Ziel des Formats war zu verstehen, inwiefern Kinderarmut zu Kindeswohlgefährdungen beitragen kann und was die eigene Institution und das eigene Handeln verändern können. Als Referentin war Dr. Antje Richter-Kornweitz extra aus Oldenburg angereist. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg, das die Veranstaltung bereitstellte und finanzierte, legte Wert auf höchste Expertise: Dr. Richter-Kornweitz war über Jahre an der Entwicklung von Konzepten zum Aufbau von Präventionsnetzwerken gegen Kinderarmut in Deutschland beteiligt. Die durchweg hohe Fachlichkeit bemerkten die 17 Teilnehmenden in der Veranstaltung auch deutlich: Neben vielen Informationen und vermitteltem Wissen, wurde Raum gelassen für Diskussionen und andere Auffassungen oder Problematisierungen durch die Teilnehmenden. Die Notwendigkeit der Fortbildung wurde gleich zu Beginn anschaulich illustriert: Fr. Dr. Richter-Kornweitz erfragte diverse Ranking-Einschätzungen von den Teilnehmenden. Hier zeigte sich, dass Kinderarmut ein großes Thema in allen repräsentierten Einrichtungen ist. Dagegen konnte nur die Hälfte davon berichten, dass bereits ausführlichere institutionelle Auseinandersetzungen stattgefunden hatten. Das vermittelte Wissen war also sicher gewinnbringend. Vor allem wollte die Fortbildung aber Raum bieten, seine eigene Haltung und seinen höchstpersönlichen Zugang zum Thema Armut zu eruieren, um diese im weiteren professionellen Handeln entsprechend bewusst wahrnehmen und evtl. auch modifizieren zu können. Es gab also entsprechend viele Arbeitsphasen alleine und in der Gruppe, um dies zu ergründen. Und im letzten Teil der Veranstaltung lag der Schwerpunkt auf konkreten Handlungsplänen, die die Fachkräfte für sich und für die Abläufe in ihren eigenen Institution basierend auf den vermittelten Inhalten erarbeiteten. Insgesamt wurden sehr dicht Inhalte, Probleme und Implikationen von Kinderarmut und ihren Folgen behandelt, sodass eine umfassende Zusammenfassung kaum möglich scheint – zumal der persönliche Zugang auch sehr unterschiedlich war. Doch wurde wiederholt deutlich, dass z.B. ein unbewusstes Klassieren zwischen „Wir Fachkräfte und die“ ein Risiko für die Wirksamkeit der pädagogischen Arbeit darstellt. Auch der Begriff der Gleichwürdigkeit von Fachkraft und Klient*in war auf einer der präsentierten Folien zu lesen – die Aufforderung, Menschen in Armutslagen als Expert*innen ihres Alltags anzusehen, um mit ihnen gemeinsam an Erleichterungen zu arbeiten. Die Referentin ermutigte dazu, Empowerment und Partizipation ernst zu nehmen – Ermächtigung statt Mildtätigkeit in der sozialen Arbeit. Dass Armut oftmals unbewusst mit der Frage nach Schuld kombiniert wird, klang an einigen Stellen an. Was brauchen wir, um Kinderarmut in unserer Institution pädagogisch wirksam begegnen zu können? Arbeiten in Netzwerken wurde wiederholt als Ideal genannt – voneinander wissen und sich gegenseitig informieren anstelle von institutionsabgegrenztem Agieren. Aber auch kleine einfache Ideen wurden gemeinsam entwickelt, die die einzelne Fachkraft alleine umsetzen kann: Z.B. im Kindergarten nicht mehr in großer Runde davon erzählen zu lassen, wo die Kinder im Urlaub waren; stattdessen offener formulieren und z.B. danach fragen, was den Kindern in den Ferien am meisten Spaß gemacht hat – und schon ist ein kleinerer Geldbeutel nicht mehr so bedeutsam. Oder Informationen für Familien in Armutslagen nicht mehr gezielt an einzelne Personen zu adressieren, sondern einfach an alle austeilen, um unbeabsichtigte Stigmatisierung zu vermeiden. Denn auch eines klang wiederholt an: Armut ist nicht immer nur dort vorhanden, wo man sie – auch aufgrund von persönlichen Vorerwartungen – vermutet: Oftmals ist sie unsichtbar und nach außen nicht zu erkennen. Es braucht also Sensibilität in vielerlei Hinsicht. Die Fortbildung hat sicher dazu beigetragen, diese zu schulen.
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Am 23.02. veranstaltet das Zukunftsnetzwerk Kinderchancen eine Fortbildung für Fachkräfte zum „Armutssensiblen Handeln – Kinderarmut im Kontext Kinderschutz"