Doch wie kommen Menschen zu extremistischen Positionen? Saleh machte hierfür individuelle Enttäuschungen verantwortlich: Ein von der Gesellschaft gegebenes „Versprechen friedlicher Koexistenz“ könne durch globale Herausforderungen, wie Krisen und Kriege, erschüttert werden. Mache eine Person die Erfahrung, dazu nicht gehört bzw. gesehen oder ungerecht behandelt zu werden, werde das grundlegende Versprechen und damit die Ordnung infrage gestellt. Hierfür spiele es eine entscheidende Rolle, wie resilient oder vulnerabel jemand sei, ob er also mit Widrigkeiten umgehen könne oder durch seine Lebenssituation anfällig sei, davon „mitgenommen“ zu werden. Wer in der heutigen sehr komplexen und vielfältigen Welt die daraus resultierende Unübersichtlichkeit nicht tolerieren könne, sei tendenziell empfänglich für einfache Lösungen, die extremistische Strömungen lieferten. Sie böten dadurch Klarheit, Identität und Zugehörigkeit.
Die Vereinfachung komplexer Themen betrieben Extremisten oftmals dadurch, dass sie keinen breiten Diskurs zu einer Fragestellung führten, sondern eine Bevölkerungsgruppe verantwortlich machten für einen Missstand, diese entmenschlichten und bestehende Vorurteile bedienten. Sie arbeiteten mit emotionalen Bildern und erreichten insbesondere junge Menschen auf den Kanälen, auf denen diese sich informierten: in der Familie oder im Netz. Dort böten sie Hilfestellung für alltägliche Fragen, sodass sie als hilfreiche Unterstützer und Orientierungsgeber wahrgenommen würden. Deshalb plädiert Saleh dafür, die Medien stärker zu regulieren, ohne die pädagogische Begleitung von sich radikalisierenden Jugendlichen außer Acht zu lassen: So lange noch Kontakt bestünde, wäre der Zugang auf der emotionalen Ebene möglich. Es gelte weniger, mit Fakten argumentativ zu überzeugen, sondern herauszufinden, welches Thema eigentlich hinter der Infragestellung der Mehrheitsgesellschaft stecke. Präventiv sei es überaus sinnvoll, jungen Menschen demokratische Teilhabe zu ermöglichen. Allerdings sei diese vielerorts eher eine Scheinpartizipation.
Die angeregte Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, dass das Thema die Anwesenden in den verschiedensten Lebensbereichen berührte und vielfältige Fragen aufwarf.