Pressemitteilung: Paritätischer Armutsbericht 2019

Pressemitteilung - geschrieben am Freitag, 25. Juni 2021 - 14:57

Armut in Baden-Württemberg steigt auf 11,9 Prozent – deutliche regionale Unterschiede

Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg fordert vom Land eine gerechte Bildungs- und Familienpolitik

Stuttgart/Freiburg i.Br. 12.12.2019     Im heute veröffentlichten Armutsbericht 2019 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes weist Baden-Württemberg eine Armutsquote von 11,9 Prozent auf. Das ist eine Steigerung um 0,1 Prozent gegenüber der Auswertung vom Vorjahr. Damit ist Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich auf Rang zwei, direkt hinter Bayern. Insgesamt variieren die Armutsquoten in Baden-Württemberg auf niedrigem Niveau. Trotzdem sind die regionalen Unterschiede signifikant. Der nach wie vor höchsten Armutsquote in der Region Rhein-Neckar mit 14,8 Prozent steht die niedrigste in der Region Bodensee-Oberschwaben mit 10,6 Prozent gegenüber. Deshalb fordert der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg von der Landesregierung, auch regionale Entwicklungen in die Fortschreibung des Armuts- und Reichtumsberichts des Landes aufzunehmen und eine entsprechende Infrastrukturpolitik zur Armutsbekämpfung voranzutreiben.

„Im bundesweiten Vergleich steht Baden-Württemberg gut da. Dennoch ist die Armutsquote in unserem Bundesland im Zehnjahresvergleich, also seit 2008, um 16,7 Prozent gestiegen - bei gleichzeitig deutlich besserer wirtschaftlicher Entwicklung und während die Zahl der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger zurückging. Mehr Arbeit bedeutet also nicht automatisch weniger Armut“, erklärt Carlos Marí, Sprecher Regionalverbund Südbaden des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg und Geschäftsführer des Jugendhilfswerks Freiburg. „Nach den geltenden Berechnungsregeln wird jede Person als einkommensarm gezählt, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Für einen Single beispielsweise liegt die Armutsschwelle bei 1.035 Euro und für einen Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.174 Euro. Aus unserer Sicht handelt es sich hierbei um keine Armutsgefährdung, sondern um tatsächlich erlebte Armut, weil bei diesen Einkünften eine selbstverständliche Teilhabe an der Gesellschaft nicht möglich ist“, betont Carlos Marí.

„Bei uns finden jährlich 450-500 junge Menschen, die größtenteils hier in Freiburg auf der Straße leben, eine Anlaufstelle, in der sie sich eine warme Mahlzeit bereiten, gemütlich zusammensitzen, im Kreativraum künstlerisch austoben können, aber auch unterstützt werden, von der Straße wegzukommen“, erklärt Ann Lorenz, Bereichsleiterin bei der Freiburger StraßenSchule. „Was junge Menschen in Obdachlosigkeit und Armut brauchen – das sind Mitmenschen, die sich für sie interessieren! Sie wünschen sich ein Lächeln am Straßenrand und Orte, an denen sie willkommen sind und eine altersgemäße Unterstützung finden“, so Lorenz. Deshalb sei es auch in Südbaden dringend erforderlich, die psychologischen Hilfen und Notschlafplätze in der Stadt und Region auszubauen. Die Armutsquote in Südbaden liegt bei ?? Prozent, in der Stadt Freiburg i.Br. bei 4,1 Prozent (Quelle: Sozialbericht 2017)

Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg fordert vom Land eine gerechte Familienpolitik, die gleiche Rechte und gleiche Chancen für alle Familien schafft. „Wir müssen verhindern, dass sich Armut von Generation zu Generation überträgt und diese Familien automatisch schlechtere Lebensbedingungen und ihre Kinder weniger Bildungschancen haben“, ergänzt Marí. „Nicht nur unsere Armutsberichte, auch die aktuelle PISA- und Bertelsmann-Studie sowie weitere zeigen den Zusammenhang von Armut und Bildungschancen auf. Wir fordern daher das Sozial- und das Kultusministerium dazu auf, hier den Schulterschluss zu suchen. Unser Bildungssystem darf kein Kind zurücklassen. Die Debatte um verpflichtende Ganztagsschulen beispielsweise oder um andere bildungspolitische Maßnahmen, die notwendig sind, um Kindern gleiche Bildungschancen zu ermöglichen, muss ohne parteipolitische Scheuklappen geführt werden“, so Marí. „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ Dieses Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann zeigt vor dem Hintergrund der Armutsberichtserstattung, dass noch viel Arbeit vor uns liegt“, so Carlos Marí abschließend.

 

Hintergrundinformation:

 

Paritätischer Armutsbericht 2019

Der Verband untersucht in der vorliegenden Studie die Armutsentwicklung auf Länder- und

Regionalebene. In 35 von 95 Regionen ist die Armut laut Bericht zwischen 2008 und 2018

gesunken, darunter überwiegend ostdeutsche Regionen. In gut einem Viertel aller Regionen ist

die Armut im gleichen Zeitraum um mehr als 20 Prozent gestiegen. Insbesondere das

Ruhrgebiet bleibe mit einer Armutsquote von 21,1 Prozent bei 5,8 Millionen Einwohner*innen

Problemregion Nummer 1. Der Paritätische identifiziert darüber hinaus eine Reihe neuer

Problemregionen („Die Abgestiegenen“), die, von guter Ausgangslage in 2008 gestartet,

inzwischen ebenfalls Armutsquoten aufweisen, die über dem Bundesdurchschnitt liegen.

Besonders schlecht stellt sich die Entwicklung in Hessen dar: Gehörte das Bundesland vor

zehn Jahren noch zum wohlhabenden Süden, ist die Armut in Hessen seitdem um 24 Prozent

gestiegen und damit so stark wie in keinem anderen Bundesland. Der Paritätische weist schließlich auf die besondere Dynamik bei der Entwicklung von Altersarmut und der Armut Erwerbstätiger hin: Die Armut von Rentner*innen ist in den letzten zehn Jahren um 33 Prozent und damit so stark wie bei keiner anderen Gruppe angestiegen. Von den erwachsenen Armen seien 29 Prozent in Rente und 32 Prozent erwerbstätig. Jedes fünfte Kind lebt in Armut.

 

Den Armutsbericht 2019, weitere Infos und eine detaillierte Suchfunktion nach Postleitzahlen finden Sie unter: www.der-paritaetische.de/armutsbericht

 

Presseeinladung                                                                                                                                                                              Bild entfernt.

 

am 12. Dezember 2019 um 11.00 Uhr, Freiburger StraßenSchule (Anlaufstelle), Schwarzwaldstraße 101 in 79117 Freiburg

Paritätischer Wohlfahrtsverband stellt Armutsbericht 2019 zusammen mit (ehemals) obdachlosem Jugendlichen vor

Wir laden Sie herzlich zur Präsentation des Paritätischen Armutsberichts 2019 mit Blick auf Baden-Württemberg und die Region Südbaden/ Freiburg i.Br. ein.

Termin: Donnerstag, 12. Dezember 2019 um 11.00 Uhr in der Freiburger StraßenSchule (Anlaufstelle), Schwarzwaldstraße 101 in 79117 Freiburg

In der Freiburger StraßenSchule finden jährlich 450-500 junge Menschen, die größtenteils in Freiburg i.Br. auf der Straße leben, eine Anlaufstelle, in der sie sich eine warme Mahlzeit bereiten, gemütlich zusammensitzen, im Kreativraum künstlerisch austoben können, aber auch unterstützt werden, von der Straße wegzukommen.

Einer davon, ist Hubert (selbstgewählte Anonymisierung), heute 33 Jahre alt. Er hat es geschafft, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Ab seinem 21. Lebensjahr lebte er für rund 4 ½ Jahre u.a. in Freiburg i.Br. auf der Straße. Heute wohnt er in den eigenen vier Wänden und unterstützt die Arbeit der Freiburger StraßenSchule im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit über das Jobcenter. Der Weg, weg von der Straße, war nicht leicht. Bis er vor neun Jahren endgültig sesshaft wurde, kam es zu einigen „Loopings“ und einem erneuten Aufenthalt auf der Straße. Seine ganze Geschichte und was er in seiner täglichen Arbeit mit den wohnungslosen Jugendlichen erlebt, berichtet er am Pressetermin.

 

Weitere Gesprächspartner/innen sind:

Annika Beutel,          Leiterin Regionalverbund Südbaden des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg

Carlos Mari,              Sprecher Regionalverbund Südbaden des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg

Ann Lorenz,              Bereichsleiterin bei der Freiburger StraßenSchule

 

Wichtiger Hinweis:  Foto- und Filmaufnahmen mit Hubert können in Absprache mit der Pressestelle erfolgen.

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