Geflüchtete Frauen und Mädchen mit geschlechterspezifischen Gruppen stärken Landesweites Projekt „Takaa – Niroo“ zieht positive Zwischenbilanz

Pressemitteilung - geschrieben am Sonntag, 24. November 2019 - 19:25

Stuttgart/Reutlingen 22.11.2019    Bei vielen geflüchteten Frauen und Mädchen sind die seelischen und körperlichen Belastungen durch Krieg, Flucht und den Neuanfang in der Fremde besonders hoch. Sie brauchen Unterstützung, um trotz traumatischer Erfahrungen die Anforderungen zu meistern, die das Leben in Deutschland an sie stellt. Mit interkulturell ausgerichteten Mädchen- und Frauengruppen hilft das Projekt „Takaa – Niroo“ geflüchteten Frauen und Mädchen dabei, belastende Erfahrungen zu verarbeiten und sie für ihr Ankommen in der deutschen Gesellschaft zu stärken. Für die geflüchteten Jungen und Männer aus dem familiären und sozialen Umfeld der Frauen und Mädchen werden gesonderte Männergruppen eingerichtet. An den 15 Projektstandorten im Land nahmen bisher rund 370 geflüchtete Frauen und Mädchen sowie 180 Männer und Jungen teil (Stand September 2019). Träger ist die Werkstatt PARITÄT in Kooperation mit dem PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg. Das Projekt wird von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert und ist auf drei Jahre angelegt (01.01.18 – 31.12.20).

„Die geflüchteten Frauen und Mädchen sind oft psychisch sehr angeschlagen. Die Sorge um ihre Angehörigen in der Heimat und der Verlust von Familienmitgliedern belastet sie schwer. In den geschlechterspezifischen Gruppen fühlen sie sich wohl und frei, über ihre Fluchterfahrungen, ihre Lebenssituation und eigene Gewalterfahrungen zu sprechen“, berichtet Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg von den bisherigen Erfahrungen aus dem Projekt. Der Austausch über kulturtypische Frauenrollen, die Geschichte der Emanzipation von Frauen in Deutschland sowie über Frauenrechte gestalte sich oft sehr lebendig. Aber auch Themen wie Frauengesundheit, Verhütung und Familienplanung seien oft stark nachgefragt. „Allerdings wird vielen Frauen dadurch auch die Diskrepanz zwischen ihren eigenen Wünschen und denen der Partner deutlich. Während sie oft die deutsche Sprache lernen und beruflich Fuß fassen möchten, wünschen sich die Ehemänner häufig weitere Kinder,“ so Wolfgramm weiter.

„Geflüchtete Menschen werden in Deutschland oft mit ungewohnten Geschlechterbeziehungen und Geschlechterrollen konfrontiert“, sagt Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. „Frauen und Mädchen sehen sich häufig widersprüchlichen Erwartungen ausgesetzt. Das trifft auch auf geflüchtete Männer zu. Daher ist es im Sinne einer wirkungsvollen Gewaltprävention sehr wichtig, ebenso Männer gezielt anzusprechen“, ergänzt Dahl. „Auch sie müssen sich mit veränderten Rollenerwartungen auseinandersetzen und die bestehende Rechtslage bezüglich familiärer Gewalt kennen.“

„In der Frauengruppe spielen Körperarbeit, Entspannung, Traumakontrolle und -bewältigung eine große Rolle, aber auch Selbstbehauptung und die Abgrenzung zum anderen Geschlecht“, erklärt Beate Schäffer, Leitung der Frauengruppe bei pro juventa gGmbH, Reutlingen. „Wir haben besonders die Erfahrung gemacht, dass die Frauen in unserer Gruppe erstmalig die Bedeutung von Freiheit für sie als Frauen verstehen“, ergänzt ihre Kollegin Birgit Ehinger.

„In der Männergruppe arbeiten wir vor allem mit vertrauensbildenden Maßnahmen wie das biografische Erzählen“, sagt Reiner Weik, Leitung der Männergruppe bei Hilfe zur Selbsthilfe Reutlingen gGmbH. „So können wir auch Themen wie Vorstellungen über Frauen- und Männerrollen besprechen. Die Vorstellungen darüber sind in der Herkunftsgesellschaft oft ganz andere, als hier in der Aufnahmegesellschaft, dies führt zu Unsicherheiten bei den Männern.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Umgang mit Stress. Manche Männer sind ohne Familie hier und müssen sich ein Zimmer mit einem anderen Mann teilen. Dies kann zu Konflikten und Auseinandersetzungen zwischen den Männern führen. Es ist dann hilfreich, wenn wir dies in der Gruppe besprechen und Handlungsalternativen entwickeln. Entscheidend bei unserem Angebot ist, dass die Männer auch ihre eigenen Erfahrungen in die Gruppen einbringen, vor allem diejenigen, die schon länger hier leben. Es ist gut und wichtig, dass es diese Gesprächsangebote gibt und ich wünsche mir, dass sich noch mehr Männer darauf einlassen“, so Weik.

Hintergrundinformation

Takaa – Niroo: Bestärkungsprogramme für geflüchtete Frauen und Mädchen ist ein Projekt der Werkstatt PARITÄT gemeinnützige GmbH in Zusammenarbeit mit dem PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg. Die Werkstatt PARITÄT ist eine 100%ige Tochter des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg. Takaa (persisch) und Niroo (arabisch) bedeuten Kraft. Das Projekt wird an 15 Standorten im Land durchgeführt und dient der Stärkung von geflüchteten Frauen und Mädchen. „Takaa – Niroo“ wird bis Ende 2020 von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert. Weitere Informationen zum Projekt unter www.werkstatt-paritaet-bw.de.

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