzen. Gemeinsame Verantwortung darf nicht bedeuten, dass alle zuständig sind und deshalb niemand letztlich zuständig ist. Sie muss konkret werden: Wer hält den Kontakt? Wer sorgt dafür, dass Unterstützung nicht mit dem Projektende abbricht?
  3. Die schwierige Haushaltslage ist kein Gegenargument für gemeinsames Handeln, sondern ein Grund, Kräfte zu bündeln. Bedarf verschwindet nicht, wenn ein Angebot ausläuft – Risiken verlagern sich in andere Systeme und spätere Lebensphasen. Kurzfristige Einsparungen sind kein langfristiger Gewinn.

Was der Paritätische Baden-Württemberg weiter tun will:

  • die Grundlagen aus "SLAY! Your career" – Fachstandards für aJusa und Handlungsanforderungen zur strukturellen Verankerung von aJusa – gemeinsam mit der LAG Jugendsozialarbeit in die Fläche tragen, denn das Projekt ist ein wichtiger, aber noch kleiner Lichtpunkt
  • Gespräche über Rechtskreise und Gremien hinweg führen, etwa zur guten Ausgestaltung der Jugendberufsagenturen als verständlicher, verlässlicher Zugang für junge Menschen
  • mit den SROI-Ergebnissen vor Ort ins Gespräch gehen und Wirkung sichtbar machen, ohne pädagogische Arbeit auf Zahlen zu reduzieren
  • vertrauensvolle Beziehungen auf Landesebene ausbauen, damit über das Wesentliche gesprochen wird, bevor ein Angebot vor dem Aus steht
  • gute Praxis vor Ort sichtbar machen und miteinander verbinden

Ausblick SROI-Studie:

  • November 2026: Vorstellung der vollständigen Studie bei der Mitgliederversammlung des Paritätischen Baden-Württemberg, danach Veröffentlichung aller SROI-Studien
  • Januar 2027: Fachforum auf Landesebene zu den Ergebnissen
  • 2027: Vorstellung in den Kommunen, in Abstimmung mit den Paritätischen Regionalverbänden

„Nehmen Sie aus diesem Fachtag nicht nur die Frage mit, wer für die aJusa "zuständig" ist. Nehmen Sie auch die Frage mit, wen Sie als Nächstes ansprechen können und welchen Beitrag Ihre Organisation oder Ihre Ebene leisten kann.“ (Alina Beck)

Downloads: Fachstandards für die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit und Handlungsanforderungen für die strukturelle Verankerung der aJusa in Baden-Württemberg auf der Projektseite SLAY! Your career.

Publikum

Gesamtpräsentation aller Beiträge

Gesamtpräsentation aller Beiträge

Akkordeonelement
Videorückblick: Fachtag „Junge Menschen stärken – aJusa am Übergang Schule-Beruf“ (8. Oktober 2026)
Film: SLAY! Your career
Ansprechperson