Fachtag mit der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg

Am 11.Dezember 2009 fand in der Jugendherberge Stuttgart International der Fachtag „Aufeinander zugehen statt ausgrenzen“ statt. Nach einem Zitat von Franz Kafka „Es gibt ein Ziel aber keinen Weg; was wir Weg nennen ist Zögern.“ – hat der Paritätische gemeinsam mit der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg diese Veranstaltung geplant und organisiert. Anlass des Fachtags war, dass der Zugang von MitbürgerInnen mit Migrationshintergrund zu den Angeboten der Einrichtungen und Dienste der sozialen Arbeit nicht gleichermaßen vorhanden ist wie für MitbürgerInnen ohne Migrationshintergrund. Im Fokus standen die Bereiche Altenhilfe, Behindertenhilfe und Gesundheit.

Als größte Hürde für den Zugang von Menschen mit Migrationshintergrund in die Angebote gilt die fehlende Basis für ein aufklärendes, informatives und persönliches Diagnosegespräch. Eine gemeinsame Sprache und Verständnis für Unterschiede sind hierbei nur zwei Aspekte von vielen, welche die Zusammenarbeit maßgeblich beeinflussen.

Dies bestätigt der Landesintegrationsbeauftragte Prof. Dr. Ulrich Goll in seinem Beitrag zum Fachtag. Vorsorgemaßnahmen werden unterdurchschnittlich in Anspruch genommen. Goll berichtete von Maßnahmen zur Sensibilisierung des Personals. Beispielsweise beinhaltet der baden-württembergische Lehrplan für Berufsfachschulen in der Altenpflege eigenständige Einheiten wie die „Situation älterer Migranten“ in bestimmten Lernbereichen. Oder die islamische Seelsorge im Esslinger Klinikum.

Diese Beispiele sind ein guter Anfang für die vom Landesgeschäftführer des Paritätischen, Hansjörg Böhringer, betonte „Notwendigkeit auf die Bedürfnisse aller BürgerInnen in Baden-Württemberg eingehen“ zu können. Dennoch müssen dringend weitere Taten folgen!

Dass zu lange nichts unternommen wurde beklagt Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland, in seiner Rede: „Tragisch ist die Zerrissenheit und Verzweiflung der ersten Generation. Die Situation der älteren Einwander/innen erscheint für die meisten sozialpolitischen Akteure nicht dramatisch genug zu sein, um die Dringlichkeit für sozialpolitische Maßnahmen für diese Zielgruppe zu belegen“. So fragen sich ältere MigrantInnen heute, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbringen sollen. „Hier“ werden sie nicht wie gleichwertige MitbürgerInnen behandelt, „dort“, in der Türkei, sind sie auch MigrantInnen. Kenan Kolat kritisiert nicht nur die Haltung der sozialpolitischen AkteurInnen. Auch die MigrantInnen selbst haben kaum darüber nachgedacht. Die Vernetzung der Institutionen mit den MigrantInnenvereinen, die Errichtung von zentralen Beratungsstellen und die Kooperation mit den Pflegeheimen in der Türkei gehören zu Kolats wichtigsten Lösungsvorschlägen. Unabdingbar für jegliche konkrete Maßnahme ist jedoch die finanzielle und institutionelle Absicherung.

Den Impulsreferaten folgte ein Auftritt vom Kabarettisten Peter Grohmann, der in seinem Beitrag über den „gemeinen Türken an sich“ schon Mal ein Tabu brach. In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen ExpertInnen aus den verschiedenen Bereichen der Altenhilfe, der Behindertenhilfe und der Gesundheit zu Wort. Anhand der Erfahrungen aus der Praxis wurde auch aus dem Publikum heraus betont, dass es in allen drei Themenbereichen der Sozialarbeit einen hohen Nachholbedarf bezüglich interkultureller Kompetenz gibt.

Am Nachmittag begannen die drei Workshops Altenhilfe, Behindertenhilfe und Gesundheit unter dem Motto: „Wie können Zugänge für Menschen mit Migrationshintergrund erleichtert werden?“ Hier wurden Lösungsansätze aus verschiedenen Perspektiven skizziert. Die Ergebnisse können Sie der Dokumentation im Anhang entnehmen. Der Paritätische möchte sich in weiterführender Kooperation mit der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg für eine Öffnung der Einrichtungen und Dienste stark machen. Der Fachtag war ein bedeutender Auftakt zu diesem Vorhaben. Nähere Informationen erhalten Sie in unserer Ergebnisdokumentation zum Fachtag auf unserer Homepage, Fachbereich Migration.
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