Seitenwechsel beim Paritätischen Kreisverband Tübingen – Gärtnerei Guter Grund: Echte Arbeit, echte Struktur, unsichere Zukunft

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eine Gruppe von Menschen sitzt gemeinsam an einem langen Tisch auf einer Terrasse
Kommunalpolitiker*innen im Austausch mit Klient*innen und Mitarbeitenden der Gärtnerei Guter Grund des VSP
Kommunalpolitiker*innen besuchen die Gärtnerei des VSP und erleben Nachhaltigkeit im doppelten Sinne: ökologische regionale Produktion mit sozialer Inklusion

Tübingen, 10.07.26 – Im Rahmen des „Seitenwechsels" des Paritätischen Kreisverbands Tübingen sprachen Renate Angstmann-Koch (Kreistag, die LINKE) und Annette Schmidt (Gemeinderat, Bündnis 90/Die Grünen) mit Mitarbeitenden des VSP und mit Menschen mit psychischen Erkrankungen, die in der Gärtnerei Guter Grund arbeiten. Was sie erlebten: Ein Ort, an dem Tagesstruktur und echte, gesellschaftlich nutzbringende Arbeit zusammenfallen – und an dem sich ein grundsätzliches Problem des Sozialsystems zeigt.

Tagesstruktur durch echte Arbeit

Durchschnittlich 10 bis 15 Menschen mit psychischen Erkrankungen kommen wöchentlich in die Gärtnerei Guter Grund, um zu arbeiten. Morgens ab 8:45 Uhr, bis 12:45 Uhr, maximal 20 Stunden pro Woche. Mit gemeinsamen Pausen und Morgenrunden. Sie stammen aus unterschiedlichen Hilfe-Systemen: manche werden vom Jobcenter geschickt, andere finden Zugang im Rahmen von stationären oder flexiblen Tagesstruktur-Maßnahmen, wieder andere als Zuverdienst. Und manch einer nutzt die Gärtnerei als sogenannte Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Die Arbeit ist real: Die Gärtnerei arbeitet nach dem SoLaWi-Prinzip (Solidarische Landwirtschaft). Im Sommer bauen die Teilnehmenden eine beeindruckende Palette an Gemüse an, die an feste Kunden verkauft werden. Im Winter wechselt die Arbeit: Reparaturen, Holzmöbelpflege, diverse Produkte werden produziert. Der konkrete Output verspricht Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind nicht getrennt von der Gesellschaft. Sie sind hier Teil eines funktionierenden wirtschaftlichen Zusammenhangs. 

Was Menschen mit psychischen Erkrankungen hier finden

Doch über die reine Produktion hinaus versorgt die Gärtnerei Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Notwendigem: Struktur, Sinn, Augenhöhe und Gemeinschaft. Damit das funktioniert, bietet die Gärtnerei Guter Grund besondere Rahmenbedingungen. Ein Teilnehmer formuliert es so: „Ich habe hier ein Miteinander mit Menschen, die meine Probleme kennen, das tut gut. Und eigentlich sind die psychischen Probleme ja alle irgendwie gleich." Der Umgang macht einen großen Unterschied. Denn die Mitarbeitenden wissen, dass die Klient*innen viel größere Hürden überwinden müssen, um zur Arbeit zu erscheinen. Entsprechend wird nicht mit Druck und Sanktionen gearbeitet. Eine Person sagt: „Die Tätigkeit hier hilft mir, dass ich überhaupt an meinen Themen arbeiten kann, weil ich keine Angst haben muss, zur Schnecke gemacht zu werden, wenn ich etwas psychisch einfach nicht schaffe." Die Gärtnerei bietet Struktur, aber ohne Druck, der üblicherweise mit dieser einhergeht. Dennoch wird natürlich angestrebt, dass die Klient*innen ihre Strukturen einhalten – erscheint ein Teilnehmender morgens nicht, wird angerufen und nachgefragt. Auch hierdurch erleben die Menschen Struktur: „Es tut gut zu wissen, dass jemand auf mich achtet.“ Doch auch andere positive Nebeneffekte hat die Arbeit in der Gärtnerei, die der Besucher nicht erwartet: „Ich kann hier in den Pausen gesundes Essen essen – Gemüse kann ich mir eigentlich gar nicht leisten,“ erzählt ein Klient. 

Das strukturelle Problem: Befristung statt Stabilität

Beim Besuch wurde jedoch ein zentrales Problem deutlich: die meisten Maßnahmen, die die Mitarbeit in der Gärtnerei begründen, sind zeitlich befristet. Die Standard-Logik der meisten Maßnahmen ist die der Qualifizierung und anschließenden Vermittlung in reguläre Arbeit. Das funktioniert für Menschen mit stabilen Voraussetzungen. Aber für Menschen mit psychischen Erkrankungen, mit Traumata, mit Armutsbiografien ist ein stabiler Platz oft das entscheidende Angebot. Die Erfahrung zeigt: Die meisten Menschen aus solchen Maßnahmen gehen nicht in reguläre Arbeitsverhältnisse über. Das heißt nicht, dass sie nicht arbeiten wollen. Es heißt, dass ihre Situation komplexer ist, als das Normalarbeitsmarkt-Modell vorsieht: „Es ist ja nicht so, dass ich nicht normal arbeiten will; ich kann es einfach nicht mit meiner Erkrankung,“ schildert ein Teilnehmender sichtlich frustriert seine Situation. Die Mitarbeitenden der Gärtnerei müssen regelmäßig begleiten, wenn das anstehende Ende der Beschäftigung im Guten Grund erkennbar wird: Dies verursacht oft tiefe persönliche Krisen; ein System das Menschen mit psychischen Grunderkrankungen in ständige Neuanfänge zwingt, überfordert oftmals. Sina Lustig, Geschäftsführerin vom VSP, zweifelt generell: „Warum muss immer Weiterentwicklung das Ziel sein? Warum kann es nicht einfach so bleiben, wie es ist, wenn man was für sich Passendes gefunden hat?"

Ökonomischer Gewinn auch ohne Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt 

Gesamtgesellschaftlich zahlen sich tagesstrukturierende Beschäftigungen wie die Gärtnerei Guter Grund aus, auch wenn viele Menschen anschließend nicht in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden: durch die Tagesstrukturierung und die gesellschaftliche Inklusion werden Psychiatrieaufenthalte verhindert, die monatlich zwischen 9.000 und 15.000 Euro kosten; es werden Folgeerkrankungen und -erscheinungen vermieden wie Suchtverhalten oder Wohnungslosigkeit, die gesellschaftlich teuer sind. Und es fiele viel weniger Verwaltungsarbeit durch die Begleitung und Vermittlung in den unterschiedlichen Maßnahmen an, wenn das Ende nicht von Beginn an vorgesehen wäre. Politisch wäre es wünschenswert, wenn zum einen ein stabiles Angebot selbst als Erfolg wahrgenommen werden könnte; nicht nur als Mittel zur nächsten Maßnahme. Zum anderen müssen soziale Beschäftigungsverhältnisse ausreichend finanziert werden. Die Gärtnerei kann sich nur durch Spenden und Fördergelder aufrechterhalten.

Renate Angstmann-Koch und Annette Schmidt im Gespräch mit Klient*innen und Mitarbeitenden der Gärtnerei Guter Grund des VSP