Seitenwechsel 2026 in Reutlingen und Tübingen: Politiker*innen besuchen soziale Einrichtungen

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Drei Wochen lang öffneten Mitgliedsorganisationen des Paritätischen ihre Türen für Entscheidungsträger*innen – mit Erkenntnissen für beide Seiten

Vom 29. Juni bis 17. Juli 2026 hatten Politiker*innen und Verwaltungsvertreter*innen die Gelegenheit, den Alltag sozialer Einrichtungen kennenzulernen. Beim 4. „Seitenwechsel“ luden neun paritätische Mitgliedsorganisationen in Reutlingen und zehn in Tübingen zu Begegnungen unterschiedlicher Art ein. Dabei gab es viel zu entdecken: In Reutlingen standen 25 Zeitslots für 18 verschiedene Angebote zur Auswahl, in Tübingen waren es 39 Termine zu 29 Angeboten. Das zu erkundende Spektrum reichte von der Eingliederungshilfe über den Migrationsbereich und die Jugendhilfe bis hin zu Suizidprävention, Unterstützung bei sexualisierter Gewalt und diversen anderen sozialen Arbeitsfeldern und Lebenssituationen. 

Vielfältige Einblicke, gegenseitiges Lernen

Frühstück und Austausch, Hospitationen im Arbeitsalltag, Besichtigungen oder die Teilnahme an Fachfortbildungen und Gottesdiensten: Das Programm bot vielfältige Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt standen das Dabei-Sein, Lernen und Austauschen – und das funktionierte in beide Richtungen. Die Politiker*innen erfuhren unmittelbar, was soziale Angebote für einzelne Menschen und das gesellschaftliche Zusammenleben leisten. Besonders wertvoll waren die Begegnungen mit Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften. Sie vermittelten Erfahrungen und Zusammenhänge, die sich aus Berichten und abstrakten Zahlen allein kaum erschließen. Die Begegnungen machten mitunter deutlich, wie schnell Menschen auf soziale Unterstützung angewiesen sein können. Persönliche Geschichten zeigten, was hinter einem Unterstützungsbedarf steht – und boten Gelegenheit, pauschale Urteile wie „Die wollen nur nicht“ zu hinterfragen. Diese Eindrücke können die Besucherinnen nun in ihre Fraktionen, Verwaltungen und politischen Diskussionen einbringen. Umgekehrt gaben Entscheidungsträger*innen Hinweise zu politischen Abläufen und dazu, wie soziale Akteure ihre Anliegen wirksam in die politische Debatte einbringen können. Gerade angesichts der Spardebatten in kommunalen Haushalten war dieser Austausch wichtig. Ein zentrales Anliegen der Besuche war entsprechend auch, deutlich zu machen, was bei möglichen Kürzungen auf dem Spiel steht: konkrete Unterstützung im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe, verlässliche Anlaufstellen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen und Unterstützung in der Selbsthilfe.

Begegnungen als Grundlage für politische Debatten

Eingeladen waren Gemeinde- und Kreisrätinnen der demokratischen Parteien in den Städten und Landkreisen Reutlingen und Tübingen, Funktionsträgerinnen der Verwaltung und Abgeordnete in Bundes- und Landtag. Insgesamt nahmen 22 Besucherinnen teil, darunter acht Kreisrätinnen, neun Gemeinderätinnen, Michael Donth (CDU) als Mitglied des Bundestags, Thomas Poreski (B90/die Grünen) als Landtagsvertreter sowie Funktionsträger*innen der Stadtverwaltung Reutlingen. Parteipolitisch waren die meisten Teilnehmenden bei der SPD, den Grünen und der LINKEN verankert. Auch das Reutlinger WiR und Die Partei aus Tübingen waren mit jeweils einer Person vertreten. Die CDU zeigte durch Michael Donth Gesicht. Viele der Besucherinnen brachten bereits Interesse an sozialen Themen mit. Wünschenswert wäre gewesen, noch mehr Entscheidungsträgerinnen zu erreichen, die diesen Themen bislang weniger Aufmerksamkeit widmen. Zugleich ist es wichtig, auch bereits Interessierten vertiefte Einblicke zu ermöglichen: Wer die Arbeit der Einrichtungen und die Lebenssituationen der Menschen kennt, kann die Bedeutung sozialer Angebote in politischen Auseinandersetzungen konkreter erklären und begründen und engagierter vertreten. Gerade in Zeiten knapper Haushalte braucht es dieses Wissen, damit sich die Debatte nicht auf die Kosten beschränkt, sondern auch den gesellschaftlichen Nutzen und die Folgen von Kürzungen berücksichtigt.

Persönliche Erfahrungen, strukturelle Fragen

Entsprechend wurde in den Terminen viel Grundsätzliches diskutiert: Wie können Menschen darin gestärkt werden, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten? Welche Finanzierungsstrukturen geben Einrichtungen Verlässlichkeit und ausreichend Handlungsspielraum? Wie kann Transparenz Vertrauen schaffen? Auch politische Kräfteverschiebungen und ihre Bedeutung für die soziale Arbeit kamen zur Sprache. Dabei wurde deutlich, dass soziale Angebote Rahmenbedingungen brauchen, die es ermöglichen, Menschen verlässlich und bedarfsgerecht zu begleiten; und dass dies als politische Gestaltungsaufgabe und Systemverantwortung verstanden werden sollte, nicht allein als Frage des Mitgefühls. 

Und beim nächsten Mal?

Für die nächste Runde gab es konkrete Anregungen. Gewünscht wurden mehr Besuchstermine in den Randstunden, damit ehrenamtlich tätige Politiker*innen die Teilnahme besser mit Beruf und Familie vereinbaren können. Diese Rückmeldungen sollen in die weitere Terminplanung einfließen. Auch die Automatisierung des aufwändigen Anmeldeprozesses steht auf der Agenda. Vor allem wird aber noch mehr Aufwand nötig sein, diejenigen Entscheidungsträger*innen zu erreichen, die dem Sozialen naturgemäß weniger affin sind. Wie erreicht man die politischen Akteure, die das Soziale noch nicht als zentrale Systemaufgabe verstehen? Z.B. durch regelmäßige, niedrigschwellige Begegnung. Der Seitenwechsel hat gezeigt, dass es funktioniert – wenn man die Gelegenheit nutzt.

Seitenwechsel des Paritätischen in Reutlingen und Tübingen 2026