Tübingen, 29. Juni 2026 – SPD-Gemeinderätin Ingeborg Höhne-Mack besuchte im Rahmen des Formats „Seitenwechsel“ das Job Fit-Angebot der Lebenshilfe Tübingen. Höhne-Mack ist nicht einfach eine Besucherin – sie ist eine zentrale Figur in der Geschichte von Job Fit, denn die Politikerin hat dieses Programm vor vielen Jahren aus einer Elterninitiative heraus mitaufgebaut – damals mit der Hoffnung, ihrer Tochter trotz Downsyndroms ein selbstbestimmtes Leben jenseits der Werkstatt zu ermöglichen. Nun kommt sie zur Besichtigung zurück.
Das Programm
Die Lebenshilfe Tübingen zeigt mit Job Fit, wie Menschen mit Behinderungen auf den ersten Arbeitsmarkt gelangen können – doch die Rahmenbedingungen sind schwierig. Job Fit ist ein 27-monatiges Begleitprogramm für Menschen mit Beeinträchtigungen, das sie mit sozialpädagogischer Unterstützung qualifiziert und in reguläre Arbeitsverhältnisse vermittelt. Das Angebot funktioniert nach einem bewährten Schema: Gemeinsames Erkunden passender Tätigkeitsfelder, diverse Praktika zum Reinschnuppern, Schulungen zu arbeitsmarktrelevanten Fähigkeiten – vom Wegetraining mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zur Steigerung beruflicher und sozialer Kompetenzen. Im ersten Jahr verbringen Teilnehmende einen Tag pro Woche in Schulungen, vier Tage am Arbeitsplatz. Im zweiten Jahr reduziert sich die Unterstützung auf monatliche Begleitungen, bevor anschließend idealerweise eine unabhängige Tätigkeit folgt. „Und wir sind auch wöchentlich in den Unternehmen, um auch diese fit zu machen für das besondere Arbeitsverhältnis,“ beschreibt Brigitte Krehl den Ansatz von Job Fit.
Einige Teilnehmende präsentieren ihre Wege
Höhepunkt des Besuchs war die Präsentation einiger aktueller Teilnehmender des Programms. Sie stellten am Flipchart und in freier Rede ihren persönlichen Weg vor, beeindruckend in ihrer Authentizität und ihrem Selbstbewusstsein. Jede und jeder berichtete von der eigenen Reise: welche Tätigkeiten sie interessierten, welche Praktika sie absolvierten, welche Herausforderungen sie überwanden, wo sie jetzt arbeiten und was sie sich für die Zukunft vorstellen. Was diese Präsentationen deutlich machte: Die Kompetenzen, die die Teilnehmenden dabei unter Beweis stellten – sich vor einer Gruppe artikulieren, ihre Gedanken strukturieren, über sich selbst sprechen, ihre Ziele kommunizieren – das sind Fähigkeiten, die Job Fit mit ihnen erarbeitet. Nicht beiläufig, sondern gezielt. Das Programm bereitet nicht nur auf einen Job vor, es befähigt Menschen, ihre eigenen Wege zu beschreiten und sich selbst zu vertreten.
Die Werkstatt-Falle und der fehlende Ansporn
Denn noch immer ist der vorgezeichnete Weg eigentlich ein anderer: Manche Schulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung (SBBZ) orientieren sich immer noch stark an der Werkstatt für Menschen mit Behinderung als Standard-Perspektive. Die Folge: die Schüler:innen werden weniger darin bestärkt, den ersten Arbeitsmarkt anzustreben, und formulieren den Wunsch danach oft erst gar nicht. Ingeborg Höhne-Mack brachte es auf den Punkt: Sie erzählt von einem „Mandala-Trauma“, das sie habe, da ihre Tochter im SBBZ jahrelang mit Mandalas statt mit Kulturtechniken zu tun hatte, um sie auf ein möglichst eigenständiges Leben vorzubereiten, das sie mit ihrer Intelligenz durchaus führen konnte. Job Fit versucht, diese Erwartungshaltung zu durchbrechen. Doch die Realität ist komplex.
Bürokratische Hürden und eine schrumpfende Arbeitswelt
Die Lebenshilfe kämpft mit mehreren strukturellen Problemen:
Genehmigungsunsicherheit: Die Agentur für Arbeit muss jede Teilnahme genehmigen – und erteilt diese mal mehr, mal weniger bereitwillig. Das führt zu großen Schwankungen in der Teilnehmerzahl und macht Planung schwierig.
Behinderungsfeststellung wird medizinisch verengt: Immer häufiger werden rein medizinische Indikatoren verlangt. Das ist problematisch: Menschen mit seelischen Behinderungen haben damit zunehmend keinen Anspruch auf Leistungen der Eingliederungshilfe mehr – sie werden stattdessen ausschließlich dem Gesundheitssystem zugewiesen. Die Frage stellt sich: Sollen nur körperliche und medizinisch fassbare Behinderungen einen Anspruch auf Teilhabe begründen? Was ist mit psychischen Erkrankungen, Traumatisierungen, Entwicklungsstörungen, die gesellschaftliche Teilhabe genauso behindern? Eine reine Versorgung im Gesundheitswesen blendet diesen Aspekt völlig aus.
Arbeitsmarkt im Wandel: Einfache Tätigkeiten werden zunehmend ausgelagert – ins Ausland oder zu Großfirmen. Jobs für Menschen mit Beeinträchtigungen verschwinden damit aus dem lokalen Markt.
Bürokratie als Kostenfresser und Sündenbock
Ein weiteres Problem liegt in der Überregulierung: Nach Beendigung von Job Fit führt der Integrationsfachdienst (IFD) eine erneute Bedarfsprüfung durch – eine Doppelprüfung, die aus Sicht der Lebenshilfe nicht nötig wäre. Eine einmalige, trägergestützte Bedarfsprüfung nach der Schule würde ausreichen und würde Kosten sparen. Die Entbürokratisierung der Eingliederungshilfe (EGH) ist dringend notwendig – sie ist derzeit eine immense Last und ein erheblicher Kostenfresser. Doch hier liegt auch ein Kommunikationsproblem vor: In der öffentlichen Debatte wird formuliert, wie teuer die EGH ist – ohne zu differenzieren, dass die Kosten, die am Ende bei den Menschen als bezahlte Leistungen ankommen, nur einen geringen Teil des Gesamtbetrags des ganzen Systems ausmachen. Der Großteil fließt in Administration, Anträge, Prüfungen und Dokumentation. Wer in der EGH sparen will, sollte also nicht bei den Leistungen für Menschen mit Behinderungen sparen, sondern beim überbordenden Verwaltungsaufwand.
Gesellschaftliche Bedeutung: Selbstbestimmung statt Institutionalisierung
Beim Besuch wurde aber auch deutlich: Was Job Fit leistet, geht über berufliche Integration hinaus. Es geht um Selbstbestimmung, um das Nutzen von Potentialen, um die Möglichkeit eines eigenständigen Lebens. So erzählte Brigitte Krehl, dass das Thema Wohnen im Zuge der Begleitung auf den ersten Arbeitsmarkt regelmäßig auftauche, was zuerst einmal verwundert. „Aber die Erfahrung zeigt, dass durch das Arbeiten auf dem normalen Arbeitsmarkt das Selbstbewusstsein steigt und man auch über eigenständiges Leben und Wohnen ganz anders nachdenken kann,“ erläutert Krehl.
Ein Weckruf für Politik und Gesellschaft
Doch Höhne-Mack warnt: Mühsam erkämpfte Errungenschaften drohen gerade gesellschaftlich wieder einkassiert zu werden – in der Diskussion um die Eingliederungshilfe als reiner Kostenfaktor, in Zweifel an echter Teilhabe, in bürokratischen Hürden, in der Verengung von Behinderung auf medizinische Kategorien. Job Fit zeigt, wie es positiv gehen kann. Aber es braucht verlässliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und eine Arbeitsgesellschaft, die Menschen mit Behinderungen einen Platz schafft und sie als Bereicherung erlebt. Der Besucher bekam eine lebhafte Vorstellung davon, wie viel Freude lebendige Vielfalt am Arbeitsplatz bereiten kann.