Wohnarmut in Baden-Württemberg: Wenn Mieten Existenzen fressen – und die Wohnungsnotfallhilfe an ihre Grenzen stößt

Fast jede fünfte Person in Baden-Württemberg ist nach Wohnkosten arm – steigende Mieten und zu wenige Sozialwohnungen verschärfen die soziale Not
Mutter umarmt Tochter

Fast jede fünfte Person in Baden-Württemberg gilt nach Abzug der Wohnkosten als arm. Die Anzahl der Sozialmietwohnungen liegt – trotz eines Anstiegs – noch weit unter dem tatsächlichen Bedarf. Gleichzeitig steigen Räumungsklagen, Mieten und Mietnebenkosten.
Die Dynamik auf dem Wohnungsmarkt verschärft die soziale Ungleichheit und treibt immer mehr Menschen in existenzielle Notlagen. Gleichzeitig gerät die Wohnungsnotfallhilfe aufgrund unzureichender Förderung zunehmend unter personellen und finanziellen Druck.

Wohnen als neuer Armutstreiber

Steigende Angebotsmieten, ein seit Jahren stagnierender Bestand an Sozialwohnungen sowie ein unzureichend wirksames Sicherungssystem verschärfen die Lage kontinuierlich.
Wohnarmut ist längst kein Randphänomen mehr, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen. Wer heute umziehen muss, läuft ein hohes Risiko, dauerhaft in Armut zu geraten – selbst bei Arbeit, Ausbildung oder Rente.

Arm trotz Erwerbstätigkeit und sozialer Sicherung

Besonders betroffen sind Alleinerziehende, Einpersonenhaushalte, junge Erwachsene sowie zunehmend auch ältere Menschen. Der Anteil der Haushalte, die trotz Erwerbstätigkeit wohnarm sind, wächst spürbar. Die Belastung durch Mieten übersteigt vielerorts deutlich die Einkommensentwicklung.

Verschärft wird diese Situation durch Defizite im Grundsicherungssystem: Der Regelsatz liegt deutlich unter der wohnkostenbereinigten Armutsgrenze. Hinzu kommt die sogenannte Wohnkostenlücke, also der Teil der Miete, der von den Jobcentern nicht anerkannt wird. Diese Lücke zwingt viele Leistungsberechtigte, dauerhaft aus dem ohnehin knappen Existenzminimum zuzuzahlen – mit direkten Folgen für Verschuldung, Gesundheit und soziale Teilhabe.

Wohnungsnotfallhilfe: Vom Auffangsystem zur Dauerlast

Die eskalierende Wohnarmut wirkt sich unmittelbar auf die Wohnungsnotfallhilfe in Baden-Württemberg aus. Fachstellen zur Wohnraumsicherung, ambulante Hilfen, Notunterkünfte und Beratungsangebote verzeichnen seit Jahren steigende Fallzahlen bei gleichzeitig wachsender Problemdichte.

Immer mehr Haushalte verlieren ihren Wohnraum durch Mietschulden, Trennungen, Erkrankungen oder Eigenbedarfskündigungen. Selbst bei intensiver Begleitung ist bezahlbarer Ersatzwohnraum kaum verfügbar, und kommunale Unterbringungskapazitäten geraten an ihre strukturellen Grenzen.

Trotz dieser Entwicklung bleibt die Finanzierung vieler Angebote unsicher und projektgebunden, und die Kapazitätsgrenzen der Wohnungsnotfallhilfe sind bereits erreicht. Sie ist längst systemrelevant und fängt soziale Risiken ab, die früher durch den Wohnungsmarkt selbst abgefedert wurden. Ohne verlässliche Regelfinanzierung droht ein schleichender Strukturkollaps und eine weitere Verschärfung der Obdachlosigkeit.

 

Gruppensymbol

Das Schlimmste, was Menschen passieren kann, ist, ihre Wohnung zu verlieren. Keine eigenen vier Wände, keine Tür die sie hinter sich zumachen können. Gerade alleinerziehende Frauen mit Kindern leiden unter dieser Situation, da sie mit ihren Kindern in ordnungsrechtliche Unterbringungen gehen müssen, wo kein normales Leben möglich ist. Wer wohnungslos ist, hat auch Probleme, am Arbeitsleben teilzuhaben, weil es keinen geregelten Alltag gibt. 
 

TafF Tagestreff für Frauen

In Baden-Württemberg leben 2,231 Mio. Menschen (19,9 Prozent) nach Abzug der Wohnkosten unterhalb der Armutsgrenze 
Paritätische Studie zur Wohnarmut in Deutschland zeigt: Wohnkosten treiben Armutszahlen von 13 auf 18,4 Millionen 

Insgesamt 13.795 Menschen wurden am Stichtag (27. September 2025) von 353 kommunalen und freien Trägern der Wohnungsnotfall- und Straffälligenhilfe betreut 

Quelle: Liga Stichtagserhebung 2024 (https://liga-bw.de/wp-content/uploads/2025/02/2025_02_20_ligabw_Bericht_Stichtagserhebung_2024.pdf)


 

Unsere Forderungen zur Wohnungsnotfallhilfe

Megafon
  • Sozialen Wohnungsbau dauerhaft ausbauen durch stabile Landesmittel, lange Sozialbindungen und Schutz vor spekulativem Rückzug aus der Sozialbindung
  • Wohngemeinnützigkeit und nicht-profitorientierte Träger stärken
  • bezahlbaren Wohnraum als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge schaffen
  • Mietpreisregulierung durch konsequentes Vorgehen gegen Mietwucher und betrügerische Eigenbedarfskündigungen sowie funktionierende Kontrollbehörden und wirksame Sanktionen
  • Grundsicherung wohnarmutsfest ausgestalten durch Abschaffung der Wohnkostenlücke und Anerkennung der tatsächlichen Mieten
  • Wohnungsnotfallhilfe strukturell absichern durch Rechtsanspruch auf Prävention und eine Regelfinanzierung
  • Landesweite Präventionsstrategie gegen Wohnungsverlust etablieren sowie eine verbindliche Kooperation zwischen Kommunen, Jobcentern, Wohnungswirtschaft und Wohlfahrt 
     
Ansprechperson
Florian Dirr
Florian Christian
Dirr
Leitung Krisenintervention und Existenzsicherung
Referat Straffälligen- u. Wohnungslosenhilfe / Schuldnerberatung
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