Tübingen, 15. Juli 2026 – Im Rahmen des Seitenwechsels des Paritätischen Kreisverbands Tübingen konnte erlebt werden, wie Mobile Arbeit in der Jugendhilfe wirkt: Wenn Familien überwältigt sind, braucht es nicht Ausgrenzung, sondern Begleitung. Und wenn Begleitung funktioniert, gewinnt die ganze Gesellschaft.
Ein Angebot für Familien in der Krise
Die Sozialpädagogische Familienhilfe ist aufsuchende Jugendhilfe. Die Mitarbeiter*innen gehen zu den Familien – nicht umgekehrt. Dort unterstützen sie bei alltäglichen Herausforderungen: Alltagsbegleitung, Begleitung von Kontakten mit dem Jugendamt, Erziehungsberatung, begleitete Umgänge zwischen Elternteilen und ihren Kindern – große Begriffe, hinter denen viele individuelle Unterstützungsleistungen verborgen sind. Die Mitarbeiter*innen aktivieren Ressourcen, die in den Familien bereits vorhanden sind. Sie entwickeln mit Eltern z.B. Ideen, was diese mit ihren Kindern kostengünstig unternehmen können. Manchmal ist das erste Ziel nicht Verhaltensänderung, sondern Klarheit: Was muss gerade gemacht werden? Überforderung und fehlender Überblick alltäglicher Hürden bringen Familien oftmals an den Rande ihrer Kapazitäten, was sich auf das familiäre Miteinander auswirken kann. Selten gibt es in betroffenen Familien nur ein Thema. Schicksalsschläge, Krankheiten, finanzielle Krisen, Beziehungskonflikte treten oftmals gehäuft auf, wenn eine Familie sich aus eigener Kraft nicht mehr zu helfen weiß. Die Fähigkeit und der Wunsch der Familien, etwas zu verändern, sind sehr unterschiedlich vorhanden. Das macht es schwer vorherzusagen, wie lange Unterstützung tatsächlich gebraucht wird. Auch treten manchmal schicksalhaft neue krisenhafte Situationen auf, die eine positive Prognose plötzlich abschwächen. Die Mitarbeiter*innen brauchen für diese Arbeit sehr viel Professionalität. Sie müssen Eltern stärken, echte Beziehungen eingehen – und gleichzeitig das paradoxe Ziel verfolgen, sich in der Beziehung selbst überflüssig zu machen. Das ist emotional und fachlich anspruchsvoll. Eine verstehende Haltung ist notwendig, große pädagogische Kompetenz; die kit-jugendhilfe nimmt den hohen Beteiligungsanspruch des Arbeitsfeldes ernst.
Etwa 160 Kinder, die Fallzahlen steigen
Aktuell betreut kit-Jugendhilfe etwa 100 Familien mit insgesamt 160 Kindern. Ein Drittel dieser Fälle sind bereits in Kinderschutzverfahren angesiedelt – Ziel ist also nicht mehr eine rein präventive Begleitung, sondern professionelle Intervention in kritischen Verhältnissen. Vor zehn Jahren waren deutlich weniger Fälle im Kinderschutz verortet. Auch die Gesamtzahlen steigen: Der Landkreis Tübingen verzeichnet einen Zuwachs an SPFH-Begleitungen, der in etwa dem des Landesmittels entspricht.
Agieren im Miteinander notwendig
Die Familien müssen viel leisten, um aus der belastenden Situation wieder herauszufinden. Hierzu braucht es ein gutes Miteinander unterschiedlicher Beteiligter: Im Hilfeplanverfahren sitzen Betroffene, Mitarbeitende der kit-Jugendhilfe und des Jugendamts an einem Tisch und planen und setzen gemeinsam um. Die Finanzierung läuft über Fachleistungsstundenkontingente, die das Jugendamt genehmigen muss, bevor die Arbeit erbracht wird. Die Mitarbeitenden der Mobilen Dienste erleben die Kooperation mit dem Jugendamt als gelingend: Fälle werden sinnvoll entschieden, und wenn sich besondere belastende Ereignisse ergeben, kann die Maßnahme flexibel umgesteuert werden. So viel Bereitschaft, sich auf den Einzelfall einzulassen, ist nicht überall vorhanden. Dass das Jugendamt aktuell Sparvorgaben umsetzen soll, schlägt sich natürlich auch im konkreten Tun um – es wird mehr überprüft, ob Fachleistungsstunden wirklich notwendig sind und es werden vermehrt Zielvorgaben spürbar. Dennoch werden die Familien noch als solche gesehen und wahrgenommen.
Die Teamkultur als Schutzfaktor
Ein praktisches Problem bleibt: Wenn kit-Jugendhilfe einen Fall als Kindeswohlgefährdung meldet, folgt im Jugendamt eine Sachverhaltsprüfung, die Monate dauern kann. Das ist für die betroffenen Familien und die Mitarbeiter*innen emotional manchmal belastend, da in einer krisenhaft zugespitzten Situation verharrt bleiben muss. Als Schutzfaktor für die Mitarbeitenden wurde im Besuch erlebbar, dass die kit-Jugendhilfe eine starke Teamkultur besitzt: Die gegenseitige Unterstützung ist groß. Viele Mitarbeiter*innen sind schon lange dabei – das schafft Kontinuität und Expertise, die im nicht einfachen Arbeitsalltag Halt geben können.
Ein Gedanke für die Zukunft: Raus aus der Scham
Aktuell lässt die kit-Jugendhilfe die Mobilen Dienste durch ein externes Institut evaluieren – selbstverständlich hat auch der Träger ein großes Interesse daran, effizient und effektiv zu arbeiten, weshalb die Evaluation eine gute Investition ist. Die Ergebnisse sind noch nicht da. Doch hat sich der Prozess bereits jetzt gelohnt, da eine unerwartete Idee hierdurch entstanden ist: Im Rahmen von Interviews kamen Betroffene miteinander in Kontakt. Daraus entstand eine spannende Dynamik: begleitete Familien, die sich vorher isoliert fühlten, erkannten, dass sie nicht allein sind. Der Gedanke, der für den Träger daraus erwächst: Raus aus Einzelfalllogiken! Mehr Netzwerke von Betroffenen herstellen! Denn nach wie vor ist Scham ein großer Feind der begleiteten Familien – Scham davor, dass man Hilfe braucht, dass die Familie nicht funktioniert wie die Nachbarn. Wünschenswert wäre ein Abbau dieser Scham. Hannes Gruber, Mitarbeitender bei kit, erzählt hierzu ein schönes Beispiel, wie das gelingen kann: Er berichtet, wie das betreute Kind ihn als Familienhelfer zuerst anwies, unbedingt jenseits der Grundschule zu warten, damit er nicht stigmatisiert wird durch die professionelle Begleitung nach der Schule. Doch mit der Zeit durfte Gruber immer erkennbarer Präsenz zeigen – denn irgendwann hatte das Kind soviel Selbstbewusstsein aufgebaut, dass es stolz auf seinen „coolen Familienbegleiter“ war, um den es von da an mitunter beneidet wurde.
Der Mehrwert für die Gesellschaft
Und auch seine Kollegin Kira Wagner formuliert eine interessante Perspektive, die mit Scham nicht vereinbar ist: Zwar erhalten die Familien Hilfe vom Staat, um als Familien möglichst gut aufgestellt zu sein. Aber im Gegenzug sind so viele wertvolle Kompetenzen in diesen Familien vorhanden, die der Gesellschaft zur Verfügung stehen – der Papa ist Busfahrer, der Sohn macht eine Ausbildung zum Pfleger, die Mutter hat handwerkliches Geschick. Die Investition in Familien ist eine Investition in die Gesellschaft. Wenn Familien gut integriert sind, wenn Kinder Stabilität haben, wenn Eltern nicht in völlige Isolation verfallen – dann profitiert die ganze Gemeinschaft, weil Potentiale umgesetzt werden können.
Kein Bericht im Jugendhilfeausschuss mehr
Ein genereller Trend in der Kinder- und Jugendhilfe ist schon lange erkennbar und sinnvoll: Möglichst wenig stationäre Maßnahmen, wenn nötig in kürzerer Dauer; dafür viel mehr Frühintervention und Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist kostengünstiger und für die Betroffenen weniger schmerzhaft – die Mobilen Dienste sind also rundum ein Erfolgsmodell. Renate Angstmann-Koch bedauert einen Verlust: Früher gab es Berichterstattung zur Jugendhilfe im Jugendhilfeausschuss. Das ermöglichte öffentliche Sichtbarkeit und Diskurs. Das gibt es nicht mehr – und wäre umso wichtiger, da die gestiegenen Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe aktuell gesellschaftlich kritisch diskutiert werden. Umso nötiger wäre, dass die politischen Entscheidungsträger*innen verstehen, woher diese Kosten kommen und dass sie sinnvoll investierte Haushaltsmittel sind.