Am 20.04. kamen mehr als 60 Teilnehmende zum 23. Sozialpolitischen Fachforum des Paritätischen Kreisverbands Tübingen zum Thema „Frühkindliche Bildung in der Kindertagesbetreuung – Welche Qualität leisten wir uns in Tübingen“.
Die seit 2022 sinkenden Geburtenzahlen bieten Anlass, die Rahmenbedingungen in der Kindertagesbetreuung nochmal besonders in den Blick zu nehmen. Insbesondere Fragen zur Qualitätssicherung und -entwicklung könnten sich angesichts dessen neu stellen - wenn auch auf der anderen Seite erschwert durch die knappe Finanzlage vieler Kommunen, eröffnete Fabienne Christen die Veranstaltung. Nach einem einführenden Fachvortrag von Dr. Gabriele Müller zum aktuellen Forschungsstand in Bezug auf Qualitätsfaktoren in der frühkindlichen Bildung, mit Fokus auf den U3-Bereich, wurde auf dem Podium diskutiert, wie man u.a. mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen verfahren kann und soll.
Schnell wurde klar, dass der Geburtenrückgang mitnichten ein reiner Segen für das Betreuungssystem ist: Sabine Maihöfer erläuterte, dass in der Kindertagespflege dadurch Existenzen von Betreuungspersonen gefährdet sind, da diese nur pro Kind finanziert werden. Hier bedürfe es einer Sockelfinanzierung, die es aktuell noch nicht gebe. Im Kitabereich ist der Geburtenrückgang in den Krippengruppen bereits spürbar. In Tübingen besteht aktuell ein Platzüberhang. Katrin Jodeleit begrüßte, dass in Tübingen dennoch die volle Platzkapazität nicht in Frage gestellt werde - denn einmal geschlossene Einrichtungen lassen sich nicht einfach wieder eröffnen. Mittelfristig lasse sich die Geburtenrate nicht sicher prognostizieren. Dr. Gundula Schäfer-Vogel warnte davor Luftschlösser zu bauen für die Nutzung frei werdender Ressourcen, da die Stadt in der Realität noch immer vor allem damit beschäftigt sei, ausreichend Personal zu rekrutieren, um wieder die alten Öffnungszeiten anbieten zu können. Auch Nathalie Denoix betonte, dass es bereits ein Erfolg sei, wenn man wieder auf das frühere gute Qualitätsniveau gelangen könne. Dabei sei es z.B. für Schulen sehr wichtig, dass eine gute frühkindliche Bildung in der Kindertagesbetreuung stattfinde. Die aktuelle durch den offenen Brief der vier Oberbürgermeister – u.a. Boris Palmer - angeregte Diskussion, den Personalschlüssel in BW einer Überprüfung zu unterziehen und ggf. an den Bundesdurchschnitt anzupassen - was de facto eine Verschlechterung bedeuten würde - ziele in die falsche Richtung, da so wieder vermehrt nur Betreuung umgesetzt werden könne, weniger Förderungs- und Bildungsziele.
Frau Dr. Schäfer-Vogel betonte, dass bei aller Diskussion um Rahmenbedingungen unbedingt das Kind und seine Bedürfnisse im Zentrum stehen müsse. Z.B. sollte die Ausbildung von psychischer Resilienz ein wichtiges Ziel sein. Stattdessen werde gerade ein wirtschaftlicher Schwerpunkt durch die Spardebatten gesetzt. Hier waren sich jedoch alle Teilnehmende einig, dass die Kindertagesbetreuung unbedingt auch in seiner ökonomischen Leistung verstanden werden müsse: „Kita muss als Investition in die Zukunft verstanden werden, nicht als Kostenfaktor“, fasst Andrej Baraban zusammen. Zudem dürfe das Thema nicht auf eines von Frauen bzw. Müttern reduziert werden; es sei ein gesamtgesellschaftliches Thema. Auch wirtschaftlich sei die Berufstätigkeit von Müttern ein wichtiger Faktor, denn mehr Beschäftigung führe zu Wirtschaftswachstum und dadurch am Ende auch zu höheren Einnahmen für Kommunen durch die Gewerbesteuer, ergänzte Nathalie Denoix.
Über inhaltliche Vorschläge zur Optimierung bestand Einigkeit: Dass die Inklusion nicht so umgesetzt werden kann, wie sie eigentlich sollte, wurde wiederholt kritisch angemerkt. Hier wären freiwerdende Ressourcen ein Segen, um Kindern mit besonderem Betreuungsbedarf endlich angemessen begegnen zu können. Sehr kritisch wurden die aktuellen rechtlichen und politischen Entwicklungen hierzu gesehen (z.B. dass künftig nur noch medizinische Diagnosen den Förderbedarf begründen können). Auch wurde der Forderung nach einer bedarfsdeckenden Refinanzierung von Vertretungskräften aus dem offenen Brief der OBs definitiv zugestimmt. Bürokratieabbau sei für Träger wichtig, um mehr Ressourcen für die eigentliche Arbeit mit dem Kind zu haben. Und ganz konkret wurde vorgeschlagen, die Kita-Tauglichkeitsbestätigung abzuschaffen – ein ohnehin „absurdes Konstrukt“, wie Katrin Jodeleit bewertete.
Auf viel Interesse stieß in der Diskussion auch die von Dr. Gabriele Müller vorgestellte Erkenntnis, dass gerade gemischte Teams mit differenzierten Qualifikationen wissenschaftlich als qualitätssichernd identifiziert wurden. Dies bietet Gelegenheit, den mehr aus der Not geborenen Einsatz von Betreuungskräften (den sog. Zusatzkräften) gezielt zu nutzen; wichtig sei hier jedoch, dass es eine klare pädagogische Verantwortungsstruktur gebe mit klar definierten Assistenzrollen und einem gut durchdachten Konzept der Zusammenarbeit. Das bedeutet nicht, wieder in die überholte Dualität von Betreuung einerseits und Bildung andererseits zurückzufallen. Auch erhielt die Erkenntnis Aufmerksamkeit, dass eine systematisch angelegte, gute pädagogische Prozessbegleitung von Teams extrem wichtig sei, um Qualität zu sichern.
Im Laufe der Veranstaltung entstand der Eindruck, dass die verschiedenen Akteure letztlich sehr nahe beieinanderliegende Vorstellungen haben; die Frage sei vielmehr, wie man „gemeinsam zur Umsetzung kommen“ könne, wie Katrin Jodeleit formulierte. Hierfür brauche es vor allem eine starke Lobby; denn „Kinder haben keine Lobby“, statuierte Andrej Baraban wiederholt. Entsprechend notwendig sei eine öffentliche Positionierung des Themas, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auch wurde wiederholt bemerkt, dass durch gelungene Partizipation von Kindern deren Interessen verstärkt gesellschaftliche Beachtung finden.
Insgesamt war bemerkbar, wie viel Gesprächsbedarf zum Thema bestand und wie viel engagierte Emotionalität z.B. auf Seiten anwesender Kita-Leitungen eingebracht wurde. Das Fazit des Abends war, dass es wichtig ist, in unterschiedlichen Konstellationen den Gesprächsfaden des Abends weiterzuknüpfen. Als Idee wurde abschließend z.B. formuliert, besondere Kooperationsprojekte zu etablieren: auch wissenschaftlich begleitete Modellprojekte zu initiieren stand im Raum, verbunden mit der Vision, neben Tübingen als Klimavorreiterin, einen „Leuchtturm Tübingen“ in Bezug auf den Fokus Kinder zu schaffen. Es bleibt spannend, was sich nach der Veranstaltung entwickeln wird – ein herzlicher Dank geht an alle Engagierten für das gute Miteinander.
Podiums-Gäste waren:
Frau Dr. Gundula Schäfer-Vogel: Bürgermeisterin der Stadt Tübingen, verantwortet die Bereiche Soziales, Ordnung und Kultur
Andrej Baraban: Vorstand des Gesamtelternbeirats Kindertagesbetreuung in Tübingen und stellvertretender Vorsitzender des Landeselternbeirats Kindertagesbetreuung
Nathalie Denoix: Gemeinderätin für die SPD in Tübingen, Gemeinschaftsschullehrerin
Sabine Maihöfer: geschäftsführende Vorständin des Tageselternvereins im LKR Tübingen
Katrin Jodeleit: Geschäftsführerin des Dachverbands der kleinen freien Kita-Träger in Tübingen
Dr. Gabriele Müller: akademische Mitarbeiterin an der Uni Tübingen mit Schwerpunkt u.a. Pädagogik der frühen Kindheit.
Moderation: Fabienne Christen, Regionalleitung Neckar-Alb, der Paritätische Baden-Württemberg