Extremismusdebatte am Frühstückstisch

drei lachende Männer
„eat & meet“ des Paritätischen Bodenseekreis mit aktuellem Thema

Am 16. Oktober lud der Vorstand des Paritätischen Kreisverbandes Bodenseekreis Vertreter*innen von Mitgliedsorganisationen und Partner*innen aus der Politik und öffentlichen Verwaltung zum Frühstückstreff „eat & meet“ nach Markdorf ein. In diesem Jahr beleuchtete Karim Saleh von der Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg mit seinem Impulsvortrag „Gefahr Extremismus – wie kann Deutschland dem begegnen?“ ein aktuelles Thema.

Mit der Vorstellung der Fachstelle Extremismusdistanzierung präzisierte der Referent auch gleich, wann dort von „Extremismus“ gesprochen werde: Verletze jemand Demokratie, Rechtsstaat und Menschenwürde auf problematische Weise auf der Grundlage eines religiös-politisch-ideologischen Wertesystems, sei von einer extremistischen Orientierung auszugehen. Die Bedrohung gehe dabei von islamistischen wie von links- und rechtsextremen Organisationen aus. Die Klient*innen der Beratungsstelle würden immer jünger und radikalisierten sich immer schneller. 

Referent vor Paritätischem Logo

„Protest, Provokation oder Propaganda? In unserer Arbeit versuchen wir herauszufinden, was hinter einer extremistischen Haltung steckt. Oftmals lässt persönliche Enttäuschung junge Menschen der Mehrheitsgesellschaft den Mittelfinger zeigen.“

Karim Saleh, Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg

Doch wie kommen Menschen zu extremistischen Positionen? Saleh machte hierfür individuelle Enttäuschungen verantwortlich: Ein von der Gesellschaft gegebenes „Versprechen friedlicher Koexistenz“ könne durch globale Herausforderungen, wie Krisen und Kriege, erschüttert werden. Mache eine Person die Erfahrung, dazu nicht gehört bzw. gesehen oder ungerecht behandelt zu werden, werde das grundlegende Versprechen und damit die Ordnung infrage gestellt. Hierfür spiele es eine entscheidende Rolle, wie resilient oder vulnerabel jemand sei, ob er also mit Widrigkeiten umgehen könne oder durch seine Lebenssituation anfällig sei, davon „mitgenommen“ zu werden. Wer in der heutigen sehr komplexen und vielfältigen Welt die daraus resultierende Unübersichtlichkeit nicht tolerieren könne, sei tendenziell empfänglich für einfache Lösungen, die extremistische Strömungen lieferten. Sie böten dadurch Klarheit, Identität und Zugehörigkeit.

Die Vereinfachung komplexer Themen betrieben Extremisten oftmals dadurch, dass sie keinen breiten Diskurs zu einer Fragestellung führten, sondern eine Bevölkerungsgruppe verantwortlich machten für einen Missstand, diese entmenschlichten und bestehende Vorurteile bedienten. Sie arbeiteten mit emotionalen Bildern und erreichten insbesondere junge Menschen auf den Kanälen, auf denen diese sich informierten: in der Familie oder im Netz. Dort böten sie Hilfestellung für alltägliche Fragen, sodass sie als hilfreiche Unterstützer und Orientierungsgeber wahrgenommen würden. Deshalb plädiert Saleh dafür, die Medien stärker zu regulieren, ohne die pädagogische Begleitung von sich radikalisierenden Jugendlichen außer Acht zu lassen: So lange noch Kontakt bestünde, wäre der Zugang auf der emotionalen Ebene möglich. Es gelte weniger, mit Fakten argumentativ zu überzeugen, sondern herauszufinden, welches Thema eigentlich hinter der Infragestellung der Mehrheitsgesellschaft stecke. Präventiv sei es überaus sinnvoll, jungen Menschen demokratische Teilhabe zu ermöglichen. Allerdings sei diese vielerorts eher eine Scheinpartizipation.

Die angeregte Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, dass das Thema die Anwesenden in den verschiedensten Lebensbereichen berührte und vielfältige Fragen aufwarf.