Armut in Baden-Württemberg: Zahlen, Fakten und Handlungsbedarf

die Hände einer älteren Dame halten ein geöffnetes Portemonnaie

Armut ist kein Randphänomen – auch im reichen Bundesland Baden-Württemberg sind 1,5 Millionen Menschen betroffen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband setzt sich für eine gerechte Sozialpolitik ein und liefert mit seinem jährlichen Armutsbericht fundierte Daten und Lösungsansätze. Hier finden Sie Informationen zu Ursachen, Folgen und unseren Forderungen.

Aktuelle Zahlen und Fakten

Was bedeutet Armut in Baden-Württemberg und wer ist betroffen? 

Der Armutsbegriff

Als arm gilt in Deutschland, wer mit weniger als 60 % des mittleren Nettoeinkommens (Median) der Gesamtbevölkerung auskommen muss. Diese relative Armutsschwelle zeigt, wer im Vergleich zur gesellschaftlichen Mitte abgehängt ist und sich grundlegende Dinge des Alltags nicht leisten kann (relative Armut). 

Lt. eines Kommissionsbericht der EU aus dem Jahr 1983, sind Menschen dann von relativer Armut betroffen, wenn sie über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist. 

Die Armutsgefährdungsquote 

Konventionelle Armutsquote 
  • 13,2 % der Bevölkerung und damit rund 1,5 Millionen Menschen in Baden-Württemberg leben in Armut, was einen Anstieg von fast zwei Prozentpunkten und rund 200.000 Betroffenen seit dem Jahr 2021 (11,4%) bedeutet. 
     
    • Besonders betroffene Gruppen:
      • Kinder und Jugendliche (ca. 15,1% der unter 18Jährigen, 2021: 11,4)
      • Ein-Personen-Haushalte (27,3%)
      • Alleinerziehende (33,7%)
      • ältere Menschen ab 65 Jahren (15%)
      • Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (24,7% vs. 10,5% der Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit)
      • Menschen mit Behinderung (diese werden jedoch nicht in der amtlichen Statistik erfasst)
         
  • Deutschlandweit sind vor allem die 18-25 Jährigen in besonderem Maß armutsgefährdet. 
    Jede*r Vierte (24,8) ist in dieser Altersklasse betroffen.
  • Im Alter sind in Deutschland Frauen mit 21,3% stärker betroffen als Männer (über 65 Jahren 17,3%, über 75 Jahren 15,8%). 
  • Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden, getrennt Erziehenden und Alleinlebenden ist mehr als doppelt so hoch wie in Durchschnitt der Bevölkerung in Baden-Württemberg.
  • Menschen mit Migrationshintergrund sind systematisch benachteiligt.
Wohnarmutsquote

Wohnen als eines der existenziellen Grundbedürfnisse gilt gleichzeitig als eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, welches massiven Einfluss auf die Lebensqualität und auf die Armutsgefährdung hat. 

Nach Berücksichtigung der Wohnkosten zeigt sich ein Anstieg der Armutsgefährdungsquote von 13,2% auf 19,9%. 

Statt 1,5 Millionen Menschen, sind 2,2 Millionen Menschen in Baden-Württemberg von Armut betroffen, ein Anstieg von knapp 750.000 Menschen. Hierbei sind längst auch Teile der gesellschaftlichen Mitte betroffen. 

Wer wird nicht erfasst? 

Bei der Berechnung der Armutsquoten durch das Statistische Bundesamt werden alle Personen berücksichtigt, die in privaten Haushalten leben und deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte liegt. Da sich die Armutsanalysen auf das Haushaltseinkommen stützen, für Menschen in Gemeinschaftsunterkünften jedoch keine entsprechenden Einkommensdaten vorliegen, werden ausschließlich Personen erfasst, die in einem eigenen Haushalt leben.

Nicht erfasst werden damit in der amtlichen Armutsstatistik unter anderem wohnungslose Menschen, Personen in Pflegeeinrichtungen oder Wohnheimen der Behindertenhilfe, Strafgefangene sowie Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften

Regionale Unterschiede:

Gemäß der Datenquelle MZ-SILC sind für folgende Regionen Daten verfügbar: 

  • Stuttgart: 12,6%
  • Karlsruhe: 14,9%
  • Freiburg: 13,1%
  • Tübingen: 12,4%

Ursachen von Armut

zwei Hände und eine Schere beim Haareschneiden
Niedriglöhne machen arm
  1. Niedriglöhne, prekäre und atypische Beschäftigung: 
    Trotz Mindestlohn reichen viele Löhne — gerade in Teilzeit oder befristeten Verhältnissen — nicht aus. Arm trotz Arbeit ist eine wachsende Realität auch in Baden-Württemberg. Jede*r fünfte Erwerbstätige in Baden-Württemberg verdient weniger als 12 €/Stunde.  (Quelle: DGB-Index Gute Arbeit).
    DGB Baden-Württemberg – Rentenreport
  2. Hohe Miet- und Wohnkosten: 
    Armutsgefährdete Haushalte in Baden-Württemberg wenden im Schnitt 45 % ihres Einkommens für Miete auf. Bezahlbarer Wohnraum fehlt, besonders in den Städten. 
    Bericht zur Wohnarmut 
    2. Bericht zur gesellschaftlichen Teilhabe: Wohnsituation armutsgefährdeter Menschen in Baden-Württemberg des MSGI
  3. Kaufkraftverlust durch Inflation: 
    Auch wenn die Lebensmittelinflation sich mittlerweile verlangsamt hat, kosten Lebensmittel heute immer noch etwa 30 Prozent mehr als 2021. Die Preissteigerungen haben Haushalte mit geringem Einkommen am Härtesten getroffen. 
  4. Unzureichende Sozialleistungen: 
    Die Bürgergeld-Regelsätze und Grundsicherung im Alter decken den tatsächlichen Bedarf für gesellschaftliche Teilhabe nicht ab. Die Armutsschwelle stieg von 1.381 € (2024) auf 1.446 € (2025) - die Regelsätze blieben jedoch unverändert (563 €). 
     Paritätische Stellungnahme zum...
    Studie zur Pflegearmut
  5. Bildungsbenachteiligung: Kinder aus armutsbetroffenen Familien haben geringere Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse.
    Landesarmutskonferenz BW
  6. Soziale Vererbung: Kinder aus armen Familien haben statistisch schlechtere Bildungschancen. In Deutschland dauert es durchschnittlich sechs Generationen, bis Nachkommen aus dem untersten Einkommensdezil beim Durchschnittseinkommen ankommen.

Folgen von Armut

junge Frau sitzt verzweifelt neben dem Bett auf dem Boden. Eine weiße Schrankwand im Hintergrund
  • Individuelle Folgen:
    • Gesundheit: Höhere Krankheitsraten, geringere Lebenserwartung.
    • Psychische Belastung: Scham, Ausgrenzung, Depressionen.
    • Teilhabe: Kein Zugang zu Kultur, Freizeit oder digitalen Medien.
  • Gesellschaftliche Folgen:
    • Höhere Kosten für Sozialsysteme (z. B. Gesundheitsausgaben).
    • Geringere Wirtschaftskraft durch fehlende Kaufkraft.
    • Soziale Spaltung und politische Instabilität.

Positionen und Forderungen

Unsere Forderungen an die Politik

Armutssensible Haltung als Grundverständnis: 
Armutssensibilität muss die Basis und Qualitätsmerkmal professionellen Handelns der Sozialen Arbeit, in der Pädagogik sowie in angrenzenden Bereichen wie Bildung, Gesundheitsförderung/ Prävention sowie in den Verwaltungsorganen – insbesondere im Kontext sozialstaatlicher Sicherung sein.  

  1. Familien wirklich absichern: Betreuung, Beratung und Vereinbarkeit Flächendeckende, verlässliche und kostenfreie Kinderbetreuung – von der Kita bis zum Ganztagsangebot – muss Realität werden. Nur so können Alleinerziehende und Frauen Vollzeit erwerbstätig sein und Altersarmut verhindern. Ergänzt durch niedrigschwellige, kostenfreie Familienberatung sichert das Land Familien in allen Lebenslagen ab.
  2. Bildungsgerechtigkeit herstellen: Herkunft darf kein Schicksal sein Das Land muss nachhaltig in Schulen, Schulsozialarbeit und Kitas in benachteiligten Lagen investieren – mit kostenfreien Kita-Plätzen, Ganztagsangeboten und multiprofessionellen Teams. Bildungserfolg darf nicht länger von der sozialen Herkunft abhängen.
  3. Wohnen und Mobilität als soziale Grundrechte sichern Sozialer Wohnungsbau muss Priorität haben, Mietendeckel sind zu prüfen. Gleichzeitig braucht es ein kostenloses oder stark vergünstigtes ÖPNV-Ticket für einkommensschwache Menschen – denn Mobilität ist die Voraussetzung für Arbeit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.
  4. Gesunde Ernährung und digitale Teilhabe für alle ermöglichen Kostenlose, gesunde Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen und Betreuungseinrichtungen gehört zum sozialen Fundament. Ebenso müssen armutsbetroffene Menschen Zugang zu Endgeräten, Internet und digitalen Kompetenzen erhalten – digitale Teilhabe ist soziale Teilhabe.
  5. Soziale Infrastruktur stärken: Teilhabe, Beratung und Begegnung vor Ort Beratungsangebote und Anlaufstellen müssen erhalten und ausgebaut werden, transparent und niedrigschwellig sein, zudem Hemmschwellen abgebaut werden. Konsumfreie Begegnungsorte und kulturelle Angebote vor Ort bekämpfen Einsamkeit und soziale Isolation und sichern gesellschaftliche Teilhabe.

Armutsberichterstattung

Blau-rot gestaltete Titelseite des Paritätischen Armutsberichts 2026

Was ist der Paritätische Armutsbericht?

  • Jährlich erscheinende Datenanalyse zur Armutslage in Deutschland und den Bundesländern.
  • Basierend auf amtlichen Statistiken (Mikrozensus, EU-SILC).
  • Enthält (teilweise) regionales Auswertungen, Risikogruppenanalysen und politische Forderungen.
  • Aktueller Bericht (2025):
    • Titel: "Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit – Paritätischer Armutsbericht Juni 2026"
    • Kernaussagen:
      • Armut in Deutschland auf Rekordniveau (16,1 %), in Baden-Württemberg 13,2%
      • Arme werden ärmer: Durchschnittseinkommen der Armen sank auf 921 € (2024).
      • Ein-Personen-Haushalte und Alleinerziehende zählen zu den am stärksten von Armut betroffenen Haushaltstypen.
      • 4,6 Millionen Personen leben in Deutschland in erheblicher materieller Entbehrung. Darunter etwa 1 Million minderjährige Kinder und Jugendliche und 650.000 Altersrentner*innen.
      • Aktuelle Vorschläge der Bundesregierung zum Sozialabbau (z. B. bei Wohngeld und Unterhaltsvorschuss) drohen die Armut bei Gruppen, die ohnehin besonders von Armut betroffenen sind, wie ältere
        Menschen und Alleinerziehende zu verschärfen.
Ansprechperson