Anlässlich des Tags der Jugend am 12. August hatte der Regionalverbund Südbaden des Paritätischen Wohlfahrtsverbands seine Mitgliedsorganisationen zu einem runden Tisch unter dem Titel „Hinsehen. Handeln. Verbessern. – Die psychosoziale Situation von Kindern und Jugendlichen verbessern“ eingeladen, darunter u.a. die Waisenhausstiftung, SOS Kinderdorf, Jugendhilfswerk, Timeout, StraßenSchule und Südwind. Die Bilanz der Diskussion mit Ulf Hartmann, Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Landesverbands, Vertreter:innen aus der kommunalen Verwaltung, der Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie, Schulen und Praxis fällt alarmierend aus: Psychische Belastungen junger Menschen nehmen deutlich zu, während die Rahmenbedingungen für professionelle Hilfe zunehmend komplexer werden.
Dramatischer Anstieg psychischer Erkrankungen
Aus den Wohngruppen wird eine deutliche Zunahme psychischer Belastungen bei Jugendlichen berichtet. Besonders besorgniserregend sind die gestiegenen Zahlen von selbstverletzendem Verhalten und Suizidgedanken. Schätzungsweise 70–80 Prozent der Jugendlichen in den Einrichtungen benötigen psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe – ein Umfang, der die Kapazitäten der vorhandenen Systeme erheblich überfordert.
„Diese Zahlen zeigen ein System, das an seine Grenzen kommt", sagt Helmut Roemer, Vorsitzender des Kreisverbands Freiburg/Breisgau-Hochschwarzwald des Paritätischen und Fachbereichsleiter der Kinder- und Jugendhilfe der Waisenhausstiftung. „Wir erleben täglich, dass junge Menschen, die Hilfe brauchen, nicht die Unterstützung erhalten, die sie verdienen. Immer mehr Mädchen verbleiben monatelang in unserer Inobhutnahmeeinrichtung, weil die Kolleg*innen vom Jugendamt keine Anschlusseinrichtung mehr für sie finden.“
„Die KJP und die Jugendhilfe definieren ‚selbst- und fremdgefährdendes Verhalten‘ unterschiedlich. Diese unterschiedlichen fachlichen Perspektiven, führt in manchen Fällen dazu, dass junge Menschen nicht die Unterstützung erhalten, die aus Sicht der beiden Systeme erforderlich wären“, berichtet Vanessa Völkel, Leiterin des Jugendamts Freiburg. „Eine gute und verlässliche Kooperation ist notwendig. Wir brauchen eine ressortübergreifende Vernetzung und gemeinsame Verantwortlichkeiten. Es kann nicht sein, dass Kooperationen nicht umgesetzt werden, weil die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen fehlen. Das muss sich ändern.“
Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe
Die Fachkräfte vor Ort berichten von einem eklatanten Zuwachs an psychischen Herausforderungen junger Menschen in Kitas und Schulen. Was früher zwei bis drei herausfordernde Fälle pro Jahr waren, ist heute Tagesordnung. Die gestiegenen Anforderungen an die Mitarbeitenden werden dabei durch eine schwieriger werdende Haushaltslage zusätzlich verschärft. Die Herausforderungen für das Personal sind erheblich gestiegen – und das ist auch eine enorme Belastung für die Mitarbeiter, die die Einrichtungen halten möchten, um ihr Angebot stabil zu bewahren. Hier zeigt sich die doppelte Belastung: Mehr psychisch belastete Jugendliche bei gleichzeitig schwieriger werdenden Bedingungen für die Fachkräfte. Zusätzliche Schulungen und psychologisch geschultes Personal sind notwendig – Ressourcen, die in vielen Fällen fehlen.
Strukturelle Mängel behindern wirksame Hilfe
Ein zentrales Problem liegt in der Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und ärztlich-psychiatrischer Versorgung. Die Zusammenarbeit zwischen diesen Systemen ist nicht ausreichend strukturiert und verbindlich. Das hat weitreichende Folgen:
- Vermittlungsschwierigkeiten: langwierigen Verhandlungen über Zusatzleistungen, zahlreichen Absagen von Einrichtungen und daraus resultierenden häufigen Maßnahmeabbrüchen.
- Fehlende stationäre Kapazitäten: Jugendliche können häufig nicht stationär aufgenommen werden und müssen in familiäre Umfelder zurückkehren, obwohl dies aus fachlicher Sicht oft nicht verantwortbar ist.
- Zu lange Wartezeiten: Übergänge zwischen Hilfesystemen dauern häufig viel zu lange – gerade in einer Phase, die für die Entwicklung der Jugendlichen entscheidend ist.
Politische Rahmenbedingungen verschärfen die Krise
Die Vertreter*innen verschiedener Einrichtungen äußerten tiefe Sorge über die aktuelle politische Entwicklung:
- Schwierige politische Rahmenbedingungen und Kürzungen im sozialen Bereich gefährden bestehende Angebote
- Niedrigschwellige Angebote – oft als freiwillige kommunale Leistungen klassifiziert – sind besonders von Sparmaßnahmen bedroht
- Fachkräfte, viele davon noch sehr jung, sind selbst durch die Pandemie belastet