Ich würde jedem wünschen, so aufzuwachsen!

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junge Frau stützt sich mit dem Ellenbogen auf eine Stuhllehne und lacht
Regina kam als Baby in ihre Pflegefamilie. Nun studiert die 19-Jährige Schauspiel.

Doch in Deutschland geben immer weniger Menschen Kindern, deren leibliche Eltern nicht mehr für sie sorgen können, ein zweites Zuhause. Und der Bedarf an Pflegeeltern ist groß. 

„Das Telefon klingelte spät – ob ich ganz schnell ein Baby aufnehmen kann.“ Andrea Leitgeb schildert, wie ihre Pflegetochter Regina zu ihr kam. Die studierte Sozialpädagogin mit vier eigenen Kindern war damals Bereitschaftspflege bei der kit jugendhilfe Tübingen. Also willens, vorübergehend ein Kind aufzunehmen, das wegen akuter Krise oder Gefährdung aus der Familie geholt werden musste. Daraus wurden 19 Jahre. So alt ist Regina nun, sie studiert heute an der Stuttgarter Schauspielschule. 

junge Frau in getreiftem Rock und weißer Bluse

Die Unterstützung ihrer Pflegefamilie habe ihr Sicherheit und Selbstbewusstsein gegeben, sagt sie. „Ich weiß jetzt, wer ich bin. Meine Pflegemutter war mein Fels in der Brandung. Obschon ich wohl nicht immer einfach war. Ich würde jedem wünschen, so aufzuwachsen!“ 

Doch für Jugendämter wird es zunehmend schwerer, passende Pflegefamilien zu finden, die Kindern und Jugendlichen Schutz, Geborgenheit im zweiten Zuhause geben, wenn leibliche Eltern zeitweise oder längerfristig nicht mehr für sie sorgen können. Der Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PFAD) schätzt: Jährlich fehlen bundesweit mindestens 4.000 neue Pflegeeltern. 2024 habe es über 200 Anfragen von Jugendämtern an die kit jugendhilfe gegeben, so Wera Thomßen, dort Bereichsleiterin für sozialtherapeutische Erziehungsstellen – ein Kind habe man vermitteln können. 

„Wir brauchen mutige neue Bewerberinnen und Bewerber“. 

Gerade für Null- bis Dreijährige seien Pflegefamilien wichtig, um tragfähige Bindungen aufbauen und sich positiv entwickeln zu können. 

Pflegemutter sein? Das kann sich Andrea Leitgebs leibliche Tochter Lara vorstellen. Die 23-Jährige macht den Master in Sozialer Arbeit, arbeitet in der Jugendhilfe. Vier Jahre war sie, als Regina kam, habe sich früh mit der Bedeutung von Familie auseinandergesetzt. Mit Regina habe sie „eine Schwester dazu gewonnen!“ Den Rahmen schuf Andrea Leitgeb mit Liebe, Bedacht, Erfahrung und fachlichem Hintergrund, sie ist seit 30 Jahren professionelle Pflegemutter. Das braucht? „Verständnis, Willen, Nerven, vor allem Wertschätzung, die oft schwere Herkunft im Auge!“ Viele der Kinder brächten Päckchen mit, die manche ihr Leben lang nicht trügen, hätten Förderungsbedarf. Pflegefamilien stünden in der Öffentlichkeit durch den regelmäßigen Austausch mit Jugendamt und anderen Stellen. „Wichtig ist ein Netzwerk, mit allen vertrauensvoll im Gespräch zu sein“, also die Verbindung zwischen Menschen im vertrauten Lebensumfeld des Pflegekindes – Eltern, Geschwister, Angehörige – und den Kontakten zu Vormündern, Jugendämtern, Gerichten, Kindergärten, Schulen und Therapierenden. 

Die kit jugendhilfe Tübingen vermittelt Pflegekinder nur in Familien, wo ein Partner vom Fach ist. Jugendämter machen es anders. Aber anfangs steht stets der Eignungsprüfungsprozess der Pflegepersonen. Wera Thomßen: „Wir beraten kontinuierlich in Reflexionsgesprächen, gehen auf die Lebensrealität des Kindes ein, unterstützen in Krisen.“ Andrea Leitgeb wechselt nun, da Regina erwachsen ist, selbst in die Beratung, benachteiligten Kindern ein neues Heim zu bieten, die Chance, neue Erfahrungen zu machen, Altes abzuschließen, das stiftet Sinn. Die ganze Familie habe Reginas Erfolge gefeiert. „Meilensteine, die man gemeinsam bewältigt, jeder Fortschritt freut wahnsinnig, macht auch stolz. Vielleicht werde ich ja mal Pflegeoma.“ 

Autorin: Petra Mostbacher-Dix, Journalistin, Kunsthistorikerin, Dozentin 

Beitrag aus ParitätInform 3/2025