Seitenwechsel des Paritätischen Kreisverbands Tübingen - Besuch bei den stationären Wohngruppen für Jugendliche des Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit: Wo junge Menschen Halt finden

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Austausch beim Verein für psychoanalytische Sozialarbeit Tübingen
Die SPD-Kommunalpolitiker Gerd Müller (Kreistag), Heinrich Riethmüller und Florian Zarnetta (beide Gemeinderat) besuchten die stationären Wohngruppen.

Tübingen, 1. Juli 2026 - Bei einem gemütlichen Frühstück stellten Matthias Albus und Nadja Nowack ihre Arbeit vor. Es wurde deutlich: Für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten ist ein stabiler Wohnort mit konstanter Betreuung oft der Rettungsanker.

Ein Angebot für die Krisenfälle

Der Verein für psychoanalytische Sozialarbeit betreibt zwei stationäre Wohngruppen mit je sechs Bewohner*innen im Alter bis 21 Jahren. Aufgenommen werden ausschließlich sogenannte 35a-Fälle nach dem SGB VIII – das sind Jugendliche mit psychischen Erkrankungen, oft bereits mit Psychiatrieerfahrungen und bestehenden Diagnosen. Diese jungen Menschen brauchen intensive Begleitung: Zwei Betreuer*innen pro Gruppe sind ständig präsent und gestalten den Alltag gemeinsam mit den Bewohner*innen. Stabile Beziehung und Kontinuität sind notwendig, die Mitarbeitendenschaft ist bewusst konstant gehalten, auch viele Jugendliche bleiben jahrelang in der Wohngruppe. Und auch die Gruppe selbst kann Halt geben – andere Jugendliche mit ähnlichen Belastungen verstehen, was man durchmacht. Das ist einerseits eine Stärke. Andererseits kann es schwierig sein, die Krisen der Mitbewohner*innen mittragen zu müssen. Das zu händeln erfordert Geschick und Erfahrung der Mitarbeitenden. Und so wird auch vor jeder Aufnahme genau überprüft: Passt diese Person in die bestehende Gruppendynamik? Steht der Jugendliche hinter der Maßnahme – und stehen die Eltern dahinter? Gibt es Substanzmissbrauch? Das Jugendamt bewilligt die Unterbringung, aber der Verein nimmt nur auf, wenn die Rahmenbedingungen für echte Begleitung stimmen.

„Wir begleiten beim Verarbeiten von Scheitern"

Was kann durch die Betreuung in der Wohngruppe bei einem stark vorbelasteten Klientel erreicht werden? Matthias Albus vom Verein formuliert es prägnant: „Wir begleiten beim Verarbeiten von Scheitern.“ Viele dieser Jugendlichen haben massive negative Lebenserfahrungen bereits hinter sich – ausgelöst durch ihre Erkrankung, durch belastende Umstände, die sie nicht kontrollieren konnten. Man kann diese Erfahrungen nicht einfach auslöschen. Was der Verein leistet, ist etwas anderes: lehren, wie man damit umgeht. Psychologisch, emotional, praktisch. Und manchmal geht es auch darum, einfache Alltagskompetenzen aufzubauen. 

Entwicklungen: komplexere Fälle, zu wenig psychiatrische Unterstützung

Der Verein beobachtet zwei Trends:

Die Symptomatik wird intensiver. Nicht zwingend mehr Anfragen, aber die Fälle sind schwieriger geworden. Jugendliche kommen mit psychischen Mehrfacherkrankungen, komplexeren Verhaltensweisen.

Zudem ist die Klinik als verlässlicher Kooperationspartner weggebrochen. Psychiatrische Kliniken sind überfordert, Wartelisten sind lang. Der Verein muss kompensieren – Aufgaben übernehmen, die eigentlich spezialisierte Psychiatrie leisten sollte. Krisensituationen kann nur mit Kurzaufenthalten in der Akutpsychiatrie begegnet werden, die betroffenen Jugendlichen werden aber meist am nächsten Tag wieder in die Wohngruppe entlassen, wo sich die Krise oftmals postwendend wieder zuspitzt. Die angespannte Situation in den Kinder- und Jugendpsychiatrien ist seit Jahren bekannt, Verbesserung ist leider kaum erkennbar. 

Besonderheiten des Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit

Für extreme Krisensituationen sind die Wohngruppen eigentlich nicht gewappnet, auch wenn der Verein für psychoanalytische Sozialarbeit ursprünglich als Initiative aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie heraus entstanden ist. Dies schlägt sich heute noch darin nieder, dass es für die Bewohner*innen regelmäßige sozialtherapeutische Einzelstunden gibt, die dem Verein wichtig genug sind, um sie selbst zu finanzieren. Und auch die Mitarbeitenden erhalten enge Supervision jede Woche. Man ahnt nur, dass die Mitarbeitenden mitunter viel mittragen müssen – die Krisen ihrer Bewohner*innen, die Ohnmacht gegenüber einem psychiatrischen System, das nicht so unterstützen und behandeln kann, wie es dringend nötig wäre, die emotionale Last der täglichen Begleitung. Ebenfalls ungewöhnlich: Der Verein legt großen Wert auf eine flache Hierarchie. Die Geschäftsführung erhält nicht mehr Gehalt als andere Mitarbeiter*innen – weil es dem Konzept entspricht. Diese Wertschätzung trägt sicher dazu bei, dass in der Mitarbeitendenschaft trotz hoher Belastung wenig Fluktuation herrscht. 

Ein Tipp für politische Transparenz

Der Landkreis muss die Kosten für eine stationäre Unterbringung in einer Wohngruppe als Pflichtleistung übernehmen. Er hat also ein großes Interesse daran, Angebote vor Ort vorhalten zu können, da andernfalls kostenintensive Angebote weit weg finanziert werden müssen. Dennoch stehen die gestiegenen hohen Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe aktuell in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Entsprechend fehlte das Thema auch beim Besuch in der Einrichtung nicht. Gerd Müller empfahl dem Verein, die Kosten proaktiv sichtbar und transparent zu machen. Denn aktuell herrsche an manchen politischen Stellen Misstrauen, dass unnötig hohe Kosten eingepreist würden. Dass die Realität an dieser Stelle ganz anders liegt, sollte offensiv offengelegt werden: Transparenz ist aktuell mitunter politisches Überlebensinstrument. 

Perspektiven für die Jugendlichen

Die stationären Wohngruppen des Vereins bieten etwas, das in der heutigen Zeit selten geworden ist: einen Ort, an dem man nicht funktionieren muss, um wertvoll zu sein. Wo man begleitet wird beim Scheitern, nicht ausgeschlossen dafür. Wo Kontinuität nicht Verhandlungsmasse ist, sondern Grundprinzip. Für manche Jugendliche sind die Wohngruppen also nicht nur eine vorübergehende Möglichkeit sicher unterzukommen; vielmehr sind sie oftmals für die weitere psychische Entwicklung entscheidend. Dennoch braucht es Realismus: Trotz schlechtester Startbedingungen schaffen es zwei von zehn Betroffenen, später ein Leben völlig unabhängig vom Hilfesystem zu führen, viele erhalten aber auch später Leistungen der Eingliederungshilfe. Das ist nicht Versagen – das ist die Realität früher psychischer Erkrankungen. Ein weiteres Problem: Viele Jugendliche kommen aus anderen Landkreisen und werden in Tübingen versorgt, weil es hier ein Angebot gibt. Sie finden hier Betreuung, Halt und werden integriert. Verlassen Sie nun die stationäre Wohngruppe, werden Anschlusshilfen für Wohnen, Betreuung oder Schule hier oftmals nicht bezahlt, da dafür der Herkunftslandkreis zuständig ist. Sie müssen theoretisch zu ihrer Ursprungsadresse zurück. Der Zusammenbruch eines mühsam aufgebauten sozialen Umfelds ist die Folge. Für einen jungen Menschen mit psychischer Belastung eine ganz besondere Herausforderung.