Prävention und Hilfen für Kinder suchtkranker Eltern strukturell und finanziell absichern

Logo Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Stuttgart 20.02.2026 Nach Angaben von NACOA (National Association for Children of Alcoholics) Deutschland wachsen bundesweit rund 2,6 Millionen Kinder mit einem suchtkranken Elternteil auf. In Baden-Württemberg sind nach Schätzungen der Landesstelle für Suchtfragen rund 150.000 Kinder betroffen. Kinder aus suchtbelasteten Familien tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, später selbst eine Abhängigkeit oder psychische Erkrankung zu entwickeln. Deshalb brauchen sie frühzeitig verlässliche Unterstützung. Darauf weisen der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg und Suchthilfeträger anlässlich der COA-Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien vom 22. bis 28. Februar 2026 hin. Mit gezielten Präventionsmaßnahmen wie mehr Aufklärung und Sensibilisierung in Kitas, Schulen und im Gesundheitswesen könnten Symptome für eine spätere Suchtentwicklung oder psychische Probleme frühzeitig erkannt und geeignete Hilfen eingeleitet werden. Die Verbände appellieren an die Landesregierung, hierfür verlässliche, landesweit wirksame Strukturen zu schaffen. Zugleich sei ein flächendeckender Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien sowie eine nachhaltige finanzielle Absicherung bestehender Angebote notwendig.

„Kinder aus suchtbelasteten Familien stehen häufig unter Dauerstress und bleiben dennoch unsichtbar. Sie tragen ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen, Vernachlässigung und spätere eigene Suchterkrankungen. Doch dieses Risiko ist kein Schicksal. Mit präventiven Maßnahmen und einer frühen, professionellen Unterstützung können diese Kinder gestärkt aufwachsen und gesunde Lebenswege entwickeln“, erklärt Ulf Hartmann, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg. Es gebe engagierte und wirksame Hilfsangebote im Land. Viele von ihnen seien jedoch lediglich projektfinanziert und daher langfristig nicht abgesichert. „Hier braucht es eine sichere, dauerhafte Finanzierung und eine stärkere Verzahnung von Suchthilfe, Jugendhilfe, Schulen und dem Gesundheitswesen. Diese Kinder sind auf ein verlässliches Hilfesystem und stabiles soziales Umfeld angewiesen“, so Hartmann weiter. 

„Unser Angebot „Aufwind“ unterstützt Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien im Landkreis mit aktuell rund dreieinhalb regelmäßig stattfindenden Gruppen an zwei Standorten. Sie richten sich an Kinder zwischen acht und siebzehn Jahren – und darüber hinaus – die in einem geschützten Rahmen Unterstützung, Entlastung und Halt finden können. Besonders wichtig ist uns, Stigmatisierung entgegenzuwirken und niederschwellige Hilfe anzubieten. Manche Kinder nehmen bereits seit vielen Jahren teil, da es keine zeitliche Begrenzung gibt und sie so lange bleiben dürfen, wie sie möchten. Wir sind im Landkreis eng mit Jugendämtern, Schulsozialarbeit, Familienhilfen und der Kinder- und Jugendpsychiatrie vernetzt, um betroffene Kinder frühzeitig zu erreichen und ihnen eine Stimme zu geben. Finanziert werden die Angebote derzeit durch eine 75-Prozent-Stelle des Landkreises, deren Fortführung jedoch regelmäßig neu verhandelt werden muss. Neben den klassischen Gruppentreffen bieten wir auch spendenfinanzierte Freizeitaktionen und erlebnispädagogische Ausflüge an, die den Kindern positive Gemeinschaftserlebnisse und neue Perspektiven ermöglichen“, betont Lars Kiefer, Leitung und Prävention bei der Fachstelle Sucht Singen des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (bwlv) gGmbH.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg kritisiert, dass der in der vergangenen Legislaturperiode beschlossene Antrag „Prävention stärken – Kinder mit psychisch oder suchtkranken Eltern unterstützen“ im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung nicht berücksichtigt wurde. Er beinhaltet einen gemeinsamen Handlungsrahmen für kommunale und multiprofessionelle Hilfesysteme sowie eine bessere Abstimmung der zuständigen Institutionen. „Kinder suchtkranker Eltern brauchen Hilfe aus einer Hand. Dafür sind klare gesetzliche Regeln für eine verbindliche Zusammenarbeit aller beteiligten Stellen erforderlich. Nur wenn der Bund seine Maßnahmen konsequent umsetzt, können auch die Länder das Hilfesystem wirksam ausbauen“, so der Vorstand.

Pressekontakt: Lars Kiefer, Leitung und Prävention, Fachstelle Sucht Singen, Baden-Württembergischer Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) gGmbH, Tel. 07731 91240, E-Mail: lars.kiefer@bw-lv.de, https://www.bw-lv.de/beratung/beratungsstellen/fachstelle-sucht-singen/

Hintergrundinformationen:
Bundesweite COA-Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien vom 22. bis 28. Februar 2026
Mit der COA-Aktionswoche rücken wir Kinder aus suchtbelasteten Familien eine Woche lang in den Fokus der Öffentlichkeit und der Medien, damit deutlich wird: Mehr als 2,6 Millionen Kinder in Deutschland leiden unter Suchtproblemen ihrer Eltern. Wir, das ist zum einen der Verein NACOA Deutschland, der die COA-Aktionswoche bundesweit organisiert – aber natürlich auch alle Mitmachenden, wie Vereine, Initiativen, Organisationen, Anlaufpunkte, COA-Hilfsangebote, Selbsthilfegruppen u. v. m. Die COA-Aktionswoche gibt es seit 2011 in Deutschland und in den USA. Außerdem findet sie z.B. regelmäßig auch in Großbritannien, der Schweiz, in Korea oder Slowenien statt. Sie steht unter der Schirmherrschaft des Bundesdrogenbeauftragten Prof. Dr. Hendrik Streeck. Weitere Infos: Start | COA Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg ist einer der sechs anerkannten Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Er ist konfessionell, weltanschaulich und parteipolitisch unabhängig. Er steht für Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe und wendet sich gegen jegliche Form sozialer Ausgrenzung. Ihm sind in Baden-Württemberg über 940 selbstständige Mitgliedsorganisationen mit insgesamt rund 2.000 sozialen Diensten und Einrichtungen angeschlossen sowie rund 50.000 freiwillig Engagierte und 80.000 Hauptamtliche.