Zunahme von Bildungsungerechtigkeit in Zeiten von Corona

Fachinformation - geschrieben am Mittwoch, 29. April 2020 - 12:26

Am 17.03.2020 wurden in Baden-Württemberg die Schulen und Kitas aufgrund der schnellen Ausbreitung von COVID-19 geschlossen. Aus Sicht des Gesundheitsschutzes damals eine wichtige Maßnahme. In Bezug auf die Corona-Pandemie hat die Politik mittlerweile einiges auf den Weg gebracht und Verbesserungen der Situation für viele Zielgruppen erreicht.

 

Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen an Schulen gefährdet

Wer in den Überlegungen bisher leider weitestgehend vergessen wurde, waren die Eltern und vor allem deren Kinder und Jugendliche. Diese Gesellschaftsgruppen sind derzeit vor besondere Herausforderungen gestellt. So gilt es für Eltern den Familienalltag zu managen, Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig Kinder im Homeschooling selbst zu unterrichten. Alles ohne methodisch-didaktische Ausbildung. Kinder und Jugendliche, die bisher die Struktur und die Förderung der Schule gewöhnt waren, sind nun unter Umständen sich selbst überlassen, weil ihre Eltern den beschriebenen Spagat zwischen Arbeit, Kinderbetreuung und Homeschooling nicht bewältigen können oder sich von den neuen Herausforderungen überfordert fühlen. Die Chancen- und Bildungsgerechtigkeit dieser Gruppe sind derzeit sehr gefährdet. Aus diesem Grund haben sich 42 renommierte Bildungsexperten in einem offenen Brief an die Kultusministerkonferenz (KMK) gewandt und dafür ausgesprochen, Kinder und Jugendliche aus sozialbenachteiligten Verhältnissen bei der Schulöffnung vorrangig zu berücksichtigen. Es ist zu hoffen, dass dieser offene Brief Wirkung zeigt und die KMK diese Empfehlung bei der Erarbeitung ihres Konzeptes über die weitere schrittweise Öffnung von Schulen berücksichtigt wird.

 

Ähnliche Situation in Kindertageseinrichtungen

Auch im Bereich der Kindertagesstätten ist es sehr wichtig, dass es für Kinder aus sozialbenachteiligten Verhältnissen schnell eine gute Lösung geben muss, weil durch frühkindliche Bildung der Grundstein zum Bildungserfolg gelegt wird. Ob Kinder gut aufwachsen können, hängt neben der materiellen Existenzsicherung von individuellen Faktoren, dem familiären bzw. sozialen Umfeld und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Zu letzterem gehören Kitas und Schulen. Schon ohne die Corona-Pandemie machen diese Faktoren 15-20% der Entwicklungsfaktoren von Kindern aus. Das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Nifbe) geht davon aus, dass in diesem Bereich aufgrund der Krise viel höhere Werte zu erwarten sind.

 

Weiterer Ausschluss von Bildungsangeboten nur auf Basis wissenschaftlicher Daten

Aus diesem Grund darf ein längerer Ausschluss von einer breiten Anzahl von Schüler*innen und Kita-Kindern von ihren Bildungsangeboten nur auf Grundlage von wissenschaftlichen Daten erfolgen. Das Bundesland Baden-Württemberg hat nun, leider erst fünf Wochen nachdem die Schulen und Kindertagesstätten geschlossen wurden, eine Studie darüber in Auftrag gegeben, welche Rolle Kinder unter zehn Jahren bei der Verbreitung des Corona Virus spielen. Ein Schritt in die richtige Richtung.

Zu begrüßen ist weiterhin, dass die Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder (JFMK) am 28.04.2020 einen Beschluss zu einem stufenweisen Einstieg in die Kindertagesbetreuung gefasst hat, bei dem die soziale Situation der Kinder und Familien berücksichtigt werden soll. Dieser Beschluss soll in die Beratung der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten am 30. April mit einfließen.

Natürlich müssen bei einer Öffnung von Schulen und Kindertagesstätten für die oben beschriebene Zielgruppe der Gesundheitsschutz für Kinder und Jugendliche als auch für das Fachpersonal an oberster Stelle stehen und gewährleistet werden.

Homeschooling: Status Quo

Da Schulen und Kitas derzeit geschlossen sind, ist das Thema Homeschooling gerade in aller Munde. Hier zeigt sich, dass der Beschluss des Digital Pakt Schule eine wichtige und richtige Entscheidung war. Was sich durch die Krise nun offenbart ist, dass die Umsetzung der Thematik zu spät erfolgt. Deswegen kommt es nun zu gravierenden Unterschieden bei der Ausgestaltung des Fernunterrichts. Einige Schulen und Lehrer*innen sind noch nicht einmal auf digitale Kommunikation vorbereitet. Von digitalem Unterricht sind viele noch sehr weit entfernt. Da es keine einheitlichen Vorgaben und Standards vom Kultusministerium gibt, ist der Bildungserfolg von Schüler*innen derzeit vom Engagement und der Kompetenz der Lehrer*innen abhängig. Manche Schüler*innen haben Glück und haben Lehrkräfte, die sich mit der Digitalisierung von Bildungsprozessen auskennen und in diesem Bereich fachkundig sind. Eine andere Gruppe der jungen Menschen hat derzeit leider andere Lernbedingungen, weil die digitalen Kompetenzen bei der Zielgruppe und ihren Lehrer*innen nicht vorhanden sind. Weiterhin fehlt eine einheitliche Lernplattform, mit der alle Lehrkräfte arbeiten. Da Frau Dr. Eisenmanns Prestigeprojekt „Ella“ trotz langer Vorbereitungszeit und großem Ressourceneinsatz gescheitert ist, kommen derzeit unterschiedliche Tools zum Einsatz. Auch hier sind Standards vom Kultusministerium wünschenswert. Da Schule den Anspruch für sich erhebt Vergleichbarkeit herzustellen, sollte dies auch im Bereich des Einsatzes von digitalen Unterrichtsmethoden und Tools erfolgen - vor allem, weil alle Schüler*innen in Baden-Württemberg in der Schule die gleichen Bildungsvoraussetzungen vorfinden sollten.

 

Einsatz von digitalen Unterrichtsmethoden ist wichtig, jedoch kein Allheilmittel

Der Einsatz von digitalen Hilfsmitteln bei der Gestaltung des Fernunterrichts ist jedoch kein Allheilmittel. Prof. Dr. Fabian Dietrich, Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Uni Bayreuth, macht darauf aufmerksam, dass Unterricht  eine Face-To-Face Interaktion ist und den wesentlichen Charakter von Schule darstellt. Gerade ist beobachtbar, dass Lehrkräfte auf tradierte Praktiken und Formen zurückgreifen und sich ihre Unterstützung der Kinder und Jugendlichen auf das z. T. virtuelle Versenden von Arbeitsblättern und Aufgaben beschränkt. Wirkliche Lernprozesse im Sinne der Aneignung von neuen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Sachverhalten finden so nicht statt. Ebenso findet keine wirkliche Lernziel- und Lernerfolgskontrolle statt. Der normale Unterricht kann so dauerhaft nicht kompensiert werden. Auch der Verband für Bildung und Erziehung warnt mittlerweile vor einem dauerhaften Fernunterricht und spricht sich für eine Rückkehr aller Grundschüler*innen im Juni aus. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es bis Mitte Juni auf jeden Fall noch Fernunterricht geben wird. Deswegen müssen hier schnell und pragmatisch neue methodische Lernansätze im System Schule etabliert werden, wie zum Beispiel Unterricht über virtuelle Klassenzimmer. Um dies umzusetzen, müssen Lehrer*innen, die Weiterbildungsbedarf haben, schnell geschult und weitergebildet werden.

Bildung ist als ganzheitliches lebenslanges Konzept zu verstehen, das von der frühen Kindheit an gefördert werden muss. Durch die Corona-Krise zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien beim Bildungserfolg den Anschluss verlieren und sich Bildungsungerechtigkeiten weiter ausbreiten.

Aus Sicht des PARITÄTISCHEN sind folgende Schritte nötig, um Bildungsgerechtigkeit auch in Zeiten von Corona zu gewährleisten:
  • Schnelles Bereitstellen von Weiterbildungsbudgets für Lehrkräfte und schnelle Bereitstellung von Weiterbildungen im Bereich digitaler Unterricht, um die digitalen Kompetenzen aller Lehrkräfte zu fördern und auf ein ähnliches Niveau zu bringen
  • Einheitliche Standards des Kultusministeriums in Bezug auf die Nutzung von digitalen Tools
  • Schnelle Einführung einer einheitlichen Lernplattform durch das Kultusministerium
  • Kinder und Jugendliche aus sozialbenachteiligten Familien bei der Rückkehr in Kindertageseinrichtungen und Schulen bevorzugt behandeln und deren soziale Isolation aufheben
  • Unterstützung von sozialbenachteiligten Familien, die beim Homeschooling benachteiligt werden, da sie keinen Zugang zum Internet haben - in Form von Bereitstellung von Ressourcen in den Bereichen Hardware und digitaler Infrastruktur
  • Weiterer Ausschluss von Kindern und Jugendlichen im Bereich Kita und Schule nur auf der Basis von wissenschaftlichen Daten
  • Mehr Transparenz des Kultusministeriums bei den getroffenen Entscheidungen bzw. wie diese zustande kommen.
  • Ausbau des Breitband-Internets in ländlichen Regionen
  • Freier Zugang zum Internet auf zentralen kommunalen Plätzen
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