Suchtselbsthilfe 2030 - komplett digital?

Fachinformation - geschrieben am 27.05.2022 - 14:50
Junge Menschen zeigen auf einen Laptop

„Ich heiße Marc und ich bin süchtig.“ So begannen viele Menschen weltweit ihre Suchtselbsthilfetreffen, analog, bis 2019. Die Corona Pandemie hat viele Menschen umdenken lassen oder sie gezwungen, umzudenken. Der Wert persönlicher Begegnung wurde neu definiert. Suchtkranke waren aufgrund der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus einem höheren Risiko ausgesetzt, sich sozial zu isolieren. Partner*innen, Eltern und Kinder von Suchtkranken waren aufgrund der Kontaktbeschränkungen gleichermaßen betroffen und besonderen Belastungen ausgesetzt. Sie alle hatten vielfach weniger Ressourcen, um diesen neuen Zustand zu kompensieren. Der neue Zustand wurde bekannt als New Normal.

Technische Ausstattung

Digitalisierung, begann schleichend und kaum merkbar. Anfangs hatten die Leute noch Bedenken, dass so viel Alltägliches in den digitalen Raum verschoben wurde. Smartphone, Smart TV, Smart Home und nun auch noch smarte Selbsthilfegruppen. Im Jahr 2030 finden alle Selbsthilfetreffen im virtuellen Raum statt. Virtuelle und erweiterte Realitäten waren in den 2020er Jahren noch kühl, nüchtern und nur mit teurem Equipment erlebnisreich. Heute treffen sich Menschen wie selbstverständlich in ansehnlich gestalteten virtuellen Gruppenräumen. Die klapprigen Stühle der vergangenen Stuhlkreisära der 1980er sind durch kreative virtuelle Sitzgelegenheiten für unsere digitalen Avatare ersetzt worden. Der Gruppenraum sieht auch moderner aus und hat einen virtuellen See- und Alpenblick. Auch lässt sich an der Wand manchmal ein lustiges digitales Gemälde ausmachen, dass die grafischen Vorversionen der Avatare aus den 2025er Jahren zeigen. Verrückt, wie man damals Gruppen gemacht hat, total verpixelt.

Breitbandausbau 2022

Bei dem virtuellen Tee- und Kaffeeautomat liegt noch eine alte Zeitung zum Thema „Breitbandausbau in Deutschland 2022 aus Sicht der Sozialen Arbeit“ die ich mir mal schnell noch in meine visuelle Cloud ziehe. Ich lese von den damaligen Bestrebungen, die ganze Bundesrepublik digital kompetent zu „machen“. Schulungsprogramme für Hochaltrige, Suchtkranke, sozialpädagogische Fachkräfte- ja eigentlich wurde da jede*r fortgebildet, die oder der nicht bei drei auf den Bäumen war. Wie sich herausstellte, verursachte die Corona-Krise plötzlich die Notwendigkeit, die Beratungspraxis für Suchthilfe und Suchtselbsthilfe auf digitale Formate umzustellen. Um dies anbieten und sicherstellen zu können, mussten Suchthilfeeinrichtungen und Selbsthilfegruppen mit neuen arbeitsbedingten Kosten rechnen. Enormen Kosten. Es stellte sich heraus, dass Video, Telefon, E-Mail und Chat praktikable Möglichkeiten für Selbsthilfegruppen-Teilnehmende sind, gegen jede analoge Erwartung. Dies bedeutete, dass mobile Endgeräte, externe Kameras und Headsets sowie die dazugehörigen Datenvolumen und Bandbreiten zur Verfügung gestellt wurden. Quasi über Nacht.

Datenschutz und Schulungen

Um den Datenschutz einzuhalten, mussten auch Suchtselbsthilfegruppen sicherstellen, dass sie den Zugriff in Bezug auf personenbezogene Daten und Informationen beachten – dies garantierte die Sicherheit ihrer Daten auch nach dem großen Crash 2028. Um die Internetsicherheit zu verbessern, wurden neue Maßnahmen erforderlich. Die Datenübertragung zwischen externen Instituten musste ausgebaut werden.

Ein spannender Bereich, so lese ich, war die Entwicklung von Schulungsangeboten zu Kompetenzen in digitaler Einzel- und Gruppenberatung und Krisenintervention. Dies war ebenfalls sicherzustellen, damit Digitalisierung nicht auf technische Aspekte reduziert wurde. Clever! Ein zentrales Element in der Beratung und Betreuung ist und war die Beziehung – deshalb ist der persönliche Kontakt wichtig. Dies gilt sowohl für die professionelle Suchthilfe als auch für die Suchtselbsthilfe. Aufgrund der Corona- Pandemie wurde technologiebasierte Kommunikation über Nacht wichtiger denn je, da sie manchmal lebensrettend sein kann. In einem nicht persönlichen Setting eine neue Beratungsbeziehung aufzunehmen und zu stabilisieren war damals schon und wird auch heute eine besondere Herausforderung bleiben.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Ein weiterer Aspekt der Digitalisierung 2022 war bei den veralteten Angeboten der Suchtselbsthilfe zunehmend wichtig. In ländlichen Gegenden sind die Dörfer oft weit voneinander entfernt und ausreichende Internetgeschwindigkeiten waren bis dato oft schwer zu garantieren. Dies machte es Betroffenen schwer, jemanden um Hilfe zu bit- ten. Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, dass weite Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht angetreten werden – dies hat besonders die Selbsthilfe zu spüren bekommen. Ein Weg, Menschen mit Beratungsbedarf zu erreichen, waren und sind qualitätsbasierte, digitale Angebote. Dies kann eine Alternative zu schwer skalierbaren persönlichen Beratungsangeboten sein. Es wird angenommen, dass viele Zielgruppen (junge Menschen, Senioren, Menschen mit Einschränkungen und besonderen Risiken…) dadurch besser erreicht werden konnten.

Der Wert persönlicher Beziehung wurde lange mit physischer Anwesenheit assoziiert. Nur wer physisch da ist, ist auch wirklich da. Nur physische Begegnung ist wahre Begegnung. Heute hören sich solche Glaubenssätze an wie ein Relikt aus dem Mittelalter. Sowohl in der Arbeit als auch in unserem Privatleben hat sich die Beziehung und die Kommunikation in den letzten Jahren stark verändert. Diese Änderung ist maßgeblich auf die damalige Corona-Pandemie zurückzuführen. Auch deshalb hat sich die Suchtselbsthilfe zeitweise komplett in den virtuellen Raum verlagert.

Virtuelle Straßen und Dörfer

Seitdem entstanden verschiedene virtuelle Gemeinschaften für die jeweiligen Bedarfe im Suchtselbsthilfebereich. Aus einzelnen Räumen in Videokonferenzen aus dem Jahre 2020 wurden virtuelle Gemeinschaften 2022, daraus wurden kleine virtuelle Häuser 2023, virtuelle Straßen und sogar kleine virtuelle Dörfer ab dem Jahre 2028, die mit Menschen belebt wurden, die eines gemeinsam haben: Sie wollen mit ihrer Erkrankung leben lernen. Die Suchtselbsthilfe ist ein nach wie vor wichtiger Bestandteil der Suchthilfe. Fachkräfte sehen nach wie vor in ihr einen Eckpfeiler der Sozialpolitik und der Zivilgesellschaft. Die Suchtselbsthilfe bietet eine wichtige Verbindung für Menschen, die Antworten auf ihre Probleme mit Drogen oder Alkohol suchen.

Die Suchtselbsthilfe ist systemrelevant und rückfallvorbeugend! Und im Jahr 2030 komplett digital strukturiert.

Marc Hasselbach

Sozialpädagoge (B.A.)

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Beitrag aus PARITÄTinform 1/2022

blauer Plastikstuhl

Die klapprigen Stühle der vergangenen Stuhlkreisära der 1980er sind durch kreative virtuelle Sitzgelegenheiten für unsere digitalen Avatare ersetzt worden.

Marc Hasselbach, Sozialpädagoge

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