Seitenwechsel beim Paritätischen Kreisverband Tübingen – KIOSK der kit-Jugendhilfe zeigt, was es bedeutet, Menschen nicht zu verlieren

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Kommunalpolitiker*innen im Austausch mit Mitarbeitenden des KIOSK
Besuch bei der niedrigschwelligen Anlaufstelle für benachteiligte Jugendliche im Übergang zwischen Schule und Beruf

Tübingen, 30.06.2026 – Zwei Kommunalpolitiker*innen informieren sich, wo die Lücken im System am Übergang von Schule zu Beruf sind – und wo sie gefüllt werden: Im Rahmen des „Seitenwechsels" des Paritätischen Kreisverbands Tübingen besuchten Nathalie Denoix und Gerhard Neth, beide Gemeinderäte der SPD in Tübingen, den KIOSK – eine Beratungsstelle für Jugendliche im Übergang Schule-Beruf, betrieben von der kit-Jugendhilfe. Was sie vor Ort erfuhren, zeigte deutlich: Hier wird an einer kritischen Stelle gearbeitet, die öffentliche Träger strukturell nur schwer erreichen. 

Jedes Jahr werden Tausende Jugendliche nicht mehr erreicht von den Regelangeboten. Sie brechen die Schule ab, scheitern in der Ausbildung oder finden keinen Berufseinstieg. Der Fachkräftemangel z.B. im Handwerk ist nach wie vor problematisch, gleichzeitig wachsen auch die sozialen Hürden für benachteiligte Jugendliche. Der KIOSK setzt hier an: eine Anlaufstelle, die anders funktioniert als ein Amt und den Menschen in dieser Übergangsphase praktisch hilft.

Niedrigschwelligkeit: Das strukturelle Gegenstück zu klassischer Arbeitsvermittlung

Der KIOSK ist niedrigschwellig – ein notwendiges Gegenstück zu den Strukturen der klassischen Arbeitsvermittlung. Ämter haben Regeln, Verfahren, messbare Ziele. Sie sind auf Größe ausgelegt, auf Effizienz, auf klare Kriterien. Das ist wichtig und notwendig. Aber es gibt Menschen, die in diesen Strukturen nicht ankommen – nicht weil die Ämter schlecht arbeiten, sondern weil Menschen und Systeme nicht immer zusammenpassen. Der KIOSK hat sich spezialisiert auf das, was ein Amt strukturell nicht leisten kann: Jugendliche kommen nicht, weil sie müssen – sie kommen, weil ein Freund sagt: „Geh mal vorbei." Sie kommen ohne Termin, ohne Formular, ohne Angst vor Sanktionen. Sie können sich zurückziehen und später wiederkommen. Das ist nicht möglich in einem System, das Menschen verwalten und dokumentieren muss.

Pragmatische Hilfe dort, wo sie nötig ist

Das Angebot ist pragmatisch. Es beginnt mit Bewerbungsschreiben, Bewerbungsfotos und passenden Anzügen. Es umfasst die Suche nach Ausbildungsplätzen, enge Kooperationen mit der Handwerkskammer und Unterstützung im bestehenden Arbeitsverhältnis. Wichtig ist: Der KIOSK bearbeitet auch Themen, die das Regelsystem nur mit Verweisen auf andere Angebote lösen kann – Schulden, Wohnungslosigkeit, psychische Probleme. Das ist der praktische Unterschied: Der KIOSK behandelt die ganze Situation, nicht nur den Teil, der in eine Behördenzuständigkeit passt.

130 Jugendliche pro Jahr, 573 Beratungen, 61% Vermittlung bei schwieriger Ausgangslage

Die Zahlen sind aussagekräftig: Der KIOSK betreut jährlich etwa 130 Jugendliche und führt über 570 Beratungen durch. Zwei Drittel der Klientinnen haben einen Hauptschulabschluss, viele gar keinen. Überproportional viele haben einen Migrations- oder Fluchthintergrund – der KIOSK war ursprünglich für unbegleitete minderjährige Asylsuchende aufgebaut, wurde später konzeptionell geöffnet, um inhaltsorientiert statt zielgruppenorientiert zu arbeiten. Aber auch Abiturientinnen kommen – oft mit psychischen Belastungen. Jugendliche mit multiplen Problemlagen sind der Normalfall. 61 Prozent – das ist die Vermittlungsquote bei einer schwierigen Zielgruppe. 

Gemeinderat Gerhard Neth zeigte sich von der immensen Zahl an Beratungen sehr beeindruckt. Er sah darin den Beleg für die dringende Notwendigkeit der KIOSK-Angebote in Tübingen, die auch in finanziell schwierigen Zeiten gesichert werden müssen. Die Zahlen sprechen aber auch für das große Engagement der KIOSK-Mitarbeiter*innen für das sich Gerhard Neth im Namen der SPD-Fraktion herzlich bedankte.

Netzwerkarbeit als Erfolgsfaktor

Der KIOSK vermittelt auf den gesamten Arbeitsmarkt, nicht nur in vordefinierte Strukturen. Das funktioniert nur im Netzwerk: Agentur für Arbeit, Jugendberufshilfe, Schulen, Jugendhilfe. Der Träger hat eine feste Rolle – aufgebaut durch Jahre zuverlässiger Arbeit. Das Team arbeitet koordiniert: „Wir machen generell keine Doppelberatungen, das wird gecheckt", sagt Rebekka Fink, KIOSK-Mitarbeiterin. "Wenn jemand von der Schulsozialarbeit betreut wird, machen wir das nicht noch mal." Und manche Schulen verweisen Schülerinnen direkt weiter – ein praktisches Vertrauensverhältnis. Die Agentur für Arbeit ist regelmäßig vor Ort im KIOSK, mit den gleichen zwei Personalien seit Jahren. Das hilft: Jugendliche treffen die bekannten AfA-Berater*innen in einem Umfeld, in dem sie sich sicher fühlen.

Ressourcen sind knapp, der Bedarf wächst - bei wackelnder Finanzierung

Die Auslastung steigt: mehr Beratungen, komplexere Problemlagen, wachsende psychische Belastungen bei jungen Menschen. Minijob-Vermittlungen können vom KIOSK-Team kaum noch begleitet werden, obwohl auch diese grundlegende Kompetenzen vermitteln. Die Ressourcen sind zu knapp für einen wachsenden Bedarf. Ausgerechnet in dieser Situation steht die Finanzierung des KIOSK auf der Kippe. Ein Großteil des Angebots wird durch kommunale Zuschüsse finanziert – und gerade diese werden im Zuge von Debatten über sogenannte Freiwilligkeitsleistungen streng hinterfragt. Eine Kündigung des Landkreis-Vertrags war sogar im Gespräch. Zum Glück konnte sie in letzter Minute abgewendet werden. Nathalie Denoix, die Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule ist, betont: „Durch die Arbeitsweise von KIOSK werden Jugendliche erreicht, die sonst durchs Netz fallen. Das Angebot ist extrem wichtig und darf keinen Einsparungen zum Opfer fallen. Wir bringen in den Haushaltsdebatten zunehmend nicht nur soziale und gesellschaftliche Argumente an, sondern argumentieren schlicht mit Zahlen. Gibt es solche Angebote nicht mehr, führt das zu unheimlich hohen Folgekosten“.  Im KIOSK entscheidet sich, ob ein junger Mensch reguläre Arbeit findet und in staatliche Systeme einzahlt – oder später als Sozialleistungsbezieher verbleibt. 

Eine klare Haltung

„Solange die Lücke noch besteht, werden wir diese füllen, weil wir gebraucht werden", sagt Beke Hamer vom KIOSK-Team. „Wenn die Lücke nicht mehr besteht, finden wir als Träger ganz sicher eine andere – wir sind flexibel." Das ist das Selbstverständnis eines Trägers, der dort hilft, wo es nötig ist.