Reutlingen, 02.07.26 - Melanie Amrhein (Bündnis 90/die Grünen), Manfred König (die LINKE) und Timo Widmaier (die LINKE) besuchten das Wiesprojekt der pro juventa gGmbH, wo Martin Schenk ausführlich berichtete. Dieser kennt die Herausforderungen der Jugendhilfe aus einer einzigartigen Perspektive: Seit 30 Jahren prägt der Mitbegründer des Wiesprojekts die Landschaft der Kinder- und Jugendarbeit im Stadtgebiet. Beim Austausch mit den Kommunalpolitiker*innen wurde deutlich: Die Expertise freier Träger ist für eine funktionierende Prävention nicht wegzudenken.
Vom Jugendtreff zur integrierten Hilfestruktur
Das Wiesprojekt startete 1995 als einfacher Jugendtreff, basierend auf einer Bedarfsabfrage bei den jungen Menschen vor Ort. Heute bietet die Einrichtung ein differenziertes Angebot, das offene Kinder- und Jugendarbeit und Maßnahmen aus den Hilfen zur Erziehung kombiniert: von offenen Gruppen für verschiedene Altersklassen und Alleinerziehende bis zu intensiveren Hilfeformen wie sozialen Gruppen und Tagesgruppen reicht das Portfolio des Wiesprojekts. Stadtteilorientierte Arbeit funktioniert, weil sie niedrigschwellig ist. Das Wiesprojekt erreicht Kinder und Familien, lange bevor sie z.B. im Schulsystem auffallen – ein präventives Netzwerk, das öffentliche Strukturen allein nicht bieten können. Und intensivere pädagogische Begleitungen werden ebenfalls vor Ort angeboten.
Was funktionierende Quartiersarbeit braucht
Aus langjähriger Erfahrung heraus ist für Martin Schenk klar: Quartiersarbeit kann nicht aus dem Nichts aufgebaut werden. Sie braucht bereits vor Ort etablierte Träger, in die Menschen Vertrauen haben. So ist z.B. der Betrieb einer Kindergruppe in einem Brennpunkt ein über dieses Angebot hinausgehende wirksame Maßnahme, da sie Zugang für Fachkräfte ermöglicht. Und Quartiersarbeit braucht Teams, die sich kennen und schnell miteinander kommunizieren können – eine gute Zusammenarbeit zwischen Stadt, Kreis und den verschiedenen Trägern vor Ort ist essentiell. Dies sei über die Jahre jedoch schwieriger geworden: Wo früher etablierte Teams über Jahre hinweg zusammenarbeiteten, erlebe man heute höhere Personal-Fluktuation – ein Wandel, der kurze Kommunikationswege und gegenseitiges Vertrauen gefährdet. Dennoch arbeiten öffentliche und freie Träger zum Beispiel im Hilfeplanverfahren eng zusammen und ergänzen sich gegenseitig. Und auch in der gerade laufenden Entwicklung eines Konzeptes für die städtische Quartiersarbeit ist das Wiesprojekt als Vorreiter gut einbezogen.
Hilfen zur Erziehung durch Quartiersarbeit ergänzen – nicht ersetzen
Ein Missverständnis sollte aufgelöst werden: „Professionalisierte Hilfen zur Erziehung sind nicht obsolet geworden. Sie sind nach wie vor notwendig. Was sich ändern muss, ist die Balance: Prävention und Quartiersarbeit müssen gestärkt werden, um zu verhindern, dass Fälle überhaupt erst in der Krise landen“, so Martin Schenk. Besonders wichtig ist dabei die Schnittstelle zur Schule. Soziale Gruppen an Schulen sind z.B. präventiv wirksam – geraten aber häufig unter Druck, wenn nicht genügend Kinder angemeldet werden. Dabei ist der gesellschaftliche Nutzen kaum in konventionellen Belegungszahlen abzubilden. Auch sei sehr wertvoll, wenn freie Träger die Schulsozialarbeit wahrnehmen, da sie über Kompetenzen in Hilfen zur Erziehung verfügen, die z.B. eine gute Einschätzung der Gefährdung ermöglichen und frühzeitig professionelle Hilfe vermitteln können.
Systemsprenger und strukturelle Grenzen
Welche Entwicklung erkennt Martin Schenk über die Jahre? Die Fälle werden jünger, ihre Bedarfe komplexer. Während das Wiesprojekt früher etwa 7 bis 8 sogenannte Systemsprenger pro Jahr aufgefangen hat, zeigt sich heute ein anderes Bild: Manche junge Menschen sind über Regelangebote gar nicht mehr zu erreichen. Sie landen heute in Spezialangeboten außerhalb der Region oder in Pensionen, die nur noch von Security betreut werden – ein Symptom für Kapazitätslücken, die dringend geschlossen werden müssen. Auch die fehlenden vollstationären Plätze (der Landkreis meldet einen Fehlbestand von etwa 50 Plätzen – auch pro juventa hat stationäre Gruppen eingestellt, da durch die Finanzierungsstruktur kein wirtschaftlicher Betrieb möglich war) stellen alle Partner vor schwierige Entscheidungen.
Wünsche an die Politik
Aus dem Gespräch wurde deutlich, was freie Träger sich von der Kommunalpolitik wünschen: Kontinuität und Planungssicherheit statt Kürzungen. Finanzierungsmodelle, die nicht nur belegte Plätze bezahlen, sondern Trägern auch Luft zum Atmen geben. Und eine Wertschätzung dafür, dass funktionierende Netzwerke Zeit brauchen – und dass ihre Früchte sich oft erst Jahre später zeigen.
Martin Schenk ist inzwischen auch überregional als Pionier der Quartiersarbeit gefragt. Dass seine Expertise genutzt wird, spricht für sich selbst. Der Austausch mit der Kommunalpolitik zeigt: Diese Partnerschaften zwischen öffentlichen Strukturen und freien Trägern sind der Schlüssel zu einer Jugendhilfe, die wirkt, bevor sie reparieren muss.