Mehr Intersektoralität und Innovation statt Bürokratie und Projektitis

Online-Diskussion über das Thema, wie Soziale Innovationen die soziale Daseinsvorsorge in Baden-Württemberg zukunftsfähig machen

"... eine Initiative, ein Produkt, Prozess oder Programm, das tief grundlegende Routinen, Ressourcen- und  Entscheidungsflüsse oder Überzeugungen jedes sozialen Systems ändert ... dauerhaft und in die Breite wirkend.“

So definiert die kanadische Sozialwissenschaftlerin Frances Westley den Begriff Soziale Innovation. Das ist in diesen Zeiten, in denen der Sozialstaat unter Druck steht, wichtiger denn je. Daher lud der Paritätische Baden-Württemberg zum Online-Panel ein. Michael Tränkle, Leitung Bereich Soziale Rehabilitation, Teilhabe und Inklusion, und Ralf Nuglisch, Stabsstelle Grundsatzfragen, Strategie und Lobbyarbeit, initiierten ein Gespräch zur „Bedeutung von Sozialen Innovationen für die zukunftsfähige soziale Daseinsvorsorge in Baden-Württemberg“. Darüber diskutierten: 

Panel Soziale Innovationen die soziale Daseinsvorsorge

Die Teilnehmenden des Panels waren sich einig: Um Rechtsstaat, Sozialstaat  und soziale Daseinsvorsorge – als  Errungenschaften fundamental für  gelingende Demokratie – zu erhalten,  und Herausforderungen wie Fachkräftemangel, demografischer Wandel, knappe öffentliche Mittel zu bewältigen, ist  soziale Innovationsarbeit dringend  nötig. Statt „Projektitis“ müssten  Modellvorhaben nachhaltig in Regelstrukturen verankert werden.

Inklusion, Bürokratieabbau und strukturelle Reformen als zentrale Aufgaben 

Maria-Cristina Hallwachs betonte, dass es sich ähnelnde Unterstützungs- und Beratungsangebote gebe. „Nicht immer braucht es Sonderlösungen. Man muss Menschen mit Behinderung,  Jüngere, Ältere et cetera, gleich mitdenken und Barrieren von außen abbauen wie Schranken und Treppenstufen.“ Unselig sei die Kostenfaktordiskussion. „Meine klinische Intensivpflege und die Geräte sind teuer. Aber ich leiste viel für die Gesellschaft, arbeite seit 30 Jahren ehrenamtlich in der Peer-Arbeit, berate, engagiere mich in medizinischer Leitlinienarbeit, bin in Vorständen von Organisationen für Querschnittslähmung.“ Das sehr bürokratische Bundesteilhabegesetz habe viele Hürden. „Wenn ich da scheitere, kann ich keinen Beitrag mehr für  unsere Gesellschaft leisten.“
Einen wesentlichen Bürokratieabbau forderte auch Ulf Hartmann: „Umdenken,  Neudenken, Abläufe und Prozesse an-schauen. Wenn wir es mit unserer viel zitierten Verantwortungsbereitschaft ernst meinen, kann das nur mit allen Akteuren gemeinsam gelingen, um neue Möglichkeiten zu finden, Menschen in sämtlichen Themenfeldern  bestmöglich und bedarfsgerecht weiter hin zu versorgen und zu unter-stützen.“ Das setze voraus, Veränderungsbereitschaft zu leben. „Wenn wir unverrückbar an unserem Status festhalten, kann Innovation nicht gelingen – in keinem Feld.“ Es brauche keine Streichlisten von Leistungen, aber die Umsetzung vom Manchem müsse in Frage gestellt werden.

„Wir haben an vielen Stellen noch  ineffiziente Strukturen, hohe bürokratische Hürden und Kleinteiligkeit  in der Ausgestaltung“, unterstrich Kristin Schwarz. Dazu gibt es in allen Bereichen unzählige Beispiele. „Auch die Baden-württembergische Kita- Verordnung z. B. ist sehr ausdifferenziert. Wir brauchen mehr Flexibilität  in der Umsetzung.“ Dies müsse sich  im Koalitionsvertrag wiederfinden.  Eine gute Basis bieten im Land die regionalisierte Leistungsstruktur in den 44 Stadt- und Landkreisen, das ermögliche praxisnahes Miteinander, stärke den Quartier- und Sozialraum. „Um innovative Lösungen zur Sicherung der sozialen Daseinsvorsorge zu finden, die skalierbar und übertragbar sind, haben wir in der LAGÖFW, der Landesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg, einen Denkraumprozess angestoßen.“ Neue, verbindliche, nachhaltig wirkende Formen der Zusammenarbeit zeitigten einen gesellschaftlichen Mehrwert.
 

Intersektorale Zusammenarbeit und Digitalisierung als Zukunftsstrategie 


Monika Gonser betonte das Umsetzungs- und Skalierungsproblem:  Man müsse Modellprojekte als Lösung in die Fläche bringen. „Schauen, welche Anknüpfungsstellen es im gesetzgeberischen Bereich braucht? Welche in der Fördersystematik?“  Innovationen würden oft technisch konnotiert. Doch Internet, Smartphone und Co führten zu weitgreifenden  gesellschaftlichen Veränderungen. 

„Soziale Innovationen sind immer inter-sektoral, also muss man aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat darauf blicken. Automatisch und von Anfang an sollte intersektorale Skalierbarkeit mitgedacht und bewertet werden.“

Digitale Lösungen bewirkten kleine soziale Wunder, unterstrich Alexis von Komorowski. „Das erleichtert Zugänge,  stärkt Teilhabe, erhöht Effizienz von KI-gestützter Fallbearbeitung bis zum digitalgestützten Nachbarschaftsnetzwerk. Bei Sozialen Innovationen geht es aber auch um Governance.“ 

Gemeinsames Ziel sollte es sein, erfolgreich geförderte Modelle und Freiwilligkeitsleistungen schneller in verstetigte Pflichtleistungen zu über-führen und die Steuerungswirkung der kommunalen Sozialplanung in Gesetzen  stärker zu verankern. Das evaluierte Projekt „Stambulant, das Mitmachheim“  ist ein richtiger Ansatz! Doch wir haben  es noch nicht ins Regelsystem überführt.“ „Note eins“ gab er dem aktuellen  Sozialstaatskommissionsbericht. „Da werden Leistungen zusammengelegt, digitalisiert, davon profitieren Berechtigte und Behörden, 2027 soll es kommen.“ Allerdings seien nun dringend weitere Reformschritte vonnöten.
 

Offene Strukturen, klare Leitplanken: Wie soziale Innovation gemeinsam gelingen kann

 Auch Holger Wilms verwies auf präzise Analysen und Diagnosen. „Wo sind Soziale Innovationen sinnvoll, einsetzbar und notwendig? Alle müssen mit ihren besonderen Kompetenzen und Ressourcen intersektoral die Prozesse umsetzen, zentral ist die kommunale Steuerungskompetenz.“ Die freie Wohlfahrtspflege sei Brückenbauer zur Gesellschaft, weil sie Vielfalt und Potenziale mitbringe. „Früh über Grenzen, Bedingungen und Kriterien sprechen!“ Etwa bei Social Entrepreneurship wachsam sein, dass Gemeinnützigkeit nicht der Gewinnorientierung weiche. Abseits der alltäglichen Logik von  Fordern und dessen Abwehren brauche es Treffpunkte zum Austausch – jenseits verbandlicher Zwänge. Sein Credo? 

„Leitplanken und große Offenheit“, um im Denkraum Dinge umzusetzen. „Die große Herausforderung ist, unsere Regelstrukturen zu öffnen für Innovationen und alternative Ansätze.“


Die Panel-Teilnehmenden waren sich zum Abschluss einig, dass nach diesem gelungenen Diskussionsauftakt eine Fortführung wichtig und allseits gewünscht ist.

Petra Mostbacher-Dix 
Journalistin, Kunsthistorikerin, Dozentin 
pamostbach@aol.com

Highlights der Online Diskussion
Ansprechperson
Michael Tränkle
Michael
Tränkle
Leitung Soziale Rehabilitation, Teilhabe und Inklusion
Referat Soziale Teilhabe Menschen mit Behinderung; Referat Frühförderung, Kinder u. Jugendliche m. Behinderung
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